Der Messe-Mayer Kolumne vom Mittwoch

Selâmünaleyküm!

Hoş geldiniz!

Sie kommen zur Freude!

Und zur Buchmesse. Zur wievielten? Da habe ich ja was losgetreten, vielen Dank für alle Mails. Aber irgendwie müssen wir da nun durch:

Es gab zwar 60 Buchmessen, aber in 59 Jahren. Und das Jubiläum heißt nicht „60 Buchmessen“, sondern „60 Jahre Buchmesse.“ Mir macht das nicht viel aus, aber es sage mir keiner, dass es anders sei. Sonst komme ich persönlich zu Ihnen an den Stand und lege für jedes Jahr Buchmesse ein Bonbon hin, und hinterher zählen wir sie.

Ich hatte einen fantastischen Tag. Traditionell trinke ich den ersten Kaffee der Messe bei Eichborn. Daniela Ebeling blinzelt in die Scheinwerfer und fragt, ob das Licht heute stärker sei als sonst. Wie soll es ihr da erst am Sonntag gehen?

Ohne, dass ich es jetzt schon ahnen kann, werde ich dieses Rätsel aber bis zum Ende der Messe gelöst haben.

Bei Kösel frage ich nach einem Interviewtermin mit einem Mann, den ich schon in meiner Kindheit bewundert habe: Rainer Holbe. Der sei nicht da, und stattdessen solle ich gefälligst Kösel-Chef Winfried Nonhoff interviewen. Na gut. Ich schlucke mein vor Verbitterung zerkautes Zahnmehl hinunter und interviewe Herrn Nonhoff.

Herr Nonhoff prahlt damit, dass er nur zweieinhalb Stunden Schlaf hatte.
Ich hatte vier und hielt das für was besonderes, na besten Dank.
Jetzt komme ich mir vor wie ein Baby.

Kösel wird 415 Jahre alt und gehört damit zu den ältesten Verlagen Europas. Also so eine Art Weihenstephan unter den Verlagen. Ob Nonhoff denn welche kenne, die älter sind? Ihm fallen keine ein, und da gibt es tatsächlich nicht viele: Schmidt-Röhmhildt, 429 Jahre.

Schlafstörung gilt nicht!

Wir spannen einen Bogen von der Klosterdruckerei bis zur heutigen Marktveränderung, um Rainer Holbes Buch der rätselhaften Phänomene einzuordnen. Doch Holbe ist in guter Gesellschaft: Bei Kösel finden wir nicht nur Thich Nhat Hanh, Anselm Grün und Ratzinger, sondern auch Sabine Asgodom und Tiki Küstenmacher. Was immer Esoterik in einem Traditionshaus wie Kösel bedeuten mag: Es geht jedenfalls nicht um Verheißung.

(Und mir geht es um Rainer Holbe.)

Auch teNeues feiert Geburtstag. Einen kleineren, aber dafür runden: Der teNeues-Verlag wird 50. Das ist wenigstens eine anständige Zahl. 415, also sowas. Ich schaue jedenfalls mal kurz vorbei, um mit vollem Mund zu gratulieren.

Hubertus von Hohenlohe und Hendrik teNeues feiern
Ich feiere

Auf dem Rückweg komme ich bei GABAL vorbei und erblicke ein riesiges Günni-Monster. Neben ihm Nichtrauchercoach, Besseresser und Motivationshydrant Dr. Stefan Frädrich. Ich konnte die beiden kaum auseinander halten, weil Frädrich eine Scheißlaune hatte. Auf der A 3 gab es eine Vollsperrung. Das ist ärgerlich, und ich wünsche es niemandem. Aber sich den motiviertesten Menschen der Welt im Stau vorzustellen, hat für mich auch etwas tröstliches.

Warum ich von Dr. Frädrich Appenzeller Käse geschenkt bekomme, wäre an dieser Stelle eine zu lange Geschichte, aber Sie können sie in der November-Ausgabe vom BuchMarkt nachlesen.

Zwei Messearbeiter mit Blaumann und Sackkarren kommen auf uns zu und möchten sich bei Frädrich bedanken. Sie hätten letztes Jahr sein Buch hier geklaut und seien nun beide Nichtraucher.

Appenzeller (1. v. l.)

