Der Messe-Mayer Kolumne vom Samstag

Liebe Freunde,

und heute vor allem liebe Gäste,

es ist ja im Grunde ganz einfach. Ich habe mir da seit Jahren so eine Eselsbrücke angelegt: Die Worte „gehen“ und „stehen“ sind im Wortstamme in ihren Nomen versteckt! So kann man sich z.B. merken, dass GEHEN mit GANG zu tun hat…

…wohingegen STEHEN am besten am STAND funktioniert.

Gewiss, das mag Ihnen jetzt ein wenig konstruiert erscheinen, aber es macht durchaus Sinn!

So treffe ich z.B. Susanne Fink vom Liebeskindverlag. Zielsicher begrüßte ich Frau Fink versehentlich mit

„Ach, Sie sind doch Susanne Liebeskind vom Fink-Verlag!“

Aber sie war trotzdem beeindruckt. Als wir einander erkennen, scheren wir aus dem Laufstrom aus und parken zum Plausch am Rand ein, und gut ist. Dann als wir fertig damit waren, uns gegenseitig unseren tiefen Hass auf unsere Endkunden von der Seele zu reden, klinken wir uns jeder wieder in unseren Pulk ein, um zur Fortsetzung unserer zähen Reise davonzuwackeln.

SO machen das Profis, liebe Gäste.

(Ich weiß, ich sollte froh sein über das schöne Wetter, sonst wäre es drinnen noch voller.)

Ich danke auch für Ihre zahlreichen Einladungen zu Buchmesse-Partys, das schmeichelt mir sehr. Aber nachts schreibe ich all das, was sie gerade lesen. Ich muss mich also entscheiden: Messefeier oder Messe-Mayer? Auch hier obsiegt also meine journalistische Pflicht.

Ich treffe, am vorletzten Messetag, denn sonst wäre es ja auch keine richtige Messe, also da treffe ich doch noch Peter-Uwe Sperber! Bei Paperblanks! Ich wusste gar nicht, dass der einen Messestand hat, wo er hingehört. Ich dachte immer, der kommt nur auf die Messe, um uns die Zeit zu stehlen.

Wir begrüßen einander herzlich, und ich frage, ob ich denn hier meinen Morgenkaffee einnehmen könne. Sperber schenkt mir ein wundervolles Moleskine-Plagiat, das ich sofort in mein Herz und meinen Koffer schließe, und ich bekomme einen Kaffee.

Sperber, wer sonst, und Tim von Zittwitz

Zu uns gesellen sich Dominik Schellbacher, der bei Zabert Sandmann den Schinken bedient, und Verlagsvertreter Erich Bortoli. Sperber sagt, ich soll ihn Broccoli nennen.

Und da wundert der Sperber sich, warum ich ihn lieber nicht duzen will.

Schinken und Broccoli ohne frischen Sperber

Für heute hat die Redaktion mich zu einem interessanten jugen Mann geschickt. Anis Mohamed Youssef Ferchichi redet lustig, singt komisch und ist bei jungen Leuten irrsinnig populär. Die nennen ihn allerdings Bushido. Er schmückt sich mit gewaltigen Imagebausteinen, die er aber beliebig wechseln kann. Im Moment ist er Vorbild. Manchmal setzt er sich auch eine Blechmaske auf, dann nennt er sich Sido und macht Stimmung („Beef“) gegen Bushido.

Da Herr Ferchichi jüngst die 30 überschritten hat, wurde es höchste Zeit für eine Biographie, die der riva-Verlag direkt an die Spitze der Bestenliste geschossen hat.

Als ich also von ganz oben in Halle 4.2 hinunter will ins Foyer von Halle 4.0, kann ich schon von der Rolltreppe aus die Teenagermassen im Erdgeschoss sehen.

Da gehe ich lieber wieder
zurück zu Peter-Uwe Sperber

Und wenn man dann Überblick hat, sieht die ganze Pracht so aus:

WTF?

Das heißt, das war noch nicht die ganze Pracht. Die sitzt nämlich hier:

Boah, Optik!

Wann immer Bushido von Mädels ins Bett kriegen oder von Kindermachen redete, haben hier Mädchen gekrischen. Ob ich denen mal sagen soll, dass Bushido Ü30 ist?

Ich dachte, die nachfolgende Konferenz im ruhigeren Teil der Messe wäre eine bessere Gelegenheit als ein umringter Talk. Außerdem hatte ich eine halbe Stunde Vorsprung vor den orientierungslosen Jugendlichen.

