Die Rechte-Kolumne Rainer Dresen: Humorlose Titel-Verteidigung unter Kabarettisten

Üblicherweise fristet der rechtliche Titelschutz eine der meist nicht eben eingängigen Materie geschuldete öffentliche Schattenexistenz. Die medienwirksamen Ausnahmen von dieser Regel aber häufen sich mittlerweile. Rückten vor ein paar Monaten Staatsanwältin und Kripo-Beamte als Titel-Verteidiger im Schatten des Elfenmondes in einem Verlagsgebäude an und bereiten seitdem die Anklageschrift („Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren“) vor, erlangte nun ein Titel-Streit unter Kabarettisten bundesweite Aufmerksamkeit.

Diese Woche sollte in der ARD eine neue Staffel der Sendung „Scheibenwischer“ beginnen. Unter dieser Bezeichnung und unter Federführung von Dieter Hildebrandt wurden von 1980 bis zu dessen Ausscheiden 2003 über hundert Sendungen ausgestrahlt. Anlässlich des Ausscheidens von Dieter Hildebrandt wurde er vom damaligen Programmdirektor ausdrücklich gefragt, ob der „Scheibenwischer“ weitergehen darf, also ob der Hildebrandt rechtlich zustehende Titel „Scheibenwischer“ vom Sender weiter für die dem bewährten Grundkonzept folgende Sendung genutzt werden dürfe. Dieter Hildebrandt hat dem zugestimmt, nachdem ihm versichert wurde, dass das inhaltliche und formale Konzept der Sendung durch die Protagonisten Bruno Jonas, Mathias Richling und Georg Schramm auch nach seinem Weggang beibehalten werde. Bruno Jonas war bekanntlich jahrzehntelanger Partner Hildebrandts beim „Scheibenwischer“ und Garant für die bedingungsgemäße Kontinuität. 2006 verließ Georg Schramm das Ensemble der Sendung, Ende 2008 auch Bruno Jonas.

Als nun bekannt wurde, dass der Abgang von Bruno Jonas offenbar dazu genutzt werden sollte, ab März 2009 unter Leitung von Mathias Richling den unveränderten Titel „Scheibenwischer“ für ein formal und inhaltlich völlig neues Sendekonzept zu verwenden, indem sogenannte Comedians künftig in der Sendung auftreten dürfen, hat Hildebrandt den Verantwortlichen mitteilen lassen, dass er ihnen den Titel „Scheibenwischer“ entziehe. Die Ankündigung von Gastauftritten so schillernder Personen wie Markus Maria Profitlich, Ingolf Lück oder Anke Engelke zeigte, dass der neue „Scheibenwischer“ mit dem alten nicht viel mehr als den Titel gemeinsam haben würde:

Herr Profitlich hat sich vor allem als Teilnehmer der RTL-„Wochenshow“ sowie mit der Sendung „Mensch Markus“ einen Namen gemacht, einer nach eigenen Angaben auf seiner Homepage „erfolgreichen Sat.1-Sketch-Comedy-Show. Angeblich „mit untrüglichem Gespür für pointierte Gags zwischen „ziemlich makaber“ und „total menschlich“ setzt Markus Maria Profitlich auf die Entdeckung der Komik im Alltag. Bekannte Figuren, die Profitlich verkörpert, sind demnach der „Erklärbär“, der uns die Welt zu erklärt oder „Sven Dudek, der Boxer“, der für sein Internet-Blog viele interessante Menschen trifft, oder der Superheld „BESOKLÜHIM“, der Bechamelsoßeohneklümpchenhinkriegmann.