Ich möchte nicht derjenige sein, der Günnis Haufen wegmachen muss.

Damit ich seinen Kaffee teste, hat mich Stefan Richter von Edition XXL zu sich an den Stand eingeladen. Sein Kaffee ist sehr köstlich und besteht meinen Test, daher fallen mir auch seine qualitativ hochwertigen Niedrigpreisbücher auf. Wo kriegt man heutzutage noch mehrseitige Puzzlebücher mit Glitzerfolie für 5,- Euro? Großformatige Kochbücher mit 150-g/m²-Papier und Fadenheftung? Ebenfalls für einen Heiermann?

Das Logo war so hoch, deshalb ist das Bild so groß

Und wo findet man heute noch einen Verleger, der Odenwälder Rindswurst für seine Kunden anbietet? Hier bei XXL.

Fachbesucherwurst

…und stellen Sie sich nur vor: Herr Richter hat mich in seinen Blog gesetzt, um meine Cola-Gewohnheiten der Lächerlichkeit preiszugeben.

Apropos XXL: Obwohl es sich immer gut in die Messe einschmiegt, habe ich das Separé vom avj gefunden. Adrienne Hinze hat gerade ein Gespräch mit RTL II, der Himmel weiß warum, und deshalb will ich nicht lange stören. Wir liefern uns nur ein kurzes, heftiges Wortgefecht über die Qualität meiner Berichterstattung und über ihre Frisur; dann hackt sie auf meinen schlechten Fotos herum und ich auf ihrer unmöglichen Garderobe, wir schütteln die Hände zum Abschied, und ich gehe wieder.

Wenigstes hängen dieses mal ein paar Poster

Im Weggehen höre ich, wie sie sich bei den Fernsehleuten entschuldigt und erklärt, dass ich normalerweise beaufsichtigt werde.

Nicht größer ist der Stand der Zeitschrift Cicero: Zwei reizende junge Damen bieten mir kostenlose Testausgaben an. Die rechts heißt Denise Isolde Anneliese Hermenau-Puhlvers. Wie die linke hieß, wurde nicht erörtert, weil die rechte keinen von uns beiden zu Wort kommen ließ. Aber die war so lustig, dass ich vielleicht morgen wieder hingehe.

Zwei Testausgaben

Bei Menschenkinder überreicht mir Beate Kippelt eine CD mit Kindereinschlafmusik. Frau Kippelt preist den „effektiven Mutterstimmenklang“ an. Was das bedeutet, will ich wissen. Dass da eine Frau singe, ist die Antwort.

Was frage ich auch so doof.

Ich könnte jetzt jedenfalls eher eine CD brauchen, die Kinder wie mich lange wach hält.

Als nächstes habe ich einen Termin bei südwest. Profi-Stylistin Serena Goldenbaum will sich mal mein Gesicht vornehmen. Zuerst pinselt sie mir was gegen meine trockenen Lippen auf die Lippen. Auch Naomi Capmbell, Claudia Schiffer, Heidi Klum und Sylvie van der Vaart zählen zu ihren Kundinnen, deshalb ist sie auf schlecht rasierte Typen gut vorbereitet.

Serena Goldenbaum schminkt einen schönen Menschen
Serena Goldenbaum schminkt mich

Weil ich so wenig Schlaf habe, absorbieren die Ringe unter meinen Augen zwei komplette Concealer-Stifte, bevor sich da eine Wirkung einstellt.

Ihr Buch heißt „Beauty for You“ und handelt von innerer Schönheit und äußeren Maßnahmen.

Sehr witzig (l.) und Serena Goldenbaum (r.)

Jedenfalls bin ich jetzt schön genug für Rainer Holbe, der endlich bei Kösel eingetroffen ist. Wer von uns erinnert sich nicht an die Starparade? Keiner, ich weiß. Aber ich, und ich will den Mann treffen, wenn er schon mal hier ist. Holbe hat bei Kösel ein Buch über unerklärliche Phänomene herausgebracht; außerdem ist der Journalist und Grimme-Preisträger für das Luxemburger Wort als deutscher Kulturkorrespondent auf der Messe.

Ich weiß leider nicht mehr,
wie die Melodie der Starparade ging.