Dachte ich. Hier die Sicht auf das ruhige Konferenzzimmer.

Get a Life!

Nun gut. Ich denke, hier endet mein Bushidobericht. Schauen Sie nur, was für eine schöne Palette voller Bücher hier wartet. Von Bushido. Im riva-Verlag. Wenn ich den Verlag oft genug erwähne, kann ich vielleicht in der Sonne eine rauchen gehen anstatt mir das hier anzutun.

riva

Die mobile Buchhändlerin Bärbel Tárai stellte mir Frauke Hartmann von KNV vor. Frau Hartmann wollte wissen, warum ich noch nie etwas über KNV geschrieben hätte; und sie überreicht mir sogar ein kleines essbares Präsent.

Koch, Neff, Volckmar und Tárai

Wahrscheinlich hat Frau Tárai sie vorher beraten, dass man mich mit Essensgaben milde stimmen müsse, um meine Gunst zu wecken. Ich denke, dass diese Art Journalismus allmählich bedenklich wird.

Aber schauen Sie nur, was für eine goldige Idee für ein exquisites Schokoladensortiment:

Die großen muss man nach wie vor klauen

Nun muss ich mich aber sputen. Nein, das ist ja ein dummer Satz auf dieser Messe. Erstens muss ich mich immer sputen, und zweitens ist sputen das allerletzte, was heute hier geht. Und ich will auch noch ins Comiczentrum, also durch die engsten Gänge, die am vollsten sind, und zwar mit den schrägsten Besuchern. Bevor ich mich spute, hält Mike Krüger noch für ein Foto still.

7 Tage, 1 Kopf

Schräge Besucher bedeuten natürlich auch schräge Aussteller. Da habe ich doch absolut klasse Barbapapas gefunden! Der Vertreiber Atomax arbeitet mit Orell Füssli zusammen. Hier habe ich Ihnen mal zwei Barbapapas fotografiert: Den kleinen rosafarbenen, und den zotteligen schwarzen, der sich in Thomas Schützinger verwandelt hat.

„barbe à papa“ (frz.)
= „Vaters Bart“
= Zuckerwatte

Es ist ein wenig wie in Joseph Conrads „Herz der Finsternis.“ Je näher ich dem Zentrum im Comiczentrum komme, desto mehr Cosplayer sehe ich. Ich will eigentlich nur zur Verleihung des Sondermanns gelangen, aber erst muss ich noch an Prinzessin Zelda vorbei.

Kann ich bitte nochmal
die Weinkönigin vom Freitag sehen?

Aber ich schaffe es noch rechtzeitig.

Ralph Rute erhält den renommierten Frankfurter Comicpreis zum vierten mal in Folge; auch Stephan Rürup bekommt einen. Die vollständigen Gewinner und Nominierten können Sie gerne beispielsweise bei den Kollegen vom Hessischen Rundfunk anklicken.

Der Sondermann!

Heute hat sich die Redaktion bei mir gemeldet, warum ich denn nicht mehr zum Dr. Oetker Verlag zum Essen ginge, die wären ganz bestürzt.

Das tut mir natürlich leid, ich wollte niemandem auf die Füße treten. Aber seit die mich willkommen heißen, macht Schnorren nicht mehr so viel Spaß.

Aber natürlich stürze ich sofort zu Oetker und nehme eine Mahlzeit zum Troste aller ein. Josef Laufer schöpft auf: Wirsingeintopf mit Mettwurst, Kümmel und Birnen. Wie zu erwarten war die Kombination von Kümmel, Birne und Wirsing ein delikater Gewinn, und die Rauchmettwurst war extrem lecker. Und doch hätte ich mir in einem Wirsingeintopf auch etwas Wirsing gewünscht.

Einmal Wirsing für den Heimgekehrten

Als nächstes gehe ich zu Baumhaus. Dort treffe ich, wie sollte es auch überhaupt irgend anders sein, schon wieder Peter M. Hetzel. Er und Illustrator Jens Jeddeloh sitzen am Tisch und plaudern. Diese Rumsitzendheit, die die beiden ausstrahlen, übt eine große Gravitation aus.

Peter Hetzel greift einfach nach meiner Terminliste, um sie zu kontrollieren.

Auch so ein Sondermann.

So eine Impertinenz, mag sein, aber das ist immer einer der schönsten Teile der Messe: Gegen Ende sinnlos beim Baumhaus-Verlag rumsitzen und Zeit totschlagen.