Ingolf Lück ist vor allem bekannt als Anchorman der Sat 1 „Wochenshow“, der es nach eigenen Angaben auf seiner Homepage „schaffte, mit Nonsens, Sketchen und dummen Sprüchen, die schöne Anke Engelke, Bastian „Brisko“ Pastewka, Markus Maria Profitlich und die „Wochenshow“ zur erfolgreichsten deutschen Comedy-Sendung hoch zu blödeln.“

Anke Engelke war ebenfalls im Team der „Wochenshow“ und ist derzeit Protagonistin der Comedy-Show „Ladykracher“, bei der sie und ihr Team laut Homepage „in verrückten Momentaufnahmen den Großstadtalltag von Frauen zwischen Handy, Liebeserklärung und Kindergeburtstag beleuchten – witzig, schnell, originell. Ob in Bus und Bahn, an Tresen und Tanke, auf Partys, beim Shopping oder im trauten Heim: Kein Ort, keine Situation ist vor den Machern von „Ladykracher“ sicher.“

Das alles musste Hildebrandt rechtlich gesehen gleich aus mehreren Erwägungen heraus nicht hinnehmen: Der „Scheibenwischer“ war die am längsten bestehende Kabarettsendung im Deutschen Fernsehen. Der Begriff „Scheibenwischer“ war über Jahrzehnte und ist weiterhin aus Sicht des Publikums verbunden mit einem hohen politischen und künstlerischen Anspruch. Im Bewusstsein des Publikums stellte er einen Gegenpol dar zu den bislang vor allem bei Privatsendern üblichen deutlich anspruchsärmeren Comedy-Sendungen. Nach dem jetzt bekannt gewordenen neuen Konzept sollte offenbar eine weitgehende Annäherung zwischen beiden Formaten stattfinden. Das bisherige Sendekonzept beruhte originär auf Ideen von Dieter Hildebrandt.

Unter dem von Hildebrandt für diese Art Sendung erfundenen Titel „Scheibenwischer“ wurde nach bisherigem Konzept ein urheberrechtlich geschütztes Werk begründet, das durch die nun geplante Neuausrichtung in einem Maße entstellt worden wäre, die geeignet war, die berechtigten Interessen Hildebrandts zu gefährden. Die Sendung „Scheibenwischer“ ist in der öffentlichen Wahrnehmung eng mit der Person und Persönlichkeit von Dieter Hildebrandt verbunden. Die geplante Veränderung des Konzepts vom niveauvollen politischen Kabarett zum Comedian-Trash würdigte ihn und seine Leistung herab und verletzte sein Persönlichkeitsrecht – zumal wenn der Eindruck erweckt wird, er billige diese Neuausrichtung.

Das sahen die produzierenden Sender RBB und BR wohl ganz ähnlich, jedenfalls wurde Hildebrandts Unterlassungsbegehren umgehend nachgegeben.

In großer Eile musste deshalb für die bevorstehende Sendung ein neuer Titel gefunden werden. In die engere Wahl kamen laut einer Anzeige im „Titelschutzanzeiger“ die Titelentwürfe „Erstes deutsches Kabarett“ bzw. „Das erste deutsche Kabarett“, gewonnen hat aber „Satire Gipfel“. In fliehender Eile mussten in neuer Vorspann und ein neuer Trailer für die Sendung entworfen werden.

Der „Satire Gipfel“-Gastgeber Richling findet das alles gar nicht lustig und gibt seitdem Interview auf Interview, in denen er sich wegen des Entzugs der Titelrechte öffentlich auf dem Gipfel der Empörung zeigte. Er beklagte sich über Hildebrandts „Angriffe aus dem Hinterhalt“ und dessen „Humor-Fundamentalismus“ und wurde auch ein wenig persönlich: „Das Problem ist auch, dass Altgenosse Dieter Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches“, meinte Richling und warf dem Kollegen vor, der SPD hörig zu sein – was „eines Kabarettisten eigentlich unwürdig“ sei. Hildebrandt konterte eher zurückhaltend und gewohnt ironisch, wohl wissend, dass Richlings Angriffe vor allem Publicity für die bevorstehende Sendung erzeugen sollen und für sich selbst sprechen.

Zum Thema ein FAZ-Beitrag

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