Der Messe-Mayer Leipziger Donnerstag

Liebe Freunde,

Heute saß ich schon in aller Herrgottsfrühe im Zug, weil ich sehr weit weg wohne. Aber ich wollte gerne halbwegs pünktlich die Messe-Eröffnung verpassen, also setze ich mich um sechs Uhr morgens in den Orientexpress Frankfurt – Leipzig und freute mich auf eine entspannte Reise.

In dem Moment gewahrte ich Uwe Marsen, der als Doppelagent für Tre Torri und Baumhaus unterwegs ist. Undurchschaubar, dieser Mann. Im selben Abteile weilend, wünschte er mir einen guten Morgen. Mitten in der Nacht.

Ich setzte mich demonstrativ eine Reihe weiter und schwieg so lange, bis Herr Marsen wieder in seine Zeitung versunken war. Dann begann ich, ihn an den Mänteln vorbei zu fotografieren. So bin ich. Immer im Dienst, immer Journalist.

Das muss doch unangenehm sein, so früh
am Morgen bereits belichtet zu werden

Leipzig, ich komme. Pardon, wir. Uwe Marsen und ich.

Nach meiner Ankunft im Pressecenter kam ich am Pressebüro des Börsenvereins vorbei. Das ist so dermaßen geräumig, dass ich Ihnen diesen magischen Expressionismus-Sixties-Chic (obwohl ein Bauwerk des neuen Jahrtausends) nicht vorenthalten will. Albert Speer auf Easy Listening, so ein Büro möchte ich auch.

man könnte hier auch joggen

Und nun stellen Sie sich vor: Am Redaktionsstand angekommen, sehe ich Herrn Faure zum ersten mal in seinem Leben mit einer Frisur! (Das heißt, dass er von der Nichtfrisur, die er vorher hatte, einfach ein wenig weniger hat.)

Die Redaktion schätzt es nicht,
wenn sie abgebildet wird

Jaja, Leipzig. Hier hat man Zeit für Frisuren und das Fotografieren geräumiger, aber charmanter Büroräume. Das brauchte ich auf anderen Messen erst gar nicht zu versuchen.

Also: Herzlich willkommen zur Leipziger Buchmesse und zu zwanzig Jahren Mauerfall.

Über den Mauerfall werde ich am Samstag noch mit Martin Sonneborn reden, aber nun berichte ich Ihnen erst mal von meinem ersten Leipzigtag im zweiten Leipzigjahr.

Die Buchmesse Leipzig ist etwas kleiner und literarischer als die Buchmesse Frankfurt. Eigentlich müsste die Redaktion dann auch jemanden schicken, der etwas kleiner und etwas literarischer ist als ich, aber Kollege Koeffler ist bereits anderweitig eingespannt.

Der Promi-Faktor ist zwar hier nicht so hoch, aber andererseits ist er auch hier nicht so wichtig. (Das werden die anwesenden Promis bestimmt gerne hören.)

Leipzig steckt voller Pretiosen, die man nur sieht, wenn man sich Zeit lässt. Oder die man nur sieht, wenn man nichts sieht: Ich durfte eine Braille-Schreibmaschine testen. Sie hat nur sechs Tasten für die möglichen Kombinationen eines Braille-Zeichens, und ich habe tatsächlich mit viel Mühe, aber auch mit viel Ehrgeiz und Spielfreude ein paar Buchstaben hinbekommen.

Gehen Sie da hin und probieren Sie das auch mal aus, und Sie werden Ihre Medikamentenpackung zukünftig aufmerksamer anfassen. Halle 3 B 305. Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig.

Ich will auch so eine!

Allein Band Eins der Tintenherz-Triologie braucht in Braille-Schrift fünf riesige Wälzer. So groß wie alte VLB-Kataloge.

Bei Kiepenheuer & Witsch muss ich mir zur Begrüßung von Reinhold Joppich auf der Nase herumtanzen lassen. Der Verlag hat immer noch nicht verziehen, dass ich in meiner Märzglosse zur Oscarliteratur Slumdog Millionaire übersehen habe.
Ja, KiWi, glaubt Ihr denn nicht, dass mir das peinlich ist? Müsst Ihr noch in der Wunde herumtanzen mit Euren salzigen Schuhen?

Hier, Welt, lies und wisse es: Ich habe den Kiepenheuer-&-Witsch-Titel Rupien! Rupien! von Vikas Swarup, den es seit 2007 gibt, ÜBERSEHEN! Ich SCHÄME mich! Ich, der ich mich immer großspurig als kenntnisreich in Sachen Film und Buch gebärde! Schlecht recherchiert und hochmütig in Druck gegeben!

