ARCHIV Günter G. Rodewald über den Salón del Cómic und den Superstar des Día de Sant Jordi 2008: Carlos Ruiz Zafón

Aus den U-Bahn-Schächten der Plaça Espanya in Barcelona sah man in der vergangenen Woche und um so zahlreicher am Wochenende bunte bis malerisch im Manga-Look maskierte und geschminkte junge Menschen steigen und die Avenida Reina Mª Cristina hinauflaufen.

Sie hatten alle das gleiche Ziel: In der Halle 8 des Messegeländes war zum 26. Salón del Cómic geladen worden. Diese alljährliche Messe um Comics, Graphic Novels, Mangas, ihre Macher, Leser und Fans hat ihre Erwartungen mehr als erfüllt, denn wieder einmal konnte der Publikumsrekord des Vorjahres übertroffen werden: Mehr als 100.000 Besucher kamen dieses Mal.

Durch eine wenig charmante Halle schoben sich aber um so neugierigere Besucher an den Ständen der Verlage, Comic-Buchläden, der Fanzine und den verschiedenenen kleinen thematischen Einzelausstellungen vorbei, und warteten mit stoischer Geduld und vorbildlicher Disziplin in langen Spalieren auf ein Autogramm ihrer Lieblingsautoren und -zeichner.

Signierschlangen bei Comicautoren bewegen sich zwingend viel langsamer vorwärts als bei klassischen Signierstunden, da diese ihren Fans nicht nur ein schlichtes “Für Christian und seine Frau” oder “Für Susanna” ins Vorsatzpapier hauchen, sondern sich auch Zeit für eine persönliche, gezeichnete Widmung nehmen, und ihren Lesern einen Original-Comic ins Heft oder Buch malen.

Im Special Junge Zielgruppe im März-BuchMarkt hatte Susanne Theune bereits die hochlebendige und dynamische Comic-Landschaft und ihre große Lesergemeinde in Spanien und Barcelona geschildert. Der Besuch der Messe und das ungemein lebhafte Treiben ihrer Besucher hat ihren Bericht anschaulich illustrieren können.

Vom 30. Oktober bis zum 2. November werden die Veranstalter des Salón del Cómic www.ficomic.com ein weiteres Ereignis organisieren, den XIV. Salón del Manga. Er wird in Hospitalet del Llobregat stattfinden, einer Vorstadt Barcelonas, die zur großen Metropolitana zählt. Ausstatten konnten sich die Manga-Fans für diese Veranstaltung schon auf dem Salón, große Verkaufsstände lockten mit faszinierenden Kostümen, vielfachem dekorativem Nippes für das angemessene outfit. Der Kolumnist wird es sich nicht nehmen lassen, im Herbst auch auf dem Salón del Manga vorbeizuschauen, denn so viele hübsche und schöne Menschen sieht man selten auf einen Schlag!

Diese Woche, der heutige Abend und natürlich der ganze morgige Tag wird in Katalonien und in Barcelona wieder unter dem Eindruck des Día de Sant Jordi stehen, dem traditionellen Tag des Buches und der Rose [mehr…]. Wie jedes Jahr werden die Verlage wieder ihre Autoren durch die gesamte Stadt und Provinz hetzen, um diese ihre Leser treffen und ihnen ihre Exemplare signieren zu lassen.

Mit jedem Jahr wird der Tag mehr und mehr das wichtigste Datum für Neuveröffentlichungen, inzwischen wird ein gutes Zehntel des katalanischen Buchjahresumsatzes an diesem einzigen Datum abgewickelt, und alljährlich ringen die Verlage um die ersten Plätze bei den Charts der meistverkauften Bücher.

In diesem Jahr wird keiner daran zweifeln, wer mit Abstand den ersten Platz belegen wird: Superstar Carlos Ruiz Zafón ist mit seinem neuen Roman El juego del ángel („Das Engelsspiel“) bereits in aller Munde und überall präsent. Die bislang beispiellose Medienkampagne, die sein Verlag Planeta schon vor mehreren Wochen angetreten hatte, gipfelte vorläufig am vergangenen Mittwoch in der Vorstellung des neuen Bestsellers an traditionsreichem Ort.

