Die Rechte-Kolumne Rainer Dresen: Die Literatur-Agenten. Neue Aufgaben für den BND im Buchmarketing?

Beschäftigt sich der BND neuerdings mit Fragen des Buchmarketings? Auf diese Idee könnte man kommen, wenn man die Aktivitäten des BND in Zusammenhang mit den Enthüllungsbüchern des Ex- Agenten und jetzigen Sachbuchautors Norbert Juretzko betrachtet.

Die Veröffentlichung des Erstlingswerkes im Ullstein Verlag im Jahre 2004 wurde bekanntlich von einem mysteriösen Einbruch in die Verlagsräumlichkeiten begleitet. Drei Unbekannte, die sich als Mitarbeiter des Verlages ausgaben, verschafften sich unbefugt Zutritt zum Haus und durchsuchten mehrere Büros. Unklar blieb, wie die Eindringlinge an einen Schlüssel zum Haus und den Sicherheitscode für die Alarmanlage gelangen konnten. Da damals gezielt bestimmte Büroräume durchsucht wurden, vermutete der Ullstein Verlag einen Zusammenhang zwischen dem Einbruch und dem kurz darauf erscheinenden Buch „Bedingt dienstbereit. Im Herzen des BND – die Abrechnung eines Aussteigers“.

Angesichts jener Vorkommnisse durfte man gespannt sein, was denn im Umfeld des soeben ausgelieferten Nachfolgetitels „Im Visier. Ein Ex-Agent enthüllt die Machenschaften des BND“ passieren würde.

Dieses Mal kam es zwar zu keinen unerlaubten Besuchen im (Heyne-)Verlag, aber für Pressewirbel war nicht nur angesichts von den im aktuellen Buch behandelten BND-Skandalen wie „Junge Blondinen schraubten in Zugtoiletten zu Übungszwecken Seifenspender ab“ und „Im Nahen Osten flogen die BND-Leute auf: Ihre gefälschten Pässe hatten alle das gleiche Datum“ dennoch gesorgt.

Pünktlich zum Verkaufsstart des Buchs begann nämlich, letztlich auf Betreiben des BND, vor dem Landgericht Berlin das Strafverfahren gegen den Autor Juretzko wegen des Vorwurfs des Geheimnisverrats. Der Autor wird beschuldigt, durch seine erste Buchveröffentlichung Dienstgeheimnisse, die ihm als Amtsträger anvertraut oder sonst bekannt geworden sind, unbefugt offenbart und dabei wichtige öffentliche Interessen vorsätzlich gefährdet zu haben, eine Straftat, die mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet wird.

Norbert Juretzko verteidigt sich damit, dass er keine andere Möglichkeit als den Weg in die Öffentlichkeit sah, um Missstände beim BND zu benennen. Diese abzustellen aber liege im öffentlichen Interesse.

Wie das Strafverfahren auch immer ausgehen mag, die Beteiligten nutzen die Öffentlichkeitswirkung der Gerichtsverhandlung jedenfalls auch, um Werbung für die Bücher von Juretzko zu machen. So liest man aktuell und stimmungsvoll in der WELT, dass Juretzko „im düsteren Flur des Moabiter Kriminalgerichts“ Journalisten gegenüber ankündigte, „Im Visier“, sein neues Buch, sei die Fortsetzung desjenigen, wegen dessen brisanten Inhalts er angeklagt sei.

Selbst der Richter sorgt für weiteres Interesse an der Buchlektüre, indem er erklärt, dass die vom Staatsanwalt verlesenen Auszüge aus „Bedingt dienstbereit“ nicht ausreichten, um sich ein Bild von den Vorwürfen zu machen. Statt dessen lässt der Jurist Kopien des Buchs im Saal verteilen und ordnet für alle Beteiligten „das Selbstleseverfahren“ an und vertagt die Verhandlung bis zum Abschluss der Lektüre.

Wer die Fortsetzung „Im Visier“ lesen will, erhält bis auf weiteres kein Leseexemplar vom Gericht, sondern muss eine Buchhandlung seines Vertrauens aufsuchen. Das gilt wohl zu seinem Leidwesen auch für den BND. Auf Journalistennachfrage teilten Geheimdienstmitarbeiter mit, dass man „Im Visier“ noch nicht gelesen habe, denn „Wir haben ja kein Vorabexemplar bekommen.“ Was zu spöttischen Kommentaren wie demjenigen vom Oberbayrischen Volksblatt führt: „Ist ein weltweit operierender Geheimdienst mit über 5000 Mitarbeitern nicht in der Lage, ein druckfrisches Buch zu organisieren?“

Der Heyne Verlag wird wohl weiterhin sorgfältig alle Türen und Fenster verschlossen halten.

Rainer Dresen arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagsjustitiar in München auf dem Gebiet des Urheber- und Medienrechts. Mail: Dresen-Kolumne@freenet.de

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