( * schäm * )

Wirklich.

Aber jetzt ist auch mal gut, KiWi.

Meinem Heimweh kam entgegen, dass es nicht nur in Frankfurt viel heiße Luft gibt. Auf der Suche nach Sensationen habe ich gesehen, wie Rowohlt bei der ARD ein Luftballon aufblasen und von innen mit einer Murmel verschließen ließ. Von Experimenteguru Joachim Hecker persönlich. Und der zeigte noch viele andere Dinge, die mir nützen werden, wenn ich das nächste mal zB. eine Horde Kinder ablenken muss. Alles im „Haus der kleinen Forscher“ nachzulesen.

Und live zu sehen.

Während just um die Ecke ein Ballonkünstler mit durchaus bemerkenswerten und erfreulichen Fertigkeiten mir doch das alte Rätsel aufgab: Wieso müssen Menschen, die das Schöne und Bezaubernde beherrschen, sich selbst immer am allerlächerlichsten gewanden?

Der hätte auch gut nach Frankfurt gepasst.

Auf der Bühne des ARD-Forums – ganz neu dieses Jahr! – las Denis Scheck aus einigen empfehlenswerten Büchern vor. Bei Tolkien angekommen, attestierte er ihm mit dem Herrn der Ringe eine unterschwellige Weltkriegsparabel. Der abwesende Tolkien verwehrte sich zwar aufs Schärfste gegen diese Idee, aber Scheck gab an dieser Stelle fast beschämt zu, dass er das besser wisse als Herr Tolkien selbst.

Jedenfalls erfrischend argumentiert.

Völlig unvorbereitet treffe ich Christian Anders! Das heißt, ich habe ihn nicht getroffen, sondern die Redaktion hat ihn gesehen und mich sofort zum Verlag Elke Straube hingeschickt. Das sagt ja schon einiges. Also, dass die nur mich schicken.

In einem sehr kleinen Stand steht er, trotz sparsamer Dekoration umringt von den Stationen seiner Alter Egos (Alter Egen? Alti Egon? Naja, mit Stationen seiner Transformation:) Seine alten Schlagerplatten finden ihren Platz neben den Jesus-Themen seiner Lanoo-Phase, und jetzt, 2009 wird Tacheles geredet, da geht es ihm nun um Geld und Banken. Titel: „Der Rubel muss rollen.“
Ein Thema, das auch gut nach Frankfurt gepasst hätte.

Und „Lanoo“ können Sie von mir aus gerne selber googeln.

Na, und ob der rollen muss!

Da Sie hier immer wieder mit Frankfurt anfangen – vom letzten Herbst hatte ich noch eine Rechnung offen: Reinhilde „Edition“ Ruprecht hatte mich erst handfest der Essenserschleichung beschuldigt, und als ich ihr dann mal den Kopf waschen wollte, hatte sie nicht mal was zu essen für mich da. Ein Stückchen Verlegenheitsschokolade. Das ist natürlich gerade für einen ethisch-philosophischen Verlag peinlich, und so geht Frau Ruprecht aufs Ganze und prahlt damit, dass sie spätestens bis März 2009 ein Bounty organisiert haben werde.

„Gleich eines!“, werden Sie nun spotten, aber zähmen Sie Ihre Hähme: Für Edition Ruprecht wäre ein einzelnes Bounty schon eine Leistung. Wenn sich Frau Ruprecht da mal nicht übernimmt.

Unangekündigt schneide ich mir den Weg durch die Messebesucher direkt auf den Stand zu, unterbreche jäh ein Gespräch mit dem Göttinger Tageblatt und fordere Aufmerksamkeit ein, indem ich mit meiner Machete den Tisch zerteile.

Und voilà:

Ein Bounty. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Aber nun bin ich es, der geprüft wird. Ich treffe einen echten Scientologen! Ich merkte aber rasch, dass er keine Messe-Attraktion war, sondern im Gegenteil ein Aussteller. Er bietet mir an, ein wenig über unangenehme Themen zu plaudern, damit es mir besser geht, das nenne man Dianetik.
Eigentlich geht es mir ganz gut, wenn ich einfach NICHT über unangenehme Dinge rede. Aber das, so der Dianetiker, sei ja gerade mein Problem.

Verdammt – also mich hat er überzeugt.

Ich werde nun ans echte, original Scientology-Elektrometer angeschlossen! Das wollte ich ja schon immer mal ausprobieren. Ich frage den Mann, ob er mit mir in die Matrix hochgeladen wird oder ob ich erst mal alleine muss.