Aus dem Nichts (bzw. aus dem Ruhrgebiet, aber da wollen wir mal nicht so sein) taucht Michaela Hennemann auf! Ich freue mich so sehr, sie zu sehen, dass ich lieber ein Foto von ihr will als von Peter Hetzel.

Frau Hennebaus ist zurück! Mal kurz!

Im Übrigen warte ich auf Radost Bokel und weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Radost Bokel mich versetzen wird. Warten zu müssen ist immer wieder mal eine Anforderung an einen Journalisten; aber das Radost-Bokel-Warten ist natürlich ein besonders hartes.

Aber an einem Samstag will ich mich hiervon nicht entmutigen lassen. Vor mir liegt ein Interviewblock bei Lübbe. Ich hatte mir drei Autoren herausgepickt, und Lübbe hat gesagt, dass ich sie alle drei am Stück haben kann. Nun, bevor ich dreimal zu Lübbe renne, nehme ich lieber Presseraum 2 in Beschlag und lasse bitten.

Als erstes habe ich die Ehre mit Rebecca Gablé, Bestsellerautorin historischer Romane. Rebecca Gablé ist eine ältere Dame mit silbrigem Haar und einer Lesebrille. Sie spricht langsam und dezidiert, und sie ist mindestens 80.

Natürlich ist kein Wort davon wahr. Rebecca Gablé ist eine junge, gewitzte und erfolgreiche Romanautorin und studierte Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt englisches Mittelalter. Ihre etlichen Bestseller sind allesamt klug und authentisch geschrieben; und Gablé ist der Mädchenname ihrer Mutter.

Mit „Von Ratlosen und Löwenherzen“ vollzieht sie endlich den Schritt vom Roman zum Sachbuch und bietet „eine kurzweilige und nützliche Geschichte des englischen Mittelalters“ an, die jeder verstehen könne. Sie knöpft sich sowohl die finsteren als auch die romantischen Klischees dieser Zeit vor und schält ein lebendiges und verständliches Mittelalter heraus. Selbst wer Shakespeares Historien mag, wird viele alte Freunde wieder treffen.

Und warum nun ein Sachbuch?

Sie wollte halt mal wissen, ob sie’s kann.

Rebbeca Gablé junior

Rebecca Gablé fragt beim rausgehen, ob sie nun den nächsten reinschicken soll. Aber nein. Das wäre ja noch schöner. Wir sind ja nicht beim Zahnarzt hier. Ich stehe also schön selbst auf, ordere neue Getränke und bitte herein:

Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer. Außerhalb des Buchhandels werden sie als zwei verheiratete Hobbyköche im Südwestfernsehen wahrgenommen, die sich ständig gegenseitig ins Wort fallen. Innerhalb des Buchhandels gelten sie als zwei renommierte und kompetente Food-Journalisten, die sich ständig gegenseitig ins Wort fallen.

Drei Nachnamen, zwei Fachleute

Ich frage, welche Frage man ihnen am häufigsten stellt. Der Mann mit den Initialen des Bundesnachrichtendienstet anwortet, dass er am häufigsten gefragt wird, warum man ihn Moritz nennt, obwohl er Bernd heißt.
Da kann ich ihn beruhigen: Das will ich nun wirklich nicht wissen, aber Moritz beginnt bereits mit seiner Geschichte, die ich Ihnen erspare. Seine Frau fällt ihm ins Wort und amüsiert sich darüber, wie schnell es Live-Moderatoren bereuen, wenn sie ihn ahnungslos nach dieser Geschichte fragen.

Aber als wir übers essen sprechen, werden wir ernst, denn vom modernen Trend zur Fun-Küche halten die beiden nicht viel. Im TV wird zwar immer viel prominenter Kochspaß vermittelt, aber unser Essen sei ein Kulturgut und kein Fun-Trend.

Meuth / Neuner-Duttenhofer haben auf dieser Messe ihr Buch vorgestellt: „Wo die glücklichen Hühner wohnen“ Ein umfassendes Nachschlagewerk und Handbuch, das jedes Lebensmittel in seinen kulturellen wie auch praktischen Kontext einordnet und Anleitungen gibt, wie man seinen Geschmack schulen kann.

Und in einem Buch fallen die beiden sich nicht ständig gegenseitig ins Wort.

