Beckmann kommtiert Leserbedenken gegen die New York Times-Bestsellerliste

Bestsellerlisten kommen immer wieder mal ins Gerede. Neuerlich war das Verkaufsranking der New York Times betroffen – eins der insgesamt 41 von amerikanischen Zeitungen sowie des Branchenorgans Publishers Weekly laufend publizierten Rankings, aber das renommierteste, verkaufsförderndste und einflussreichste:

Wenn dem Erstlings eines Schriftstellers der Sprung hier gelingt, wird er durchschnittlich immerhin 57 Prozent mehr Käufer finden: so das Ergebnis einer Studie des Professors Alan Sorenson von der Stanford University Graduate School of Business. Und, wie der langjährige frühere Cheflektor von Simon und Schuster, Michael Korda, erklärt: Manche Verträge enthalten eine Klausel, dass ein Autor einen Zusatzbonus bis zu $100.000 Dollar erhält, wenn sein Titel auf der NYT-Liste den ersten Platz erklimmt.

Sie findet dementsprechend eine besonders hohe öffentliche Beachtung.

Jüngster Stein des Anstoßes: Am 23 September war ein Titel von der TB-Liste verschwunden, der eine Woche zuvor auf Platz 9 rangiert hatte, und das, obwohl – wie sich dann herausstellte – seine Beliebtheit und Nachfrage keinesfalls abgesackt waren. Es gab eine solche Welle von Erkundigungen und Protestreaktionen seitens der Öffentlichkeit, dass Clark Hoyt – als Public Editor Repräsentant der NYT-Leser in der Redaktion – sich mit der Causa beschäftigte und sie am 21. Oktober öffentlich darlegte: Einerseits, um etliche Missverständnisse über Details, wie die Liste zustande kommt, aufzuklären, andererseits, um Kritik zu äußern. An der Akkuratesse ihrer Erhebungen scheint generell kein Zweifel zu bestehen. Was problematisch erscheint, sind hier – wie bei anderen Rankings solcher Art, auch in Deutschland – die Prinzipien der Auswahl: welche Art von Titeln berücksichtigt werden, und welche nicht.

Das fragliche Werk hieß Night– der deutsche Titel lautet Nacht. Dokumente und Zeugnisse – in dem Elie Wiesel die Geschichte seiner Familie im Holocaust erzählt. Auf Englisch erstmals 1960 erschienen, war es dann vor drei Jahren in einer neuen Übersetzung (von Elie Wiesels Ehefrau Marion) herausgekommen, 80 Wochen lang z.T. sogar auf drei separaten Bestsellerlisten der NYT geführt und dann entfernt worden. – weil, so die NYT-Bestseller-Redakteurin Deborah Hofmann, Night wegen der Ausgabe in neuer Übersetzung zwar wieder listenfähig wurde, aber ein moderner Klassiker ist, dessen Verkäufe maßgeblich durch Empfehlung auf Lektürelisten für Studenten zustande kommen, „und wir solche Bücher nicht endlos als Bestseller registrieren können“.

Wieso blieb Malcolm Gladwells The Tipping Point dann nach 164 Wochen noch immer auf der Liste? Weil, so Deborah Hofmann, noch immer in der Erstausgabe lieferbar, d.h. ein aktueller Titel sei.

Ein Argument, das die Leser offenbar nicht überzeugte, u. a. aus folgendem Grund: „Eine solche Methodik ist für die Zeitung von kommerziellem Gewinn“, schreibt Clark Hoyt; „Verleger geben nämlich in der Regel keine Anzeigen mehr für Titel auf, die – wie Nacht, Harper Lee’s Wer die Nachtigall stört oder Salingers Fänger im Roggen quasi von selbst laufende Longseller sind. Ihre Entfernung von der Bestsellerliste schafft Platz für neue Titel, für die von den Verlagen Anzeigen geschaltet werden.“

Deborah Hofmann übergeht diese Tatsache mit dem – journalistisch gewiss auch nicht unberechtigten – Hinweis, die Zeitung brauche und wolle eine Bestsellerliste, die lebendig und in Bewegung sei und neuen Autoren die Chance biete, registriert zu werden.

Clark Hoyt und die Leser der NYT vertreten allerdings der Auffassung: „Wenn die zentrale Bestsellerliste eine Bestsellerliste darstellt, müsste sie auch spiegeln, was sich tatsächlich am besten verkauft, ganz gleich, ob es sich um neue oder alte Titel handelt.“ So ist es etwa bei der Zeitung USA Today auch der Fall.

Das würde freilich der seit langem herrschenden Ausrichtung der Verkaufsstrategien auf Novitäten, den Interessen von Verlagen, jüngerer Schriftsteller wie der New York Times selbst zuwiderlaufen. Darauf wird die New York Times sich deshalb auch nicht einlassen. Wahrscheinlicher ist wieder einmal ein Kompromiss. Deborah Hofmann und ihre Vorgesetzte denken angeblich darüber nach, eine zusätzliche spezielle Liste für Klassiker und Evergreens einzuführen.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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