Die Rechte-Kolumne Rainer Dresen über: Die Unvermeidliche. Von den Erfahrungen mit der SZ-Edition Teil 2

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, den Start des Zweiten Teils der SZ-Buchedition einfach nicht weiter zu beachten. Ich wollte kein Wort darüber verlieren, was davon zu halten ist, dass die SZ durch die regelmäßig hymnische Besprechung der SZ-Bücher durch SZ-Reakteure im SZ-Feuilleton redaktionellen und werblichen Teil virtuos vermischt.

Nichts wollte ich darüber schreiben, wie unerbittlich der Preisbindungstreuhänder zwar dagegen vorgeht, wenn auch nur ein einziges Taschenbuch unterhalb des festgesetzten Preises verkauft wird, aber keine Handhabe dagegen hat, wenn die SZ zum Start der Edition Hunderttausende Bücher, die im Laden 5,90 Euro kosten, einfach so an Zeitungskäufer verschenkt.

Ein paar Tage lang hat der Versuch, die Edition auch als Leser zu ignorieren, ganz gut geklappt, obwohl die unermüdlichen Feuilletonredakteure der SZ schon lange vorher über kaum etwas anderes berichtet hatten und die Zeitung immer wieder ihre Liste von „großen Autoren der Weltliteratur“ abdruckte, die allerdings manchen Literaturfreund in Verlegenheit stürzte („was haben nochmal Andrzej Stasiuk oder Marlene Streeruwitz geschrieben, wodurch wurden Ivo Andric, Bohumil Hrabal oder Juan Goytisolo bekannt?“)

Selbst am Montag, dem Beginn der Edition, war es mir als Zeitungskäufer noch möglich, dem Startexemplar „Frühstück bei Tiffany“ zu entgehen. Hierbei handelte es sich bekanntlich um das „kostenlose Geschenk“, das die SZ vielhunderttausendfach sowohl anlässlich des Welttages des Buchs als auch des am selben Tag gefeierten Editionsbeginns ihren Lesern bereiten wollte. Meine bevorzugte Zeitungs-Verkaufsstelle zumindest hatte an jenem Tag keine kostenlosen Bücher zur flächendeckenden Verteilung geliefert bekommen.

Am Dienstag konnte ich den indirekten Kontakt schon nicht mehr vermeiden. Nach dem Ende der von meiner Tochter gerne gesehenen „Raupe Nimmersatt“-DVD habe ich nicht schnell genug den Ausschaltknopf am Fernsehgerät gedrückt und so festgestellt, dass für die neue SZ-Edition wie für andere Konsumgüter auch im TV geworben wird. Bekannte hatten mir bereits mitgeteilt, dass im Radio im Halbstundentakt Ähnliches passiert.

Am Mittwoch Abend schließlich, als ich mir die Zeitung vom nächsten Tag kaufen wollte und mich zu diesem Zweck zur nächsten U-Bahnstation begab, habe ich das Geschenkbuch „Tiffany“ dann doch noch in natura gesehen. In den U-Bahnfoyers in München werden abends wie in anderen Städten auch die lokalen Zeitungen des nächsten Tages angeboten, auf dem Bahnhofsfußboden gestapelt und von freundlichen Feierabend-Verkäufern Passanten präsentiert. Dieses Mal nun war dort ein ungewohnter Stapel zu sehen: Dutzende „Tiffanys“, die wohl den Welttag des Buches überdauert hatten und nun auf Leser warteten. Als ich mich noch darüber freute, in dieser sonst eher tristen Umgebung, zwischen Passbildautomat und Fahrkartenentwertern und neben Ausgaben des städtischen Obdachlosenblatts „BISS“, gleich mehrere Exemplare eines Buchs der Weltliteratur zu sehen, hatte mir auch schon ein SZ-Verkäufer ein Exemplar des „Früstücks bei Tiffany“ heringsgleich in die SZ vom nächsten Tag gewickelt.

Nun also nutze ich die Möglichkeit, mich mit dem schmalen Bändchen des laut Umschlagrückseiten-Zitat „perfektesten Schriftsteller seiner Generation“ Truman Capote zu beschäftigen und der SZ für flächendeckende Marketing- und für perfekteste Sprachschöpfungshöchstleistungen Respekt zu zollen.

Rainer Dresen arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagsjustitiar in München auf dem Gebiet des Urheber- und Medienrechts. Mail: Dresen-Kolumne@freenet.de Die vorherige Kolumne lesen Sie hier : [mehr…]

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