Der Messe-Mayer Tag Drei: Essen, Sex und der kleinste Werbegag der Welt

Liebe Freunde,

vielen Dank für die vielen Klicks und die liebe Post. Auf einiges möchte ich schnell eingehen:

Liebe Anne Stadtelmeyer bei Arena,

Danke für die nette Einladung und die Milchsorge. Ich werde den Arenakaffee testen.

Lieber Lothar Meyer von GermanSense,

viele Grüße nach Chicago, wahrscheinlich gehen wir beide zur gleichen Zeit schlafen.

Liebe Silke Wulff aus Eisenhüttenstadt-Treblinka,

na, Sie schicken mir ja verqueres Zeugs. Sie machen mir Angst. Sie sind bestimmt Lehrerin. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich näher erforschen will. Aber nun gut, vielleicht gehe ich mal hin, schaue es mir an und berichte.

Liebe Frau Ebeling aus dem Hause Eichborn,

Verzeihen Sie bitte, Sie und Ihre Mit-Eichbörner. Natürlich hat Eichborn niemals ein schwarzes Sofa besessen; ich meinte freilich das rote.

Liebe Tante Faure,

Du schickst mir ja fast so interessante Sachen wie Frau Wulff weiter oben:

Chinesendeko macht Feierabend
Manfred Metzner und Stefan Weidle eröffnen
mit Fußballtröten aus Südafrika das Fest der Indies

Na, das sieht ja nach Spaß aus.

Lieber Christian Krug von Eins Plus,

ein frischer Kaffee in Karlsruhe mag an sich schön sein, aber da nützt er mir nix.

Lieber unbekannter Nürnberger Buchhändler Martin mit Ehefrau,

Danke, dass Sie mit Mama ein Taxi geteilt haben.
Ich hoffe, sie hat Sie nicht belästigt.

Aber nun an die Arbeit. Am gestrigen Mittwoch durfte ich Zeuge sein, wie die Vereinigten Staaten von Amerika sich beim Stroemfeld-Verlag entschuldigten.

Der U.S. Generalkonsul Edward M. Alford hatte auszuwetzen, dass Verlagsleiter Karl D. Wolff bei einer Geschäftsreise nach New York am Flughafen irrtümlich festgehalten, verhört und wieder heimgeschickt wurde. Nachdem er sehr laut wurde und literarische Unterstützung bekam (Louis Begley, Harold Bloom), schickte man Alford zur Entschuldigung.

Der gecancelte Reisepass
The Big Sorry: Verleger Wolff und Konsul Alford

Zustände sind das. Anders hingegen geht es zu bei Esslinger., wo Annika Stein auf den phänomenalen Erfolg von Lurchi 1 zurückblickt. Auf einer Dekoschütte entdecke ich einen pelzigen Plüschlurchi. Erst nennen die ihn Reptil statt Amphib,und dann kriegt er ein schönes Salamanderfell verpasst. Aber andererseits haben sie dem Salamander einen ebenso bekannten Retro-Igel zur Seite gestellt: Mecki!

und weiter lurcht´s

Daraus könnte ein roter Faden werden, der allerdings noch ins Geheime führt: Welche Prilblumen-Ära-Figur eigent sich als nächste für ein Relaunch? Im nächsten Herbst darf ich mir die Antwort abholen.

Also wenn ich raten müsste…

Ebenfalls ein Jahr lang wartete ich seit der letzten Buchmesse darauf, endlich ein kleines Gespräch mit der legendären Dr. Ruth Westheimer zu führen! Die gebürtige Deutsche ist die berühmteste Sexualfachfrau der Welt, will ich meinen.

Sie fragt, warum ich mich „Herr Mayer“ nenne und meint damit die fragwürdige Aussparung meines Vornamens. Ich antwortete: Aus dem gleichen Grunde, warum sie sich gerne „Dr. Ruth“ nennen lässt. Das stellt sie zufrieden und wir gehen die nächste Frage an. Wir gehen alle Fragen an, und Dr. Ruth beantwortet sehr dezidiert, aber auch sehr überlegt.

Ich will wissen, warum Sex die Quelle von soviel Leid und auch Freud ist (haha, wer nicht?), und Dr. Ruth erklärt, dass es eine noch sehr junge Disziplin ist. …bzw. das Wort „Disziplin“ stammt leider von mir, aber sie hat es mir durchgehen lassen. Über Sex wird bis dato zu wenig gesprochen.

…oder sagen wir: Zu wenig Vernünftiges.

Dr. Ruth macht auch klar, dass sie altmodisch ist und Anstand, Abstand und Scham für angemessene Kriterien hält, um ein Miteinander zu definieren. Sie möchte beispielsweise nicht, dass fremde Menschen in ihrer Gegenwart spontan kopulieren. Nicht, dass ich das vorgeschlagen hätte, aber es ist gut, dass das mal klargestellt wird.

