Die Rechte-Kolumne Rainer Dresen: Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Von der Inflation der Edition

Die Medienbranche ist bekannt dafür, dass Erfolge der Konkurrenz umgehend nachgeahmt werden. Kein Wunder also, dass die Käuferresonanz auf die gerade auslaufende SZ- und die Bild-Bestseller-Bibliothek kaum ein Verlagshaus unbeeindruckt lässt.

Fieberhaft werden deshalb gegenwärtig die Synergie-Beauftragten und Crossmarketing-Strategen der Verlage ausgeschickt, um Allianzen zwischen Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen zu schmieden, auf dass die Verkaufszahlen der SZ- und Bild-Editionen wiederholt und möglichst noch übertroffen werden.

Bevor mahnende Stimmen laut werden, dass dies alles den so fragilen Buchmarkt nachhaltig und mit für alle langfristig schädlichen Folgen beeinflussen könnte, beruhigt einer, der es wissen muss: Die Zusammenarbeit mit der SZ, so Michael Krüger, der Chef des SZ- Lieferanten der ersten Stunde Hanser in „Buchmarkt-Online“, war eine „Marketing-Kampagne nicht nur für das Buch, sondern für anspruchsvolle Literatur, wie sie der Börsenverein und seine Mitglieder seit Jahren wünschen.“

Da bei der SZ-Bibliothek, laut Krüger, „die meisten Käufe Zusatzkäufe waren“ und es gelungen ist, „lange vergessene Autoren und ihre Bücher wieder in den Vordergrund zu stellen“, also „altmodisch gesprochen Traditionspflege“ betrieben wurde, muss sich auch niemand um mögliche Einbußen im traditionellen, editionslosen Verlagsgeschäft sorgen. Ein stetig anschwellender Chor von Verlagsmanagern antwortet deshalb auf Krügers rhetorische Frage: „Wer wollte sich dem verschließen?“ mit einem kräftigen „Ich ganz bestimmt nicht“.

Die SZ zum Beispiel denkt nicht daran, sich zu verschließen, im Gegenteil, sie öffnet sich noch mehr dem Buchmarkt und nimmt sich der PISA-traumatisierten Kinder und Jugendlichen an und versucht, die eigenen Erfolge der Erwachsenen-Bibliothek in Kürze mit einer Kinder- und Jugendbuch-Bibliothek zu wiederholen. Dabei imitiert die SZ zur Abwechslung einmal andere, nämlich cbj und „Geolino“ bzw. die „Neue Westfälische“, bei denen es derartige Edition bereits gibt. Das Handelsblatt zeigt sich auch ganz offen und startet eine Management Bibliothek, bei „Brigitte“ und Random House Audio gibt es was auf die Ohren, beide haben die Hörbuch-Edition „Starke Stimmen“ lanciert, „Brigitte“ und die Hanser-Autorin Elke Heidenreich veröffentlichen im Hanser-Vertrieb 26 selbstverständlich „anspruchsvolle Romane“, „Der Spiegel“ denkt über eine Buchreihe nach, die FAZ als Hort der „klugen Köpfe“ selbstredend auch.

Als Jurist erinnert man sich mit einem gewissen Unbehagen daran, wie jedes Buch der SZ-Bibliothek durch neutral daherkommende, jedoch unisono begeisterte SZ-Rezensionen geadelt und somit der Bibliothek bildungsbürgerlich den Boden bereitet wurde. Der Rechtsgrundsatz, dass redaktioneller Teil einer Zeitung und Anzeigenspalten für den Leser klar getrennt werden müssen, musste da zurückstehen.

Man mag sich vorstellen, wie kunterbunt durcheinander es künftig bei der Gestaltung der Feuilletons zugehen wird und wie eng der Platz für Konkurrenzprodukte werden könnte, wenn die Kulturschaffenden jeder Zeitung zuvorderst die eigene Edition befeuern müssen.

Sehr interessant ist auch die Frage, wo denn die ganzen Lizenzen für die vielen Editionen herkommen sollen. Verstärkt wird es deshalb dazu kommen, dass die Bevorrater der kostbaren Substanzen feststellen werden, dass sie parallel zu den neu zu vergebenden Editions-Hardcover Lizenzen bereits bestehende Taschenbuch-Lizenzen an andere Verlage gegeben haben. Jene sehen dann ihre Taschenbuchverwertung durch besser ausgestattete und preisgünstigere sowie aggressiv beworbene Hardcover-Editionen gefährdet und werden nicht amused sein.

Streng juristisch, soviel nur am Rande, muss jeder Lizenzgeber durch Vorgabe hinreichenden Preisabstands sicherstellen, dass Taschenbuchverwertungen nicht durch parallele Lizenzen beeinträchtigt werden. Es bleibt aber abzuwarten, ob das in der gegenwärtigen Goldgräberstimmung hinreichend beachtet wird.

{Rainer Dresen, 40, arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagsjustitiar in München auf dem Gebiet des Urheber- und Medienrechts. Mail: Dresen-Kolumne@freenet.de]

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