Beckmann kommtiert Sind Schulbücher wirklich ein Geschäft, das der Buchhandel mit links betreiben kann, weil es sich weiter nicht lohnt?

Die einzige Buchhandlung einer kleinen Gemeinde im Speckgürtel einer westdeutschen Großstadt hat für 2008 einen Umsatzrückgang zu verzeichnen. Es sind rund 12.000 Euro weniger als im Vorjahr. Immerhin. Die Rendite freilich – ja, diese Buchhandlung macht Gewinn – ist gegenüber 2007 (fast) unverändert.

Das Umsatzminus ließ der Inhaberin keine Ruhe, bis sie die Ursache erkannt hatte. „Es ergibt sich daraus, dass ab vergangenem Jahr bei uns in Nordrhein-Westfalen im wesentlichen Lernmittelfreiheit herrscht. Und unsere Grundschule kauft die Lehrbücher direkt, oder jedenfalls nicht bei uns. Damit sind pro Schüler etwa 50 Euro im Jahr ausgefallen.“

Daraus erklärt sich auch, warum der Umsatzrückgang kaum Auswirkungen auf den Gewinn hatte: „Wegen der niedrigen Rabatte im Schulbuchgeschäft bleibt für das Sortiment ja nicht eben viel übrig.“

Also wäre die Sache eigentlich leicht zu verschmerzen und nicht des Aufhebens wert?

„Hm. Vielleicht ja. Andererseits aber, nein. Ich sehe eine Buchhandlung auch als Nervenzelle des kommunalen Lebens. Deshalb bedaure ich es, wenn wir als einzige Buchhandlung vor Ort mit dem Verlust des regulären Schulbuchgeschäfts eine kommunale Funktion und Vernetzung verlieren. Damit reißt schließlich auch ein Kontaktfaden mit den Eltern wie mit den Kindern, und für die Kinder, also die Leser von morgen, wird der Besuch der Buchhandlung weniger selbstverständlich, weniger Bestandteil des normalen Alltagslebens. Dadurch kommen viele von ihnen, aber auch von ihren Eltern, kaum mehr mit der Welt der Bücher und des Lesens in Berührung.“

So wird es wohl sein.

Darum die zweite Geschichte, die mir in der vergangenen Woche zu Ohren kam. Hoffentlich ist sie eine Ausnahme. Sie klingt nämlich, wiewohl wahr, in manchem erschreckend und nahezu unglaublich. Das umso mehr, als sie einen wohlhabenden bürgerlichen Stadtteil der bayerischen Landeshauptstadt betrifft. Und weil München nicht nur das bedeutendste Verlagszentrum Deutschlands, sondern zugleich die zweitgrößte Verlagsmetropole der Welt darstellt. Wenn aber so etwas in München möglich ist, was, bitte, könnte da erst anderswo im Lande…? Darum sei diese Geschichte, so ausgefallen sie scheinen mag, hier trotzdem berichtet.

2
Die Lehrerin eines Gymnasiums wollte für eine Klasse die erforderlichen Lehrbücher besorgen. Sie ging zu einer Hugendubel-Filiale. Dort wurde die Bestellung aber nicht angenommen; denn auf das Schulbuchgeschäft lässt man sich bei Hugendubel nicht ein, weil es sich angeblich nicht lohnt.

Nun ja.

Die Lehrerin war in Nöten. In großer Verzweiflung wandte sie sich an die Mutter eines Schülers der Klasse, die von Beruf und früher mal Buchhändlerin war – telefonisch, denn diese Mutter lebt inzwischen rund zweihundert Kilometer von München entfernt in der niederbayerischen Provinz – und bat sie, die Besorgung der Bücher zu übernehmen. Was die Mutter auch tat.

Prima. Aber da stellen sich natürlich auch gleich ein paar Fragen.

Erstens: Wie kann es sein, dass eine Lehrerin außer den Namen einer großen Filialkette keine Buchhandlung kennt? Dass sie persönlich außerstande scheint, die nötigen Lehrerbücher für die Klasse zu besorgen? (Oder war sie dazu bloß zu faul, hat sie nur aus Bequemlichkeit die Gutmütigkeit einer hier beruflich qualifizierten Mutter ausgenutzt? Es würde die Sache allerdings kaum besser machen.)

Zweitens: Handelte es sich hier um das persönliche Kommunikations-, Kompetenz- bzw. Leistungsdefizit einer vereinzelten Lehrkraft? Oder ist an diesem Gymnasium das ganze Schulbuchgeschäft so wenig gelenkt und organisiert, dass sie im Kollegium weder Rat noch Beistand finden konnte?

Drittens: Wäre es auf jeden Fall nicht sinnvoll und zweckdienlich, wenn das Gymnasium für den regulären Bezug von Lehrbüchern von sich aus die Zusammenarbeit mit der einen oder anderen nahegelegenen Buchhandlung gesucht hätte? Das soll freilich die Sorge der Schule sein.

Viertens jedoch: Ist das Schulbuchgeschäft in sich wie als Anknüpfpunkt für weitere Kundenkontakte und Buchkäufe wirklich so irrelevant, dass sich keine Buchhandlung dafür interessiert und um Geschäfte mit dieser Schule bemüht hat? Was umso erstaunlicher scheint, als es sich hier um ein Privatgymnasium handelt, d.h. die Schüler bzw. deren Eltern haben für alle Lehrmittel auch privat zu zahlen?

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Verhalten sich vielleicht Buchhandlungen anderswo ähnlich degagiert? Tun alle wirklich schon alles, was sie tun können, um auf Schulen vor Ort und in ihrer Nähe zuzugehen, auch um mit den Lehrern, Schülern und Eltern ihren Kundenradius, ihre kommunale Vernetzung und ihre Zukunftsfähigkeit zu stabilisieren bzw. zu erweitern?

Für manche engagierte kleine bis mittlere Buchhandlung haben solche Bemühungen sich längst als erstaunlich leistungsfähiger Motor ihres kommunal verankerten Geschäftsmodells erwiesen.

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