ARCHIV Günter G. Rodewald mit Neuigkeiten aus der Buchwelt der katalanischen Hauptstadt

Lesen aus der Vogelperspektive

Lange hat der Kolumnist aus Barcelona geschwiegen. Nicht die Ereignisse vor Ort oder die Themen wären ihm ausgegangen, es waren eher so viele, dass ihm Zweifel aufkamen, welche Nachrichten aus Barcelona und von der Iberischen Halbinsel den BuchMarkt-Leser wirklich interessieren könnten.

Hätte der wirklich wissen wollen, wie man hierzulande das Auftreten der Katalanischen Kultur auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse verarbeitet hat? Denn nach der großen bis pompösen Präsentation bleibt als große Ungewissheit, ob die vielen Publikationen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen konnten oder noch werden.

Stand der unglaublich hohe Aufwand – beharrlich werden die tatsächlichen Zahlen der geflossenen Subventionen unter Verschluss gehalten – im Verhältnis zu einem ablesbaren Ergebnis in gewachsenen Publikations-, Auflagen- und Leserzahlen katalanischer Autoren?

Hoffentlich bleibt den Besuchern, die am Messesonntag noch am katalanischen Gemeinschaftsstand vorbeiflanieren wollten, nicht nur der trostlose Eindruck im Gedächtnis, den der Stand ab dem Mittag bot. Sämtliche Regale waren leergeräumt und Tonnen von Büchern, Katalogen und Broschüren waren auf die Messegänge gekippt worden, so dass die Besucher über diese Kulturabfallberge steigen mussten. Ganz offensichtlich war bereits die gesamte Delegation wieder auf dem Weg nach Hause – so massenhaft wie man vorher angereist war – und das Standpersonal abgezogen worden.

(Eine weitere und treffliche Vertiefung in dieses Thema bietet die Kolumne „Mitten aus Barcelona“ von Cecilia Dreymüller, nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der „Literaturen“ und auf www.literaturen.de).

Nicht genug thematisiert worden ist bislang das Thema der Übersetzungs- und Literaturförderung, die das katalanische Kulturministerium durch das Institut Ramón Llull so gebefreudig, nahezu verschwenderisch verteilt hat. Welches Risiko trägt denn noch wirklich der Verleger, dem die gesamten Übersetzungskosten, Produktions- und Werbeunterstützung eines Buches spendiert werden, außer dass er sich ohne diese Hilfe nur die Blöße geben müsste, keinen zum Messethema passenden Autor in seinem Katalog präsentieren zu können?

Bei einer solchen Inflation bei der Subventionsvergabe droht der gegenteilige Effekt zu greifen: Wenn der Verleger eigentlich keinen eigenen Einsatz mehr aufbringen muss, schließlich ist fast die gesamte Investion gedeckt, wie soll dann ein Engagement entstehen, einem nicht oder nur wenig bekannten Autor zum Durchbruch zu verhelfen?

Ohne Begeisterung entsteht kein Erfolg im Buchgeschäft. Zu leicht verkümmert dann die subventionierte Ware in den Regalen und verschwindet sehr schnell wieder aus dem Bewusstsein. Am Ende wird es wieder nur noch lapidar heißen, „geh’ mir los mit den Katalanen, die verkaufen sich doch sowieso nicht, haben wir doch gesehen damals 2007 …“

Könnte es den Leser interessieren, dass am kommenden Sonntag in Spanien eine neue Regierung gewählt werden soll und wie sich die Voraussagen, Hoffnungen und Befürchtungen darum gruppieren? Dazu fiele dem Berichtserstatter manches zu skizzieren ein … Das jedoch – ist zu befürchten – würde wohl den Rahmen der Kolumne in einer Fachzeitschrift sprengen.

Dennoch haben die Wahlen einen direkten Zusammenhang mit einem anderen Ereignis, das wiederum auch eine Verbindung zur Buchwelt bietet: Schon vor 16 Jahren sollte sie in Betrieb gegangen sein, die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zwischen Barcelona und Madrid. Zu einem delikaten Prestigeobjekt hatte sich diese moderne Verkehrsverbindung im Laufe der Jahre entwickelt, deshalb mussten die ersten von Siemens gebauten Züge auch pünktlich zum Start in den Wahlkampf über die Trassen rasen.

So manchen Verleger wird man in Zukunft in den drei Klassen der Abteile dieser hypermodernen Stromlinienzügen sitzen, lesen oder sich besprechen sehen. Inzwischen unterhalten alle größeren Verlage mit Sitz in Barcelona oder Madrid auch Dependancen in der jeweiligen anderen Metropole – in funktional bis zu repräsentativ ausgestatteten Kontoren arbeitet und residiert man da.

Die in den Niederlassungen arbeitenden Verleger und Mitarbeiter sind aber auch gezwungen, viel, beizeiten mehrmals während der Woche, zwischen den Städten hin- und herzureisen. Bislang war das nur praktikabel mit dem Flugzeug, über den Puente Aereo, die Luftbrücke. Denn für die Passage in traditionellen Waggons benötigte der Reisende für die knappen 650 Kilometer bislang sieben bis acht Stunden, nur noch gute 2 ½ sind es jetzt mit dem AVE geworden. AVE heißt auf Spanisch nicht nur Vogel, sondern ist auch die Abkürzung für Alta Velocidad Española (spanische Hochgeschwindigkeit).

Mit ihm „fliegt“ man also von einem Stadtzentrum in das andere, ist also genau so lange wie mit dem Flieger unterwegs, wenn die An- und Abfahrten zu und von den Flughäfen summiert werden. Manchen Verleger wird man also treffen, wie er die Zeit im entspannten Kabinensessel für die Lektüre zum Beispiel eines deutschen Buches nutzt, um es für die Übersetzung ins Spanische oder Katalanische in Erwägung zu ziehen.

Wohlmöglich liest er dann gerade einen der in den Fokus hiesiger Verlage geratenen deutschen Krimiautoren, um ihn pünktlich zum nächsten Krimifestival in Barcelona im Februar 2009 zu publizieren, der BCNegra, deren Ausgabe 2008 gerade mit großem Erfolg abgehalten wurde.

Aus Deutschland war dazu Andrea Maria Schenkel eingeladen worden, aus Norwegen Anne Holt, aus Italien Gianrico Carofiglio, aus England Philip Kerr, aus Griechenland Petros Markakis und viele andere mehr. Die Autorin von „Tannöd“ war zur Veröffentlichung der spanischen und katalanischen Ausgabe ihres Bestsellers angereist, in Begleitung ihrer deutschen Verlegerin Hanna Mittelstädt von der Edition Nautilus.

Sicher haben die beiden nicht nur bei den angeregten Treffen mit ihren Lesern und den Krimibesessenen der Stadt, sondern auch in der schon vorfrühlingshaften Sonne, unter dem strahlendblauen Himmel und bei den Spaziergängen am Mittelmeer zusätzliche Kräfte getankt, um im Plagiatprozess vor dem Landgericht München um so entschiedener auftreten zu können.

Wie man weiß, hatte das uneingeschränkt Erfolg [mehr…]. Barcelona ist also nach wie vor die sprichwörtliche Reise wert. Vielleicht ist das ja die Information, die den Lesern der Kolumne am meisten interessieren könnte?

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner www.uklitag.com in Barcelona

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