Der Messe-Mayer Tag Sechs: CosPlay und Laissez-faire

Liebe Freunde,

huch – war da eben eine Buchmesse? Stars, Skandale und Sachertorten? Schon wieder vorbei? Einige sagen, diese Messe sei aufgesetzt positiv, engagiert und hyperaktiv gewesen, wiederum andere sagen, die Messe habe Charisma gehabt. Na klar hatte die Charisma, Herr Seuring! Es ist die verdammte Buchmesse!

Ich habe viel gesehen, viel gegessen und viel verpasst: Ich habe das Lesezelt verpasst, Juergen Boos hatte für mich keine Zeit, und ich hatte keine Zeit für Wolfgang Joop. Herrgott, Wolfgang Joop, Juergen Boos und ich können doch nun wirklich nicht überall gleichzeitig sein. Nicht einmal der Laplacesche Dämon persönlich könnte alle Veranstaltungen einer Buchmesse besuchen.

Während 2007 die Messe der Köche war und 2008 die Messe der Komiker, so war 2009 für mich die Messe der Journalisten. Ich habe drei sehr eigenwillige Größen ihrer Profession kennenlernen und bestaunen dürfen: Günter Wallraff, so investigativ möchte ich gerne sein; Helmut Sorge vom SPIEGEL – er hatte sie alle; und Armin Maiwald, den besten Auf-den-Punkt-bringer der Welt.

Unser Gastland China brachte ein wenig Leben in die Außenwirkung der Messe. China öffnet sich und spielt technologisch und weltwirtschaftlich auf Augenhöhe. Die Chinesen haben sich andererseits nicht die Füße abgeputzt, bevor sie Tibet betreten haben. Ich denke aber, der Schlüssel im messegastgeberlichen Umgang ist: Wir haben China nicht vorgeladen, sondern eingeladen.

Frau Li fand die Messe angenhem und positiv. Die Deutschen seien sehr freundlich, interssiert und fokussiert. Sie fand diese Messe vor allem deshalb wichtig, weil es in China mehr literarischen Import als Export gibt, und das sei bei der Größe des Landes und der hohen Kultur seiner Traditionen ein seltsames Missverhältnis. Die Welt liest zu wenige Chinesen. Meistgelesener Deutscher in China ist nach wie vor Karl Marx.

Frau Li findet die Darstellungen in der Presse zu einseitig. Nicht alle Chinesen denken das gleiche, und die Zweiteilung in Regimetreue und Dissidenten werde der chinesischen Lebenswelt ebenfalls nicht gerecht. Frau Li hat Respekt vor deutschen Leistungen, aber als sie letzte Woche einen bürokratischen Antrag bei der AOK stellen musste, hat sie gesehen, dass unsere Demokratie ebenfalls ihre Grenzen hat.

Frau Li (links) lässt sich beim Fotografiertwerden helfen

Dass ich den Kollegen Gerhard Beckmann mit Heinz Gollhardt verwechselt habe, war natürlich nur ein Scherz! So wie ich es behauptet habe, als ich bei der letzten Leipzigmesse „Pofalla“ falsch geschrieben hatte.

Aber nun im einzelnen: Wie war mein letzter Tag? Fantastisch. So wünsche ich mir einen letzten Messetag. Genau die richtige Mischung aus Abschied, Sonntagsschlunz und Aufbruchstimmung.

Sehen Sie sich nur den Vampir von Egmont an: Die ganze Woche schleicht er herum und riecht nach Sarg, aber am Messesonntag kriegt sein Bild sympathische Risse, wenn er in der Sonne steht und den Pommes das Fett aussaugt.

Jetzt ist er erst richtig gruselig

Heute war es wieder voll. Das Rekordjahr 2008 wurde gottlob nicht getoppt; man konnte auch so schon kaum vorwärts kommen. Ich musste mir Telefonatssätze anhören wie „Du, ich bin gerade da, wo so viele Buchstände sind.“

Halle 3.1, da war gerade wenig los

Von den unvermeidbaren CosPlayern habe ich nur die allerbesten aufgenommen. Buchhändlerin Philine Meyer-Clason, die mittlerweile auf gar keine Messe mehr geht, damit sie mir umso mehr Lesermails schicken kann, fragt nach, was denn CosPlayer sind.

Da möchte ich ja auch gerne mal zubeißen

CosPlayer sind Leute, die einen Character aus der Populärkultur in Kostüm, Requisite und Auftritt nachbilden und mit dieser Kleinst-Charakterchoreographie dann miteinander in Wettstreit treten. Und nein, das hat nichts mit Fasching zu tun. An Fasching verkleidet man sich, um Dämonen auszukehren; aber CosPlayer verkleiden sich, um einer im aller-, allerweitesten (deeehhhnnn) Sinne literarischen Vorlage zu huldigen.

