Der Messe-Mayer Kolumne vom Donnerstag

Liebe Freunde,

das war vielleicht ein Donnerstag. Falls der heutige Tag so hieß. Allmählich setzt der Messezeitverlust ein, den ich so berauschend finde.

Bei Heyne treffe ich Deniz Goran, eine türkische Diplomatentochter, die ein Buch geschrieben hat über eine türkische Diplomatentochter, die ein Buch über sich selbst schreibt. Es ist nicht autobiographisch, aber das liegt ja wohl auf der Hand.

Es heißt übrigens „Die Tochter des türkischen Diplomaten“.

Wir unterhalten uns auf englisch. Ich finde ihren Roman zynisch und fragwürdig (allerdings mag ich zynische und fragwürdige Literatur), und ich bemerke, dass es erst mal nur um Sex, Hass und Furzen geht.

Deniz Goran freut es, dass ich ihr Buch verstanden habe.
Komisch, das ging mir gestern mit Ismail Boro so ähnlich. Anscheinend habe ich eine Neigung zu türkischer Literatur.

Gorans ehemaliger Professor regte sie zum Schreiben an, nachdem sie sich an einer Kurzgeschichte versuchte. Wir behandeln die doppelgesichtige Natur des Menschen und die empörten Reaktionen der türkischen Presse. Goran verspricht, dass in ihrem nächsten Buch noch mehr Leute furzen werden.

Ich erfinde das nicht.

Ich hab’s auf Band.

Deniz Goran, die schönste
türkische Skandalautorin der Welt

Im Tre Torri-Restaurant treffe ich Désirée Nick. Ihr neues Buch „Liebling, ich komm später“, erschienen bei Krüger, bespiegelt alle Situationen, in die man beim Seitensprung kommen kann. Hierbei balanciert das Buch elegant zwischen Stil und Sachthema.

Ich stelle eine Frage zur Differenzierung zwischen Comedy und Kabarett, und ich denke, ab da hat sie mich gefressen. Ich erhalte einen Exkurs in Komödiantik und Humor und warum Frau Nick nicht zur Comedy zählt und auch nicht zum Kabarett.

Ich merke schon, das wird lustig.
Frau Nick geht in die Offensive und sagt, das politische Kabarett grenze jede Form von Comedy aus.

Ich nenne Jess Jochimsen.

Désirée Nick sagt, der sei ja keine Frau.

Da nenne ich Eckart von Hirschhausen.

Aber dem spricht sie ab, dass er mit dem Arzt Hirschhausen eine Kunstfigur geschaffen habe. Solange man den Künstler nicht von seinem Programm unterscheiden kann, sei es auch keine Kunst. Und Désirée Nick ist schließlich Künstlerin.

und natürlich auch Dschungelkönigin.

Lesen Sie noch mehr von Frau Nicks Meinung in der November-Ausgabe vom BuchMarkt.

Seit Jahren praktiziere ich nach schwierigen Gesprächen gerne ein Ausgleichsinterview (z.B. Alice Schwarzer – Dr. Oetker), und das bekomme heute ich mit Professor Klaus Baumgart bei Baumhaus. Genau, Lauras Stern. Sein neues Buch „Ellie ungeheuer geheim“ spielt in einer Geisterbahn und ist klasse, und es handelt vor allem nicht von einem komischen Glitzerstern.

Baumgart wollte mal etwas weg vom Niedlichen, und da hat er sich auf niedliche Monster verlegt.

Tief drinnen ein Monster namens Martha

Warner Brothers gaben bei Baumgart ein zeitgemäßes, skurriles und verfilmbares Kinderbuch in Auftrag, und so erfand er das Gespensterkind Ellie, das seine kleine Angst bewältigen muss. In welcher der Figuren steckt am meisten Baumgart? Er muss die innere Nähe zu Transenmonster Martha zugeben.

Über die äußere reden wir nächstes Jahr.