Als ich Amerika Prüderie unterstelle, möchte sie das als Klischee entlarven, indem sie mit Kinsey, Masters & Johnson kontert. Das meiste untersuchte und ausgewertete Material zum Thema Sexualität habe in Amerika seinen Anfang genommen.
Nun gut, während Europa vögelte, hat Amerika erst mal alles genau untersucht, mag sein. Frau Dr. Ruth passte aber vielleicht deshalb so gut in diese Zeit, weil sie genau die richtige Mischung aus Altmodisch, Wissenschaft und Chuzpe mitbrachte, die sie populär werden lassen.

Ich wollte mit ein paar Phallbeispielen aus meinem eigenen Leben glänzen, aber da hat Dr. Ruth lieber schnell die Hand drauf gehalten.

Als letzte Frage wollte ich gerne entschieden wissen, ob man bei guter Gelegenheit lieber guten Sex haben oder doch eher seinen Pflichten nachgehen sollte (sofern sich das nicht beneidenswerterweise überschneidet).

Dr. Westheimer empfiehlt, in heutigen Zeiten auf jeden Fall nicht seinen Job zu gefährden.

So nicht
So auch nicht

Dieses Jahr hat Gastronomieoffizier Matthias Seuring es leicht, da wir Europäer mit der chinesischen Küche ziemlich vertraut sind.

Das ist die Messe:
Lesen auf jedem Meter

Nur sind die Chinesen nicht immer vertraut mit dem, was wir chinesische Küche nennen.

bild(m, 15971)

Aber die Lampions kommen alle aus Tokyo und sorgen für Authentizität.

Für die kommenden Jahre freut sich Seuring wegen des köstlichen Fleisches auf Argentinien und wegen des köstlichen Stockfischs auf Island.

In Halle 5 habe ich die Gourmet Gallery besucht, einen ebenerdigen Bereich mit Kochbuchausstellung, gedeckten Tischen und Ernährungspodiumsdiskussionen in einer Art Audio-Live-Küche.

Dort fotografiere ich Frank Brunner. Ich will ja nur mal sehen, ob er mich wieder am Ärmel zieht, wenn ich weg will, oder ob der Direktor des Instituts für Koch- und Lebensfreude inzwischen an Reife gewonnen hat.

Als er über „Lafel, Lichtel, Salah“ schimpfte, stellte ich mir diese Frage nicht mehr. Aber dass wir für Lebensfreude ein eigenes Institut haben, das ist doch sicher ein ganz kleines Stück unserer ganz großen deutschen Seele.

Eigentlich wollte ich einer Diskussion folgen, die sich um das Thema Essen im Film drehen sollte, die sich aber dann als getarntes SlowFood-Plädoyer entpuppte. Der Mann zur Linken war bald als Kulturdogmatiker enttarnt, der jede Menge Minderheitenhass auf Popcorn-Esser unterdrücken musste, die er, dies nur nebenbei, sofort verbieten würde, genau wie die Geschmacksverstärker, die so dick machen.

Der SlowFood-Typ war eher so ein „Leben und leben lassen“-Mensch.

Berlinale, Moderation und Slow Food

Aber am lustigsten war der Moderator, der ein ganz fantastisches Hybrid-Englisch in den Raum schmiss:

– I will switch ins Deutsche;

– Die Veranstaltung will be held in German;

und

– You can gerne headset.

Durch das viele Gerede über gesunde Ernährung habe ich unglaublichen Heißhunger auf etwas Frittiertes bekommen. Auf der Agora befindet sich zum Glück ein schöner Fish-&-Chips-Imbiss in klassischer Windmühlenform.

An Chinesischkeit nicht mehr zu übertreffen

Und nun kommen wir zum kleinsten Werbegag der Welt. Meine guten Freunde von Eichborn hatten mich zum Stand bestellt, um einer Werbeaktion beizuwohnen, die bis dahin streng geheim gehalten wurde:

Der „Verlag mit der Fliege“ ließ präparierte Fliegen mit winzigen Werbebannern fliegen! Tatsächlich!

Die kleinen Viecher waren zuerst gezüchtet und aufgezogen und dann für diesen Coup völlig tierschutzgerecht betäubt worden; Uta Niederstraßer hat jede einzeln in den Schlaf gekrault, damit man ihnen das Werbebanner sanft und fliegenschonend umschnallen konnte.

Ich will die Fliege fotografieren

Mit dem Banner kamen die Fliegen aber nicht weit, so dass eine Fliegenflucht auszuschließen war; und so schwirrten plötzlich und tatsächlich echte, kleine Fliegen mit echten, kleinen Bannern auf dem Eichbornstand umher, um von beinahe jedem bestaunt, von einigen auch beekelt zu werden.