Man hört ja so einiges; dass Scientology ihren Opfern das ganze Geld abnimmt zum Beispiel. Ich freue mich schon darauf, wenn die mein Konto sehen. Das gibt bestimmt einen hohen Frust-Ausschlag auf deren eigenem Gänsehautometer.

Der Dianetiker bietet mir auch kleine Broschüren an mit vielversprechenden Titeln wie „Marihuana“, „LSD“, „Alkohol“ und „Fakten über Drogen“. Erst freute ich mich, weil ich fremd in Leipzig bin und dankbar wäre für ein paar Tipps, aber leider handelten die Broschüren von Bekämpfung und nicht von Erwerb. Das Elektrometer zuckte nochmal heftig in den Frustbereich, bevor es mich losließ.

Wenn Scientology sich erst mal nur den Alkohol vornähme, wären Buchmessen jedenfalls schon mal ein super Anfang.

Schön festhalten.

Ich frage ihn, ob Scientologen höherer Levels tatsächlich übernatürliche Fähigkeiten bekommen. Er habe jedenfalls noch keinen fliegen sehen, sagt er. Allerdings schließt diese Antwort wiederum die Möglichkeit nicht aus, dass das noch geschehen kann.

Als eines der Scientologentelefone tatsächlich mit dem „Mission: Impossible“-Klingelton unterbrach, endete meine Introspektion. Ich verabschiedete mich, unterzeichnete drei oder vier Verträge, die ich mir nicht durchgelesen habe und flog davon.

Man hat mich nicht unter Druck gesetzt.

Noch nicht.

Apropos Klebstoffschnüffeln: Schauen Sie nur, wen ich hier mit der Spraydose erwischt habe: Herbert Paulerberg!

Ja, das Gefühl kenne ich

Das scheint mir ja ein ziemlich akuter Fall zu sein. Ich gehe rasch mal die Scientology-Drogen-Broschüren durch, aber für Leimnasen wie ihn ist leider nichts dabei. Tja, Scientology, mit Paulerberg habt Ihr nicht gerechnet!

Da müsste er schon auf Ecstasy umsteigen.

Apropos Ecstasy: Der Börsenverein bietet eine lustige Aktion an: Für die Teilnahme an einer I-Phone-Verlosung sollen Messebesucher eine laufende Geschichte sätzeweise weiterschreiben. Das finde ich eine hervorragende Idee. Ich will zwar nicht so ein doofes I-Phone gewinnen, aber ich will sehr gerne zwei, drei Sätze dazupappen.
Die Geschichte wurde den ganzen Tag erfolgreich Satz für Satz fortgeschrieben, nach jedem neuen Schreiber wechselte auch die Farbe.

Die Geschichte handelte soweit von einem Mann…

…der hatte ein wichtiges Manuskript,…

…das war aber in der Handtasche seiner Frau,…

…die sie aber gestohlen bekam von einem Dieb,…

…der dann aber überfahren wurde,…

…so dass das Manuskript in alle Winde verweht wurde,…

…bis es ein Obdachloser fand,…

…und der…

– Sie bemerken in der auffallenden Häufung der Höhepunkte bereits die dramaturgische Schwäche dieser Spielerei –

…und der, also, der Obdachlose, der erkannte die Handschrift.

Das war der Punkt, an dem ich ansetzen sollte. Und so schrieb ich, dass der Obdachlose ein alter, versoffener, lizenzverlustiger ehemaliger Arzt war, der im Vollrausch JEDE nächstbeste Handschrift zu erkennen glaubt.
Bin mal gespannt, wo das die Geschichte hinbefördern wird. Wo kämen wir denn da hin, wenn der die Handschrift erkannt hätte? Solche Zufälle müssen wir schon Paulo Coelho überlassen.

Liebe Grüße an Thomas Ecke von Katharina Hesse, verheiratete Wirths.

„Verdammter Teufel Alkohol.“ Ist das nicht großes Kino?

Aber nun genug der Spielerei. Ich darf an der Pressekonferenz von Frank-Walter Steinmeier teilnehmen. Herr Steinmeier stellt bei Random House sein Buch vor: „Mein Deutschland – Wofür ich stehe.“

Bevor Herr Steinmeier kommt, zeige ich Ihnen ein ulkiges Foto, wie die Kollegen mit den richtig, richtig großen Kameras schon mal den leeren Tisch von Herrn Steinmeier belauern.

Den Tisch hätten wir schon mal

Ich werfe auch einen Blick in die Notizbücher meiner Kollegen. Ich lese das Wort „Kriese“ und dachte: Ja, das trifft es. Krise ist ein Wort, das man am besten immer falsch schreiben sollte.

