Die Rechte-Kolumne Rainer Dresen: Das gibt es doch auf keinem Schiff!

Dieser altbekannte Gedanke könnte dem Schauspieler („Stromberg“) Christoph Maria Herbst in den letzten Monaten wiederholt in den Sinn gekommen sein. Zuerst, als er Anfang 2010 mit anderen Protagonisten der gleichnamigen Fernsehserie auf dem Fernseh-„Traumschiff“ mitreiste. Dann wieder, als er die Abenteuer, die er als Passagier an Bord zwischen Panama, Chile und Bora Bora erlebte, für ein Buch („Ein Traum von einem Schiff“) aufschrieb.

Für jeden normalen Leser eigentlich mühelos erkennbar hat Herbst darin nicht nur aufgeschrieben, was er erlebt hat, sondern bei seinen Erzählungen real Erlebtes mit Übertriebenem und völlig Erfundenem angereichert. Damit das auch jeder begreift, hat der –Nomen est Omen – Scherz Verlag das Herbst-Buch auch ausdrücklich auf dem Buchcover als „Eine Art Roman“ bezeichnet und zur Sicherheit auch auf der Umschlagrückseite formuliert: „Christoph Maria Herbst schreibt einen Roman über seine Reise mit dem legendären Fernseh-Schiff – da bleibt kein Bullauge trocken.“ Für die feuilletonistisch interessierten unter den Herbst-Lesern hat dieser seine Herangehensweise auch noch der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verraten. Auf die Frage, ob er in seinem Buch mit jemand abrechnen wolle, teilte er mit: „Das Traumschiff-Ensemble in meinem Roman ist ja nicht das real existierende. Die Folge läuft am 1. Januar 2011 im ZDF, da sehen Sie die Kling-Schwestern, Friedrich von Thun, Maria Sebaldt, die kommen alle nicht vor im Buch.“

So beschäftigt sich der Buchautor bereits im Flug zum Startort Panama gedanklich mit Personen, die angeblich an Bord des Zubringerflugzeugs sind, weil sie ebenfalls aufs Traumschiff wollen. Er erwähnt „die Dings… die aus der Werbung für schockgefrostete Spinatkügelchen“, den „Melitta-Mann“, einen Klitschko und Johannes Heesters, die aber alle auf der Herbst-Reise gar nicht dabei waren. Er beschreibt im Flugzeug auch eine Regieassistentin, die er angeblich von früher her intim kennt, die sich aber benimmt und die aussieht, wie es ganz sicher keine ZDF-Regieassistentin je würde.

Insofern konnte man sich beim Verlag eigentlich recht sicher sein, durch Verschränkung von Fiktion und Realität und durch ausdrückliche Hinweise an den Leser Vorsorge getroffen zu haben, dass dieses Buch nicht zum Rechtsfall wird. Zwar dürften die Betroffenen und das ZDF manche reale Anspielung nicht witzig gefunden haben. Die Reederei hat sich zwar vermutlich über die Abkürzung des Schiffsnamens „MS Deutschland“ als „Mumien-Schlepper“ geärgert, der „Traumschiff“-Produzent Wolfgang Rademann wird es nicht gerne gelesen haben, dass Herbst ihn als einen exzessiven Knoblauch-Esser outet und der 78-jährige Fernseh-Kapitän Siegfried Rauch wird nicht darüber lachen, dass Herbst die Kommandobrücke des Schiffs mit einer Palliativklinik verglich. Ein Kameramann könnte sich vielleicht daran stören, dass er angeblich ein fleißiger Herr mit faulem Atem sei, und dass mancher Mitspieler seine Texte nicht wirklich konnte, habe laut Herbst oft „hochprozentige“ Gründe gehabt. Alles nicht nett, aber deshalb würde doch niemand vor Gericht gehen, so sollte man meinen.

Weit gefehlt, irgendjemand ging doch vor Gericht. Ohne zu verraten, wer denn nun geklagt hat, teilte der Autor in der Talkshow „Lanz“ einem Millionenpublikum mit, dass sein Buch durch das Landgericht Berlin einstweilen verboten sei und die im Buchhandel befindlichen Exemplare zurückzurufen seien. Der Scherz Verlag bestätigte dies, kündigte aber an, dass bereits diese Woche geschwärzte Exemplare im Handel sein werden.

Insofern sollten sich Autor und Verlag über die Justiz-PR nicht wirklich ärgern, dem nachhaltigen Verkaufserfolg dürfte das kurze Vertriebsverbot nicht schaden. Wer vom Buch noch nicht gehört hat, kennt es jetzt. Wer das Buch noch nicht hat, will es jetzt haben. Als E-Book war es übers Wochenende bei Apple bereits die Nummer 1 der Bestsellerliste, auf ebay kosten Print-Exemplare bereits bis zu 35 Euro (Neupreis 14,95 Euro).

Wenn die geschwärzte Ausgabe kommt, wird das den Verkauf sicher anheizen, dann wird man anhand der dann unterschiedlichen Buchfassungen schnell erfahren, wer warum geklagt hat. Für zusätzliche Aufmerksamkeit dürfte die öffentliche Verhandlung über den Widerspruch des Scherz Verlages gegen die einstweilige Verfügung sorgen. Dies vor allem, wenn der Autor seine Sicht der Dinge schildert. Er soll ja nicht nur tough sein (Zitate aus „Stromberg“: „Ich besteh ja zu 90 Prozent aus Ellenbogen und zehn Prozent Herz. Und Hirn natürlich, noch mal 30, 40 Prozent. Durchsetzt mit Charme und Köpfchen.“ „Eine Abmahnung ist gar nichts. Mit einem Messer im Rücken gehe ich noch lang nicht ins Grab.“), sondern vor allem humorbegabt.

Wenn es soweit ist und meine anderweitigen Dienstgeschäfte es zulassen, nehme ich den Verhandlungstag frei und werde als Sonderkorrespondent von BuchMarkt, vergleichbar einer Alice Schwarzer, die im Auftrag von BILD kenntnisreich über die Kachelmann-Verhandlung berichtet, im Zuschauerraum sitzen. Aber nicht nur wegen Herrn Herbst, sondern auch und vor allem, weil es eine seltene Gelegenheit ist, den Doyen des Verlagsjustitiarswesens, meinen hochverehrten, überaus meinungsstarken und nachgerade prophetischen Kollegen Reimer Ochs von den Fischer Verlagen, einmal vor Gericht zu erleben.

Rainer Dresen, Dresen-Kolumne@freenet.de, 46, arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagsjustiziar in München auf dem Gebiet des Urheber- und Medienrechts. In seiner Freizeit schreibt er gerne selbst Juristen- und Yogabücher (Kein Alkohol für Fische unter 16; Beim ersten Om wird alles anders). Zur letzten Kolumne: „Entschuldigung, sind Sie bei der Mafia?“ geht gehts hier lang: [mehr…].

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