Mein letztes Interview des Tages führt mich zu niemand geringerem als Mäusestrategie-Autor Spencer Johnson! Dr. Johnson ist sonst nicht gerne für Interviews und Messen zu haben, aber wenn doch, dann ist er andererseits einer jener Fälle, wo ein Journalist sein Notizbuch ganz schnell zur Seite legt, weil Geplauder hier viel mehr Spaß macht.

Wir extrahieren trotzdem ein paar Fakten, damit unsere Chefs denken, wir hätten ein Interview gehabt: Mr. Johnson will anderen Menschen nichts raten und auch selbst keine Ratschläge bekommen, deshalb serviert er lieber Geschichten von simplen Mäusen mit hohem Identifikationsgrad.

Johnson ist nach wie vor empört, dass Ariston von allen Verlagen der Welt der einzige sei, der seinen Titel „Who moved my cheese?“ in „Die Mäusestrategie“ umbenannt habe. Ich beschwichtige aber, dass wir Deutschen erstens eine Schwäche für Strategie haben. Zweitens hätte dieser Titel auf Deutsch einfach zu viele Silben und würde dadurch nicht mehr „crispy“ klingen.

Das überzeugt und verblüfft Mr. Johnson, und wir verstehen uns immer besser. Da Johnson sehr fotoscheu ist und dem Internet schon vollends misstraut, bin ich sehr dankbar, dass ich trotzdem ein Foto von ihm machen darf, um der Welt sein Gesicht zu präsentieren:

Jetzt amüsieren wir uns auch noch auf die Kosten der Leser

Im Laufe des Tages habe ich auch ein paar Schnappschüsse gesammelt, die ich Ihnen zeigen möchte.

Hier hätten wir zum Beispiel das 60jährige Jubiläum des Schattauer-Verlages. Die Verlagsdamen haben sich extra in 50er Klamotten geschmissen, und ich habe sie umgehend hoffiert:

Und deshalb bin ich Journalist geworden

Ebenfalls aus einer ganz anderen Zeit wenn nicht sogar Dimension kommt dieser ungesunde Verlagsmitarbeiter von Egmont.

Der will nur spielen

In Eile, aber nichtsdestotrotz mit genügend Zeit für einen vorwurfsvollen Blick wird die frische Nobelpreisträgerin Herta Müller von Termin zu Termin geschoben.

Da schreibe ich schon seit 15 Jahren für den Buchmarkt, aber ich habe meinen Kollegen Gollhardt noch nie getroffen, obwohl ich ihn monatlich lese.

Bis heute.

Dafür treffe ich schon wieder auf Peter Hetzel. Na gut, aber er nicht auf mich, denn ich treffe von hinten: Da sitzt er und interviewt Rebecca Gablé.

Hetzel, hinten, also vorne, dann Gablé

Als ich bei S. Fischer vorbeistreife, laufe ich dem guten alten Felix Rudloff in die Arme; und als dann noch die gute, alte Katharina Schmidt auftaucht, ist es fast ein Klassentreffen.

fehlt nur noch Daniela Ebeling

Und das war’s fast für heute.

Ich lasse diesen Donnerstag im Pressebüro der Buchmesse ausklingen, wo ich nicht nur ein Bier bekomme, sondern auch drei Damen zum Mittrinken:

Ulrike Dick, Nina Klein und Kathrin Grün halten hier die Stellung und bloggen sich eins. Ich hatte nicht mit soviel Investigation gerechnet; normalerweise misstrauen die Leute meinen Fragen, anstatt mir welche zu stellen.

Und sie halten die Kamera auch noch drauf:

Das ist also dieses… „Bier“.

Dieses alkohollastige Foto hat die Messe bereits verlassen, bevor ich „Torhaus“ sagen kann, und der Inhalt meines Aktenkoffers ist nun auch zum Belang für Buchmessenachbereitende geworden.

Natürlich frage ich nach der China-Situation und Juergen Boos. Insgesamt sind die Pressedamen froh, dass endlich mal die Fetzen fliegen. Aber auch wenn sie das nicht tun, gibt es schon Abende, in denen die Arbeit bis 22.00 Uhr braucht.

Ich schließe jedenfalls Freundschaft mit den Hauptamtsberufsbloggern und verweise meinerseits auf sie:

Hier geht’s zum Messeblog

Genau, lesen sie dort weiter und gönnen Sie mir eine Mütze voll Schlaf, bevor der Freitag kommt und zupackt.

Ihr Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com
www.herrmayer.com

berühmte chinesische Autoren, Teil Drei:
Dr. Fu Manchu
Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.