Wieso kommt es eigentlich, dass es mir bis auf den heutigen Tag nicht gelungen ist, Matthias Seuring (Messegastronomie accenteservice) ohne Handy zu fotografieren? Wahrscheinlich handelt es sich einfach um einen USB-gesteuerten Ohrenwärmer. Im Restaurant Sky, dem kulinarischen Außenbereich von Halle Vier, herrscht anatolisches Ambiente, und Seuring lässt den Gästen der Buchmesse diesmal Lahmacun oder Pide anbieten. Auf Döner hat er verzichtet, damit es sich nicht gleich so nach Offenbach anfühlt.

Bitte noch mal 400 Liter Ayran für Halle Drei

Sein Restaurant im Patio hat er räumen müssen, weil die Türkei selbst ihr Dutzend Spitzenköche mitgebracht hat. Die haben sich sogar per Kran eine Marmorplatte liefern lassen, um türkischen Blätterteig authentisch zuzubereiten.

Es wird Mittag, aber das sieht man ja in diesen Hallen nicht, auch nicht bei Heyne, und ich treffe Wolfgang Hohlbein, die deutsche Fantastik-Legende. Ich habe ja Vorurteile gegen den. Er schreibt immer über die selben Themen und trägt einen komischen schwarzen Anzug; und ausgerechnet ich soll ihn interviewen.

Wolfgang Hohlbein kleidet
sich so ähnlich wie ich

Ich frage nach der Chronik der Unsterblichen, und Hohlbein kann die Fans beruhigen: Der nächste Band geht bald in Druck, und der übernächste ist schon geschrieben. Die Fans wollen wissen, was er privat gerne liest: Hohlbein liebt Science Fiction. Ich erzähle Hohlbein, dass er in Deutsch-Facharbeiten mit E.T.A. Hoffmann verglichen wird. Diese Facharbeit würden wir beide allerdings gerne mal lesen.

Wolfgang Hohlbein zerstreut sich, indem er sich gerne mal amerikanischen Action-Mainstream reinzieht. Der will mich doch auf den Arm nehmen. Da können wir ja mal zusammen in den nächsten Bruce Willis gehen.

Ich möchte wissen, ob es auch schon einen schlechten Hohlbein gab. Hohlbein ist zunächst stolz darauf, sich für keines seiner Bücher schämen zu müssen. Sein Lieblingsbuch sei „Hagen von Tronje“, und was das untere Ende der Skala angeht, sagt Hohlbein es elegant: Er habe bewiesen, dass er keine Krimis schreiben kann.

Ob das neueste Buch sich immer auch wie das beste anfühlt?
Nein, sondern wie das schlechteste, kontert Hohlbein.

Wolfgang Hohlbein schreibt am liebsten nachts. Seine Kernarbeitszeit sei von Mitternacht bis sechs Uhr morgens. Dass Herr Hohlbein und ich uns noch nie getroffen haben, in der Nacht oder im Multiplex, stimmt da schon verwunderlich.

Abschließend frage ich, ob Hohlbein sich eine Online-Pokerrunde vorstellen kann zwischen einem Tempelritter, dem Beelzebub, dem ungläubigen Thomas, einer Tempelhure und Petrus, der sich als Wall-Street-Broker verkleidet hat. Hohlbein lacht. Er sei sicher der falsche, um das zu schreiben, aber die Idee gefalle ihm. Er würde es wenigstens gerne auf seine Homepage stellen.

Nach zwanzig schönen Minuten muss ich alle Vorurteile fahren lassen. Hohlbein hat viel Humor und ist sehr zugänglich, und in mir hat er einen neuen Fan.

Christine Westermann rauscht an mir vorbei, denn sie hat gleich im Lesezelt einen Auftritt mit Jörg Tadeusz. Der Interviewtermin bei KiWi hat dieses Jahr nicht geklappt, aber wir schieben es einfach ein Jahr weiter. „Skandalös“, sagt sie freundlich, und stellt sich trotz aller Eile für drei Fotos mit der langsamsten Kamera der Welt zur Verfügung.

