Beckmann kommtiert Pflichtlektüre vor allen neuen Diskussionen um das E-Book, die Frage der Preisbindung für E-Books und die Zukunft des gedruckten Buches: Felicitas von Lovenbergs FAZ-Interview mit dem Literaturagenten Andrew Wylie

Branchenspitzname des 55jährigen amerikanischen Literaturagenten Andrew Wylie ist „der Jackal“ – der von Verlegern – wie von Kollegen – gefürchtetste Agent der Welt. Er gilt als aggressiv – etwa im Abwerben von Autoren bei anderen Agenturen. Seine Forderungen – vor allem von Vorschüssen – sind bei Lektoren und Programm-Machern gemeinhin als überhöht oder gar als unverschämt verschrien.

Doch er hat guten Geschmack und engagiert sich für Literatur. So vertritt er etwa Orham Pamuk und Philip Roth, Salman Rushdie und Martin Amis und das Werk von Jorge Luis Borges, Italo Calvino, Witold Gombrowicz, Somerset Maugham, Ceszław Milosz und Evelyn Waugh. Sein Credo: „Meiner Meinung nach sind viele schlechte Autoren überbezahlt und erwarten mehr, als sie verdienen, und viele gute Autoren erwarten weniger, als sie verdienen und sind unterbezahlt“ – das will er ändern und hat auch bereits so manches erreicht.

Laut Wylie „müsste ein qualitativ hochwertiger Autor sich über lange Zeit hinweg verkaufen“ – d.h. er setzt sich deshalb auch für die Backlist ein, und er übt scharfe Kritik an den vielen Verlagen, die ihre Arbeit allzu sehr auf Novitäten konzentrieren. Häuser, die er aus diesem Grund besonders schätzt, sind einige privatwirtschaftliche, noch echt verlegerische Firmen – und für sie gilt trotzdem: „Wenn man sich der Verlegerei einmal ohne Interesse an der Literatur zuwenden würde, also nur aus Businessgründen, würde man feststellen, dass Häuser wie Gallimard, Hanser, Feltrinelli die bestgeführten und profitabelsten Verlage sind.“

Andrew Wylie ist also bei genauerem Hinschauen anders als sein weitverbreiteter Ruf. Einen Einblick in seine Prinzipien und seine Vorgehensweisen vermittelt der deutschen Branche und dem Publikum erstmals das ganzseitige Interview, das Felicitas von Lovenberg für die Wochenendbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit ihm geführt hat. Es sollte Pflichtlektüre aller Verlagsangestellten, aber auch unserer Buchhändler sein.

Aktuell von höchstem Interesse sind die Aussagen, die Wylie da zum E-Book macht, und die Forderungen, die er diesbezüglich an die Verlage stellt. Hier stellt er sich zur – soweit bekannt – herrschenden Branchenpraxis quer.

„Wir bestehen darauf, dass der Preis der E-Books identisch ist mit dem des gedruckten Buches“, hat er in der FAZ erklärt und das auf die Frage, warum das denn so wichtig sei, folgendermaßen begründet: „Weil die Buchindustrie sonst genau den Weg gehen wird, den ihr die Anbieter der E-Books, Amazon und Sony, aufdrängen wollen. Die wollen natürlich einen niedrigeren Preis für die E-Books. Und im nächsten Schritt werden sie versuchen, die Verlage ganz zu umgehen, nach dem Motto: Wir brauchen keine physischen Bücher und keinen Vertrieb mehr, also brauchen wir auch keine Verlage. Das ist mehr oder minder das, was in der Musikindustrie passiert ist, und das Ergebnis ist katastrophal…“

Wir sollten aufhorchen: Denn vielleicht sind die vielen Appelle in und an unsere Branche, man dürfe nicht die gleichen Fehler machen wie die Musikindustrie, ja auch schon zu leeren Sonntagsreden verkommen. Die Lehre, die Wylie aus ihrem Niedergang zieht, hat zumindest so scharf und deutlich öffentlich noch niemand gezogen.

Aus ihr entwickelt sich Wylies nächstes, emphatisches Bekenntnis: „Ich will keine Zukunft, in der es (Philip) Roth nurmehr als E-Book gibt und nicht gedruckt. Und ich will auch keine Zukunft, in der ein Verleger sagt, wir haben die Hoheit über die digitalen Rechte, und da gibt es eine Version im Äther, die bei Amazon verkauft wird und uns nichts kostet, aber in der Buchhandlung gibt es keine Bücher mehr, weil es für uns bequemer ist, nichts zu tun und die Gewinne einzustreichen.“

Und Wylie ist selbst konsequent, dementsprechend handelt er auch als Agent und nutzt seine – auf Grund der von ihm vertretenen 650 wichtigen Schriftsteller, Fotografen und Politiker nicht unbeträchtliche – Macht, um seine Überzeugung durchzusetzen:

Felicitas von Lovenberg hat nachgefragt, wie Verleger auf diese Position Wylies reagieren, und er antwortet: „Niemand hat sie direkt verworfen. Das können sie sich auf Grund der Liste unserer Klienten auch gar nicht leisten. Erst gestern abend habe ich zu jemandem gesagt: Von Jorge Luis Borges wird es E-Books entweder zu unseren Bedingungen geben – oder gar nicht.“

Da werden einem natürlich sogleich die hinlänglich bekannten Gegenargumente in den Ohren klingen: Aber dann besteht doch Gefahr, dass Borges niemand mehr liest, dass dieser Autor aus dem kulturellen Bewusstsein verschwindet. Und natürlich bekam auch Wylie sie prompt zu hören, und bemerkenswert ist seine Antwort darauf: „Dazu kann ich nur sagen: In zwei Jahren fallen die spanisch-sprachigen Rechte zu hundert Prozent an den Nachlass zurück (den Wylies Agentur vertritt). Und das Arrangement, das wir dann für Borges machen werden, wird höchstwahrscheinlich das stärkste in der Geschichte der Agentur sein. Ich kann Ihnen versichern: Es wird mehr Borges-Leser geben als je zuvor.“

Ach, wie viele in unserer Branche behaupten, dass sie an die Zukunft des gedruckten Buches glauben – und dafür lassen sich viele Argumente anführen. Warum nur sind es aber immer so wenige, die diesen Glauben auch mit all ihnen verfügbaren Mitteln aktiv vertreten, damit er für die Zukunft Wirklichkeit gewinnt?

Andrew Wylie beschließt seine Antwort mit einer Begründung und mit einer Forderung, über die Verlage ernsthaft nachdenken sollten: „Grundsätzlich gibt ein Verleger etwa zwanzig Prozent des Verkaufspreises eines Buches für ‚DPB’ aus – Druck, Papier und Bindung. Nachdem er diese Kosten aufgewendet hat, bleibt für Verleger und Autor so in etwa der gleiche Gewinnanteil. Sagen wir, das Buch kostet zwanzig Dollar. Davon zahlt der Buchhändler dem Verleger zehn Dollar. Der Autor bekommt fünfzehn Prozent Tantiemen und der Verleger auch, sogar etwas weniger, dafür veröffentlicht er ja auch mehrere Titel. Was jetzt im Gespräch ist, ist, dass der Autor einen bestimmten Anteil von dem Preis bekommt, den der Verleger mit dem E-Book-Vertreiber aushandelt. Als Agenten können wir und dürfen wir nicht zulassen, dass die Verhandlungen den Verlagen überlassen bleiben. Die Autoren müssen sagen: Der Prozentsatz, der bisher für DPB veranschlagt wurde, also jene zwanzig Prozent, die der Verlag beim E-Book einspart, sollen gerecht zwischen Autor und Verlag geteilt werden. Dafür plädieren wir. Und bestehen darauf, dass der Preis für E-Books identisch mit dem des gedruckten Buches ist.“

Da wird mancher in der Branche gleich sagen: Das ist gegen die Verlage gerichtet. Aber nein. Der Literaturagent macht sich hier für die Verlage stark. Er ist ja überzeugt, und er sagt es in diesem Interview auch: „Verlage sind notwendig. Sie machen ihre Arbeit gut, und wir möchten, dass sie ihre Arbeit weiterhin tun. Darum müssen E-Book und Buch gleich attraktiv sein….“ Wylie betont nur, was eigentlich selbstverständlich ist, doch in der Praxis von den Verlagen oft vergessen wird: Verlage können ihre angestammte, notwendige Arbeit nur dann weiter leisten, wenn sie dafür sorgen, dass E-Books , als sozusagen ätherische Billig-Ramschware nicht das gedruckte Buch verdrängen und dass Autoren auch beim E-Book die bisherige Honorierung gesichert ist; denn wenn Schriftstellern die materielle Basis zum Arbeiten, die das Urheberrecht ihnen sichern soll, entzogen wird und sie nicht mehr schaffen können, werden die Verlage mit leeren Händen dastehen und auch die Kunden leer ausgehen.

Die Gedanken Andrew Wylies sollten in alle Diskussionen eingehen, welche die deutsche Branche während der nächsten Wochen und Monate darüber führt, ob sie sich dafür einsetzen soll, dass – was der Gesetzgeber 2002 grundsätzlich ermöglicht hat – die Buchpreisbindung auch auf E-Books anzuwenden sei.

Darum müsste Felicitas von Lovenbergs Interview mit diesem bedeutenden Literaturagenten im ganzen Umkreis des Börsenvereins zur Pflichtlektüre gemacht werden.

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