Nach dem Interview fragen sie, ob sie nun Bernd Stelter reinschicken sollen. Mittlerweile bin ich versucht, ja zu sagen, aber wie ein ordentlicher Zahnarzt gehe ich ihn selber holen.

Bernd Stelter wird am aller-, aller-, allerhäufigsten gefragt:

1. Geht „7 Tage, 7 Köpfe“ wirklich nicht weiter?
2. Wie geht es Gabi Köster?

Seine Antworten lauten „nein“ und „keine Ahnung.“

(So lauten übrigens in den allermeisten Lebenssituationen auch meine beiden hilfreichsten Antworten.)

Stelter stellt auf dieser Messe seinen Krimi bei Lübbe vor: „Der Tod hat eine Anhängerkupplung“ Als alter Campingfan wollte er mal einen Roman schreiben über Leute, die campen; und als alter Krimi-Fan wollte er, dass auf dem Campingplatz gefälligst auch eine Leiche liegt und dass es einen Agatha-Christie-Showdown gibt. Stelter hat die Gesetze des Genres nicht etwa parodiert, sondern reflektiert und streng befolgt.

Heute als Autor hier

Und auch wenn auf dem Cover Stelters Gesicht lustig durch eine Lupe lugt, ist es kein Comedy-Buch.

„…Aber erklären Sie das mal dem Verlag.“

Was Herr Stelter zum Thema Comedy im Buch sonst noch zu sagen hat, erfahren Sie in meinem Comedy-Special im November-BuchMarkt.

Und so endet mein drittes Gespräch von dreien. Ich verlasse Kabine 2 und den Lübbe-Verlag und bedanke mich für dieses Jahr recht herzlich.

Am Anfang der Woche versprach ich, für sie mal bei Tre Torri reinzuschauen. Und so begab ich mich nach oben in die Halle 3.1. Ralph Frenzel hat sich für 2008 einen leckeren Schachzug einfallen lassen:

Er hat seinen Stand zusammen mit accente services in das Restaurant „Trilogie“ verwandelt und bewirbt es als das beste Restaurant Frankfurts! Was heißt das konkret? Frenzel hat sich die besten Köche geholt und serviert fantastische Haute Cuisine zu unglaublichen niedrigen Preisen. Vorbestellungen für 2009 liegen bereits vor.

Uwe Marsen und Ralf Frenzel

Ich erzähle Frenzel, dass ich ihn mal ein „High-End-Produkt“ genannt habe. Frenzel lacht nicht. Ich kriege trotzdem was zu essen.

Bis das kommt, kann ich ja noch ein wenig arbeiten: Passend zur Messe bietet auch TreTorri Titel mit türkischem Anspruch an, z.B. „Kültür alakart“, ein komplett zweisprachiges Kochbuch.
Seminare und Aktionen für den Handel werden ebenfalls ange- oh, da kommt das Essen.

Es gibt Hirschgulasch mit Brezelknödeln und Waldpilzen, und das war köstlich. Schon allein die Brezelknödel waren die Erfahrung wert. Zum Nachtisch gab es dunkle Schokolade mit verschiedenen Salzen und Gewürzen: Sa-gen-haft.

Wenn Sie das noch rechtzeitig vor Messe-Ende lesen, gehen Sie zu Tre Torri. Essen Sie, blättern Sie und riechen Sie an Ingo Hollands Gewürzen. Ein paar seiner Döslein und Gläserchen hat er nämlich zu dieser Messe mitgebracht.

Holland, die Würzburg

Man trifft dort auch andere interessante Leute, z.B. Jürgen Dollase. Jawohl, der Mann, der öffentlich behauptet hat, Fleisch habe gar keine „Poren“, die man „schließen“ müsse. Ein Aufschrei ging durch Deutschlands Kochshowphraseure.

Jürgen Dollase

…oder den Chefsprecher der Messepresse, Thomas Minkus,

Pressesprecher Thomas Minkus

…oder, äh, halt auch Leute wie mich.

Essen für den Journalismus

Und das ist ein guter Abschluss, denn wie ja schon das alte türkische Sprichwort sagt:

„Wenn einer mit Steinen wirft, gib ihm Brot.“

Oder Brezelknödel.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag, ein rasches Aufräumen, eine gute Heimreise und soweit möglich auch gute Erholung von dieser Messe. Ich liefere natürlich noch meinen Sonntagstext ab; aber wenn Sie den lesen, sind Sie schon längst wieder daheim.

Hoffe ich zumindest.

Auf morgen freut sich

Ihr Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

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