Gemeinsam träumen wir ein wenig von den Einschaltquoten aus den 70ern, und dann reden wir über sein Buch „Verborgene Wirklichkeiten“. Wieso befasst sich ein seriöser Journalist Schrägstrich Exschlagermoderator z.B. mit UFOS? Holbe sagt, dass seine Neigung zum Verborgenen und Unerklärlichen von Frank Elstner geweckt wurde. Und wenn ich an Sendungen wie „Nase vorn“ denke, macht das auch Sinn.

Elstner und Holbe jedenfalls entwickelten vor 20 Jahren ein Konzept für RTL, das sich um unerklärliche Phänomene drehte. Holbe stellte Anrufe von Spinnern durch, und die Sendung hatte irren Erfolg. Holbe erhielt Budget, um den vielversprechendsten Storys nachzugehen. Droemer Knaur veröffentliche damals die Taschenbücher dazu, und Kösel regte zwei Jahrzehnte später an, die interessantesten Fälle nochmals zu beleuchten unter dem Aspekt der verborgenen, aber meistenteils erklärbaren oder beobachtbaren Naturphänomene. „Glauben,“ so Holbe, „ist keine gute Ausgangsbasis. Journalisten sollten wissen.“

Ich darf an dieser Stelle auf die große Starparade-Kultnacht am 8. November im ZDF hinweisen.

Und jetzt betrete ich Carlsens Harry-Potter-Sektion. Nach dem siebenten Band und dem Abschluss der Potter-Reihe geht Rowling plötzlich selbst unter die Zauberer und zaubert NOCH ein Buch hervor. Allerdings keinen Potter. Aber ein Buch, das in einem Potter mitspielt: Beedle der Barde. Ich habe schon vor Jahren angekündigt, dass das erste, was Frau Rowling nach Potter anbieten wird, ein Potter-Spin-Off ist, daher wollte ich von Katrin Hogrebe nur den Satz hören: „Jawohl, Herr Mayer, Sie hatten recht.“

Strenggeheimes Row(ling)material

Und den sagte Frau Hogrebe gerne, wenn ich sie dann nur wieder an ihre Arbeit lasse.

In Halle 3.0 komme ich an Reclam vorbei, wo Magdalena Heuer mich versehentlich freundlich grüßt, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hat. Sie schenkt mir auch ein Notizbuch, wenn ich bloß abhaue. Aber erst fndet noch dieser Dialog statt, wo ich frage:

– „Und, was gibt es Interessantes in Ihrem neuen Programm?“
– „Herr Mayer, alle unsere Titel sind interessant.“
– „Aber sie müssen doch Ihr Werk auch irgendwie für sich ordnen.“
– „Ja, alphabetisch.“

Ich notiere mir diese Vorwitzigkeit. Frau Heuer mag es nicht, wenn ich mir in ihrer Gegenwart Sachen notiere. Zur Strafe mache ich kein Foto von Frau Heuer, und sie wird sich das nächste mal zweimal überlegen, ob sie mich grüßt.

Hier zeige ich Ihnen ein Foto von den diesjährigen Messebloggern. SO sollte ein Pressebüro aussehen, nicht so wie unser Aquarium in Halle Drei.

Das Foto hier ist etwas klein, aber beachten Sie vor allem die offensichtliche Verpflegung.

Auf der Freiluftterasse begegne ich meinem alten Berufsschulkollegen Felix Rudloff, Lektor bei S. Fischer. Ich bin froh, dass er immer noch raucht; denn diese gute, alte Buchhandelstradition geht auf dieser Messe ja völlig verloren.

Lektorat Rudloff

In der Berufsschule haben wir ihn immer alle „Max Mütze“ genannt. Fragen Sie mich nicht warum. Kinder können eben grausam sein.

Ich treffe nun Ismail Boro bei Heyne, um über sein Buch „Die getürkte Republik“ zu sprechen. Ich frage, welche Frage man ihm am häufigsten stellt, und Boro vermeldet, dass ich erst sein drittes Interview sei.
Nicht am Tag, sondern generell zu seinem Buch.
Ich hatte ja doch erwartet, dass Heyne mir einen Profi schickt, und dann das.