Herr Steinmeier gilt als durchsetzungsfähiger Pragmat. Das wird auch der Grund sein, warum er Cem Özdemir, den kosmopolitischen grünen Patrioten, mitgebracht hat und ihn eine Inhaltsangabe des Buches vortragen lässt. Die Schlüsselstelle ist auf Seite 13; falls Sie es eilig haben. Nachdem Steinmeier eine halbe Stunde lang Özedmirs Hausaufgaben abgehört hat, dürfen Fragen gestellt werden.

Bei „Profalla“ mussten wir aber alle lachen.

Man konfrontiert beide mit einem Profalla-Zitat, wonach Steinmeier Deutschland in eine Sackgasse führe. Na gut, „konfrontieren“ kann man bei Profallazitaten ja schlecht sagen; und beide sind auch schon bei der Nennung des Namens sichtlich amüsiert; aber Herr Steinmeier gibt sofort zu, dass er sich mit Sackgassen nicht so gut auskenne wie Herr Profalla selbst.

Auch die restlichen Fragen waren allesamt politischer Natur anstatt auf das Buch einzugehen, deshalb habe ich mir währenddessen die Zeit damit vertrieben, die Mikrofone so zu fotografieren, als ob sie Nasen wären:

Oooh, sweet.

Ich weiß, ich bin süß. Aber noch süßer finde ich, wie ein Haufen Grundschüler sich die Nasen am Konferenzraumfenster platt fotografieren. Ich fragte, ob sie überhaupt wissen, wen sie da fotografieren; und sie sagten: „Auf jeden Fall jemand mit Bodyguards.“

Respekt. Genau so arbeite ich auch!

Özdemir sieht nur durch dickes Glas im Gegenlicht aus wie Bushido.

Apropos Bushido: Zwei musikalische Sationen habe ich noch vor mir, bevor es zur Messepreisverleihung geht. Bei der ARD sitzen die echten Puhdys! Leider reicht meine Zeit nicht mehr für den Gesang.

Die echten Puhdys im echten ARD-Forum

Und bei johannis sehe ich Waldemar Grab, einen echt fetzigen Musikevangelisten, am Piano jazzen, aber leider reicht meine Zeit nicht mehr, um ihn auch predigen zu hören.

That´s Jazz!

Bei Club Bertelsmann fällt mir noch ein junger, zurückhaltend wirkender Mann auf, der die Fragen seines jugendlichen Publikums auf englisch beantwortet und der übersetzt wird. Und siehe da: Dieser Mann also steckt hinter…

…Bartimäus!

Gestatten: Jonathan Stroud. Sein neuestes Buch „Valley – Im Tal der Wächter“ ist seit Januar auf dem Markt.

Aber, wie gesagt, ich wollte mich eigentlich zum Messepreis sputen. Als ich hinkomme, stehen etwa eine Million Zuschauer vor der Tribühne. Darauf habe ich jetzt echt keine Lust mehr. Hätte ich doch bloß nicht die Puhdys fotografiert. Weiß denn niemand, dass ich schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen war, um Uwe Marsen während der Zugfahrt im Auge zu behalten?

Jetzt, nee, oder?

Nun, Sie sehen ja selbst, was da los ist.

Die Ergebnisse der Preisverleihung werde ich im Hotelzimmer einfach mal googeln. Es wird ja wohl irgendeinen Journalisten auf dieser Messe geben, der nicht noch fauler ist als ich, und bei dem schreibe ich dann ab. Bei meinem Glück wahrscheinlich Kollege Faure, das wird er mir gleich wieder aufs Brot schmieren.

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…und da hätte ich überall daneben gelegen: Genanzino, Matthias Frings und Naked Lunch hätte ich getippt. Aber ich habe ja auch nicht mit einem Bounty bei Edition Ruprecht gerechnet.

Immerhin konnte ich ein paar der Nominierten fotografieren. Und maulen Sie nicht über die Qualität, das Motiv war so weit weg, das habe ich mit Google Earth aufnehmen müssen.

Zum Glück ist das Messedach aus Glas.

Und das war mein Leipziger Donnerstag.

Jetzt lasse ich mir vom Zimmerservice einen Vier-Sterne-Burger mit einer Taxi-Quittung bringen und hoffe mal, dass die Kostenstelle in der Redaktion das nicht mitliest.

Trommelwirbel…
…und Tusch!

Auf der Straße sehe ich von meinem Fenster aus ein Wohnmobil stehen.
Hoffentlich ist das nicht Herbert Paulerberg.

Einen schönen Freitag wünscht Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

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