Die teilweise drastischen, jedoch immer verblüffend liebevollen Kostüme sind aus dem Bild der Messe nicht mehr wegzudenken. Durch die CosPlay-Meisterschaften und das Comic-Zentrum in Halle 3.0 ist die Frankfurter Buchmesse zu einem Mekka für deutsche CosPlayer geworden.

Marvel Comics lassen grüßen:
Der Nightcrawler
D.C. Comics lassen grüßen:
Harley Quinn & der Joker

Und weil Juergen Boos dieses Jahr für mich keine Zeit hatte, habe ich mir sogar die CosPlay-Meisterschaft angesehen, die mittlerweile eine feste Institution des Buchmesse-Sonntages ist. Dazu später mehr.

Denn zuerst mal muss ich was arbeiten und mir mein Honorar verdienen, bevor ich mir Teenager in nuttigen Kostümen anschaue. Mein erstes Interview für heute und mein letztes für diese Messe habe mich mit Musikproduzent Thomas Stein, der zu Küblböck-Zeiten in der DSDS-Jury saß. Seine Autobiografie „Gesagt getan“ ist bei Lübbe erschienen.

Aber auch Herr Stein ist in Sonntagslaune. Wir lassen uns beide einen Latte Macchiato bringen, in den wir uns reinsetzen, bevor wir über Musik und Schriftstellerei plaudern.

Beatles oder Elvis, frage ich zum Einstieg; Stein antwortet „Jackson Five“. Stein hat schon als 6jähriger mit Bill Haley im Taxi gesessen; Stein hat Zeiten erlebt, wo er sich schon mit kürzeren Haaren als langhaarig beschimpfen lassen musste; und Stein hat schon viel Verlust im Leben erfahren.

Was die Kommunikation mit China angeht, so sei sie unvermeidlich – der Geist sei aus der Flasche, jetzt könne man ihn nicht mehr ignorieren. Man müsse China aber eine Entwicklung nicht nur abverlangen, sondern auch gestatten.

An der Buchbranche im Vergleich zur Musikbrance stört sich Stein am koketten Kulturpessimismus, an der E-Book-Verweigerung; er vermisst eine aggressive Pro-Aktivität, wenn es um Fortschritt geht.

Was ich nicht wusste: In den 70ern gab es sogar eine Musikpreisbindung!

Nach DSDS ist Thomas Stein Teil des Fernsehsessels seines Publikums. Auch wenn solche Medienöffentlichkeit für einen Musikproduzenten und Manager eher ungewöhnlich ist, führt sie doch zur Chance und Gelegenheit, sein Leben zu erzählen und ein interessantes Buch daraus zu machen.

Thomas Stein und ich lassen´s gemütlich angehen

Man kann aber auch ein interessantes Buch machen, indem man sich von interessanten Marmeladen inspirieren lässt. Véronique Witzigmanns exquisite Marmeladen haben sie nämlich zu einem im wahren Wortsinne süßen Buch über die Marmeladenfee angeregt, verlegt bei Baumhaus. Das Buch handelt nicht nur von Obst, sondern auch von Freundschaft und Visionen.

Lazy-Sunday-Laune auch hier:
Véronique Witzigmann und Thomas Stein

Harald Kiesel sitzt auch auf diesem Sofa, aber aus Layout-Gründen musste ich ihn leider abschneiden.

Auch kulinarisch kam ich heute nicht zu kurz: Bei Dr. Oetker gibt es zwar Sonntags nur noch Hausmannskost, aber eine Frikadelle mit Kartoffelsalat und Senf ist doch das beste Sonntagsessen, das es gibt! Vor allem, wenn es frisch serviert vor Dir steht. Stubenküken und Linsensupe mit Fasan habe ich verpasst, aber das gab’s ja letztes Jahr schon. Nur weil ich immer dasselbe schreibe, müsst Ihr nicht immer dasselbe kochen, gelt?

Stressige Woche: Fasan verpasst

Meinen Nachtisch gedachte ich bei BLV einzunehmen. Jemand hatte mir den Tipp gegeben, dass BLV seine Jura-Kaffeemaschine frisch entkalkt hätte. Der solchermaßen gebrühte Lavazza schmeckt in der Tat reich und vollmundig, aber bis auf den heutigen Tag kommt nichts an die Bockenheimer Röstung heran, die es bei Baumhaus immer gab.

Andererseits wurde ich bei Baumhaus auch noch nie im Dirndl bedient:

Ein fesches Gaudium und ich

Selbst Sächsin Antje Wolf, dritte von rechts, hat sich das Dirndl privat zugelegt. Das klingt nach geglückter Assimilation in Münchens geistige Landschaft.

Frau Wolf weiß aber, wie sie mit mir umzugehen hat: Wenn ich schreibe, dass BVL der beste Ratgeberverlag sei, stellt sie ein Arrangement von handgeschöpften Pralinen zum Jura-Cappuccino dazu, von denen eine köstlicher schmeckt als die andere.