Vorsichtshalber frage ich: „Was macht Ismail Boro?“ Herr Boro antwortet, dass er viel nachdenke. Also ein hauptberuflicher Leserbriefschreiber. Sein Thema auf dieser Messe ist die gescheiterte Integration der Türken in Deutschland. Das passt natürlich hier nicht alles her. Das wäre fast ein eigenes Buch wert.

Integration ist die Erschaffung eines „Wir“, Integration ist Verantwortung und Interesse, und wir, also Ismail Boro und ich, geben zu, dass wir nicht die geringste Ahnung haben, wie man sie reglementieren soll.

Vielen gilt Boro als „zu deutsch“ im besten Sinne, um nachhaltigen Einfluss auf die Themen der Türken zu haben. Daher wage ich mich sehr weit vor und frage provokant:

– „Könnte man ihr Buch auch nennen: Wie wird man Deutscher, wenn man Türke ist“?

Doch Boro freut sich:

– „Ja, genau! Das meine ich! Sehr gut!“

Ich erwarte, dass ich nun eine schöne, differenzierende Diskussion auslösen würde. Aber Boro freut sich, als wäre mein Titelvorschlag noch besser als sein eigener.

Auf diesem Wege stellte ich fest, dass ich Herrn Boros Buch versehentlich verstanden habe.

Schwarzwaldhaus 1902

Auf der Rolltreppe stehe ich hinter Elke Heidenreich. Ich frage, ob ich Sie fotografieren darf. Sie dreht sich um, erblickt mich und verneint. Sie erinnert sich wohl noch an unser Interview.

Elke Heidenreich (vorne)

Wiederum bei S. Fischer treffe ich Roger Willemsen. Auf jeder Messe läuft der mir vor die Linse, und ich bin es leid, dass ich noch nie richtig mit ihm gesprochen habe.

Willemsen will das sofort aus der Welt schaffen, damit wir es beide hinter uns haben.

Ich frage, ob Willemsen ein Trend zur Comedy im Buchhandel auffällt, denn das ist im Novemberheft ein Thema für mich. Willemsen antwortet auf alles immer so blumenreich, dass ich nach drei Nebenhandlungen, die er in die Antwort einwebt, gar nicht mehr weiß, was ich gefragt hatte. Zum Glück habe ich alles auf Band.

Willemsen ist sich nicht sicher, ob Comedy im Buch funktioniert. Sicher kann man daran die Qualität eines Komikers bemessen: Hirschhausens Buch zum Beispiel funktioniert auch, wenn man Hirschhausen nicht kennt. Je mehr Substanz ein Komiker hat, desto mehr könne sich das in einem Buch niederschlagen.
Danke sehr, Willemsen. Möge dies also meine Messlatte sein für die Comedians, die auf dieser Messe noch auf mich zukommen.

spontanes Blitz-Interview stehend

Zum Abschluss kritisiere ich, dass er immer alles mitmacht, zugänglich und zu jedem freundlich ist.

Willemsen: „Die Buchmesse ist ein Fest des Lesens. Und wenn ein Autor hier nicht freundlich ist, wann will er denn dann freundlich werden?“

Mit diesem Satz verabschiede ich mich in die Happy Hour bei Patmos. Dort greift man wieder auf Kinderarbeit zurück, denn handliches Catering Personal ist schwer aufzutreiben. Koch Andreas Eggenwirth und seine Juniorköche und Miniköche vom Frankfurter Minikochclub haben eine herzhafte Prinzregententorte mit Apfelchutney hergestellt, angerichtet und serviert, dass es eine Freude war.

Und lecker.

Das beste Essen des Tages

Der Vorlauteste von allen war auch der kleinste: Justin. Justin sagte, dass er gern Leute verarsche. Ich beugte mich zu ihm runter und sagte: „Und ich verarsche Leute und kriege sogar Geld dafür.“

Ein Glänzen trat in Justins Augen, und er fragte mich:

„Bist Du Paul Panzer?“

Und damit war dann auch mein Tag gelaufen.

Ich hoffe, Sie haben den Messemittwoch gut überstanden;
aber wie schon das türkische Sprichwort sagt:

„Der Donnerstag kündigt sich schon am Mittwoch an.“

Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, aber einmal in der Woche trifft das sicher zu.
Und zwar am allermeisten Mittwochs.

Ich wünsche Ihnen einen guten Donnerstag.

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

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