Das Liceu, das altehrwürdige Opernhaus der Stadt, hatte man als Schauplatz für die Gala ausgesucht und angemietet: Man hatte den Meister auf dem Proszenium drapiert; dort saß er, unter den Augen der Presse und der Buchhändler und von vielen Neugierigen, die das Parkett und den 1. Rang voll gefüllt hatten. Mehrere hundert geladene Gäste waren gekommen, um einmal das “Hohe C” eines Schriftstellers statt das eines Heldentenors zu erleben.

Der nicht gerade schmächtige Zafón war in einen schweren Fauteuil auf einem ausladenden Perserteppich und unter eine Jugendstilstehlampe gesetzt worden, aus einem zweiten Sessel interviewte ihn Olga Viza, die spanischen Anne-Sabine Christiansen-Will. Alles war dekoriert vor einem mächtigen Prospekt, der das gesamte Bühnenportal ausfüllte und der den Cementerio de los Libros Olvidados abbildete, den Friedhof der vergessenen Bücher, der im neuen Roman eine zentrale Rolle spielt.

Doch, doch, das war professionell gemacht, das muss neidlos zugestanden werden und veranschaulichte das Phänomen Zafón vortrefflich. Inzwischen kann man sich erlauben, einen Autor zu präsentieren wie es auf der Berlinale mit einem Martin Scorcese und den Rolling Stones gemacht wird.

Man steht vor einem literarischen Phänomen, das sich nur alle paar Jahrzehnte wiederholt und das eigentlich nie wirklich jemand in der Lage ist zu erklären. Wie seinerzeit ein Patrick Süskind seinen ebenfalls bis heute rätselhaften Parfüm-Coup landete.

Offensichtlich sprengt man aber heute neue Dimensionen: Planeta startet mit einer unerhörten Erstauflage von 1.000.000 (in Worten: eine Million) Exemplaren. Aus Deutschland hört man bis hierher, dass der S. Fischer Verlag mit dem bislang höchsten Vorschuss der deutschen Verlagsgeschichte den Suhrkamp Verlag ausgestochen haben soll [mehr…].

Damit ist der Verlag aus dem Rennen geworfen worden, der mit seiner Ausgabe eigentlich erst – wenn auch auf Umwegen – den großen internationalen Erfolg des Autors angestoßen hatte: Sogar bei seinem heimatlichen Publikum in Spanien wurde Zafón erst wirklich berühmt und trat in eine neue Sphäre, nachdem der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer bei Elke Heidenreich das Buch in der deutschen Suhrkamp-Übersetzung so heftig über den grünen Klee gelobt hatte.

Nun, heute am Vorabend beginnt der Dia de Sant Jordi für die Verlagsszene mit dem üblichen Fest aus Anlass des Premio Qué Leer und dem Stelldichein im zentralen Hotel Avenida Palace. Und morgen ist die Stadt dann wieder voll mit Rosen und Büchern und vielen, vielen Menschen.

Dieses Jahr werden dazu noch ganz untypisch Hektoliter von Bier fließen: die Stadt wird überfüllt von Fans des Manchester United sein, denn am Mittwochabend tritt der FC Barça gegen den englischen Club zum ersten Halbfinalspiel in der Champions League an.

Natürlich hofft man in der Stadt am Tag des katalanischen Nationalheiligen auf einen Sieg des in den letzten Wochen und Monaten keineswegs sorgenfreien Heimatclubs, ebenso wie man im Interesse von vielen Autoren, Lesern, Verlagen und Agenten hofft, dass auch noch andere Bücher als El juego del ángel eine Siegeschance am Día de Sant Jordi bekommen.

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner www.uklitag.com in Barcelona

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