Christine Westermann hat Zeit

Frau Dr. Reinhilde Ruprecht schickte mir vor der Messe eine freundliche Mail, die u.a. den unverschämten Wortlaut enthielt:

„Sollten Sie auf der Frankfurter Buchmesse vorübergehend mal keinen Hunger haben,
kommen Sie einfach bei uns vorbei.“

Ich will mir diese Frau Ruprecht vorknöpfen und besuche ihren Verlag Edition Ruprecht. Von hinten erkennt sie mich nicht sofort, und das wirft sie nun auch noch mir vor:

„Sie sehen ja von hinten ganz anders aus als im BuchMarkt.“

Als erstes schenkt sie mir zwei Stückchen Schokolade. Es ist immer wieder unglaublich, wieviele Verlage mich einen Schnorrer heißen, bevor sie mir zu essen und zu trinken geben.

Aber auf mir herumhacken!

Aber nun gut, Ich mache noch ein Versöhnungsfoto und will gehen, als Frau Heike Bilgenroth-Barke mich am Ärmel festhält. Sie hält mich für einen echten Journalisten und stellt mir das komplette Verlagsprogramm vor. Ich weise sie darauf hin, dass ich eine ironische Kolumne schreibe, und sie stockt, während sie innerlich schnell die Ironiefähigkeit ihres methodistisch-ethischen Hebrtsprogrammes überprüft.

Ethik muss nicht wehtun

Unser guter Chef, Christian von Zittwitz, schlüpft in eines dieser Folterkostüme, womit bedauernswerte Menschen ein Universallexikon darstellen sollen.

Deutsch – Kindskopf
Kindskopf – Deutsch

Oh, und schauen Sie, was ich heimlich fotografieren konnte:
Das Schuhwerk von Bernd Stelter! Hat der Stelter nicht coole Sneakers?

und sicherlich bestens messetauglich!

Bei Lübbe bekomme ich Bodo Horn und Thomas Schierack für ein symbolisches Foto vor die Linse.

Baumlübbe

Symbolisch war auch die Auswahl der repräsentierenden Bücher.

Was mag das bedeuten? 51 % Idioten, 49 % doof?

Oder ich habe mal wieder den Gag nicht verstanden.

Der Höhepunkt des Tages ist mein Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen und Vince Ebert bei Eichborn. Nicht hintereinander, nein, gleichzeitig! Uta Niederstraßer schickt uns in einen kleinen Darkroom, damit wir ungestört sind.

Bitte ein einziges mal nicht witzig gucken

Für fast eine Stunde eingepfercht mit zwei Spitzenkomikern auf vier Quadratmetern im Halbdunkel. Wir hatten extrem viel Spaß. Ich habe Desirée Nick gleich bei Hirschhausen verpetzt. Wir hatten in der Tat so viel Spaß, dass ich in der nächsten BuchMarkt-Ausgabe ein Special zum Thema Comedy im Buchhandel bringe.

Und hinterher stellt sich Hirschhausen auch noch für meine Mama in Position!

Wer hat denn da auf
meiner Mama unterschrieben?

Es wird Zeit. Ich finde mich zur Happy Hour bei Arena ein. Anne Stadtelmeyer und Regine Bruns freuen sich mit mir, dass es gleich Karamellpudding gibt.

Anne Stadtelmeyer und Regine Bruns:
Happy Aua

Als der Pudding aufgefahren ist, unternimmt jedoch niemand etwas. Alle stehen da und plaudern. Ich eröffne also das Puddingbuffet lauthals selber.

Warum ich in die Cateringschule gehe

Denn wie das türkische Sprichwort sagt:

„Von bloßem Gerede fährt nicht einmal ein Käseschiff.“

Dieses schöne Sprichwort packen Sie schon mal für Sonntag beiseite, da werden Sie es brauchen können.

Ich freue mich mit Ihnen auf den letzten Fachbesuchertag vor dem Sturm.

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

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