Beckmann kommtiert Kaufentscheidungen werden häufig durch den Rückseitentext getroffen. Aber was macht einen guten Rückseitentext aus? Ein Experten-Vademecum

Chris Power hat ein Problem, wie viele Leser, die in einer modernen Großbuchhandlung oder Filiale nach einem neuen Roman suchen, der ihnen gefallen könnte und dabei allein sind. Denn da ist keiner, der sie und ihren Geschmack kennt. Da ist auch niemand weit und breit, der all die ausliegenden Novitäten gelesen hat und über sie Auskunft geben könnte. Also nehmen sie einen Roman nach dem andern in die Hand, überfliegen Rückseitentext für Rückseitentext und sind dann allzu oft genau so klug als wie zuvor.

Gegenüber diesen Kunden hat Chris Power immerhin einen kleinen Vorteil. Er muss sich keine neuen Romane kaufen. Er ist nämlich Kritiker (der britischen Tageszeitung The Guardian). Darum kriegt er sie von Verlagen bergeweise frei Haus. Alle kann er aber nicht rezensieren, dafür wäre in seiner Zeitung gar kein Platz. Er kann freilich auch nicht alle zugleich lesen, nicht einmal anlesen kann er alle, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch sein Tag hat nur 24 Stunden. Im übrigen hätte er darauf auch keinen Bock. Denn unter den Massen von Novitäten, das weiß er aus Erfahrung, ist vieles so uninteressant, dass er vor Langeweile sterben und die Lust am Lesen verlieren würde. (Und wer würde ihn auch dafür bezahlen?)

Mit Hilfe welcher Indizien könnten Chris Power und besagte Buchhandelskunden also einen Roman finden, der ihren Lese-Ansprüchen und Erwartungen entspricht?

Dass die Lesequalität eines Romans sich nach einem – wie immer schönen – Schutzumschlag nicht beurteilen lässt, ist laut Power eine alte Erfahrung. Die Kurztexte auf der SU-Rückseite zu Inhalt, Handlung, Charakteren oder Schauplätzen helfen ihm meistens auch nicht weiter. (Das gilt ebenso für die Klappentexte, die mit den ‚Waschzetteln’ der Presseabteilungen an Redaktionen und Rezensenten häufig identisch sind.) Zum Zünden des Interesses an einem Roman wie als Indikator einer befriedigenden Lektüre ist Power zufolge kaum maßgeblich, was an Stofflichem skizziert wird, sondern wie der Stoff erzählt wird. Und was solche Texte über die Erzählweise üblicherweise äußern, findet Power viel zu oft austauschbar platt oder hochtrabend verkorkst.

Also sortiert er – aus Notwehr – eine Menge dieser Romane aus, ohne einen Blick hinein zu werfen. Was er Verlagen empfiehlt, ist Folgendes: In Ergänzung zum inhaltlichen Kurztext eine wirklich interessante, charakteristische Passage aus dem Roman selbst auf die Rückseite zu setzen. Da könne, meint er, manchmal sogar schon ein zündender Satz genügen, um ihn oder mögliche Leser in der Buchhandlung, neugierig zu machen. (Dass es unter Umständen viel Arbeit kostet, solch eine herausragend prägnante Stelle zu finden, räumt er durchaus ein.)

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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