Das alles gibt´s bei BLV, dem besten Ratgeberverlag

Solchermaßen gesättigt machte ich mich ein Stockwerk höher, wo ich gleich weiter schlemmen musste. Ich laufe ein paar mal zufällig vor dem Restaurant auf und ab, bis mich endlich jemand sieht. Denn wenn man von Uwe Marsen und Harald Frenzel dabei erwischt wird, wie man das Restaurant von Tre Torri nicht betritt, dann wird man sofort und reingewunken und gnadenlos bedient.

Da gehe ich dem Sperber die ganze Woche aus dem Weg, um ihn dann ausgerechnet hier zu treffen. Frenzel, der mir noch nie ganz geheuer war, verneigt sich vor mir beim Händeschütteln. Das kann ich aber tiefer, denke ich, und verneige mich auch. Da verneigt Frenzel sich wieder, das machen wir so lange weiter, bis unsere Köpfe dabei auf die Tischplatten knallen und Sperber und Marsen uns trennen müssen.

Ho ho ho. Hier fehlt nur noch der Seuring.
Ta-daaaaa.

Nun ja, ich sagte ja, dass es ein lustiger Sonntag war.

Herr Seuring lässt Martin Spilker von der Stiftung Bertelsmann grüßen. Als wäre ich hier die Hauspost. Ich glaub‘ es geht los.

Wir genießen einen Happen Spundekäs’…

Das Lorbeerblatt kann man NICHT essen.
Weiß ich jetzt auch.

…und ich probiere die Gourmet-Currybratwurst mit Pommes, hausgemachtem Tomatenketchup und natürlich einer exklusiven Curry-Mischung von Ingo Holland.

Die Messe mag mich

Bei dieser Gelegenheit steckt mir Uwe Marsen ein Foto aus der Gourmet Gallery zu, wie Frenzel das Pärchen aus „Bauer sucht Frau“ bekocht:

Eine dieser modernen, verwaschenen I-Phone-Fotografien

Aber nun muss ich zurück an die Arbeit: Zum ersten mal in meinem Leben bin ich Zuschauer bei einer CosPlay-Meisterschaft. Bei DER CosPlay-Meisterschaft. Sie findet immer statt im Congress Center und ist brechend voll mit gutgelaunten Freaks; und wenn ich das ganze einmal mitgemacht habe, dann habe ich es wenigstens hinter mir.

Auch das ist Buchmesse

Zwei Moderatoren führen in klassicher Verteilung durch den Event (das Event?) – ein cooler und ein peinlicher. Der peinliche macht immer mal Dieter-Thomas-Heck-Referenzen, aber wer soll die hier kapieren? Die einzigen Erwachsenen im Saal sind das Messepersonal. Anschließend durften die Teenager ihre Figur auf der Bühne präsentieren, mit passendem Playback oder Clip-Einspieler, Live-Gesang oder extremen Moves. Einige sind wahre Meisterwerke der Nachbildung, und je schwieriger es war, desto mehr Anerkennung und Applaus findet es.

…und das…
…und auch das…
…und Captain Sparrow.

Leider musste ich die Veranstaltung aus Termingründen verlassen, und da die Homepage der Deutschen CosPlay-Meisterschaften nicht zu den schnellsten zu gehören scheint, kann ich nicht sagen, wer den Flug nach Japan gewonnen hat.

Leute, sowas muss noch in derselben Stunde online gehen!

Am besten fände ich es ja, wenn dieser mutige junge Mann für seinen Auftritt ausgezeichnet worden wäre:

Und der bekam nicht wenig Applaus!

…und dann hat er gesungen: „Meine Arme sind zu kurz, meine Arme sind zu kurz.“

Mein Eindruck von meiner ersten CosPlay-Meisterschaft: Ich bin völlig fasziniert von der Hingabe im Einzelnen und von der Vertrautheit, die unter diesen gut tausend jungen Menschen in dieser Halle herrscht.

Das werde ich mir nächstes Jahr wieder ansehen.

Und nun mache ich mich auf den Heimweg. So sehr ich das bedaure. Weil ich aber so schlecht loslassen kann, sage ich noch hie und da tschüs.

Zum Beispiel bei Frau Ebeling und bei Eichborn, die sich beklagt, also in Wahrheit freut, dass sie aufgrund ihrer häufigen Nennung in meinen Berichten allmählich eine Sekundärprominenz erfährt.

(Man witzelt ohnehin, dass ich von Eichborn und Random House Extrahonorar beziehen solle. Aber keine Angst, das tue ich schon längst.)

Ich sage tschüs bei Frauke oder Lina Hartmann; das mit dem Vornamen habe ich immer noch nicht kapiert.

Ich weiß auch nicht, wie ich das immer mache

Allerdings hat das Messepressebüro durch die bloße Erwähnung meines Kofferinhaltes eine Art Run auf meinen geöffneten Koffer ausgelöst. Wenn Sie wüssten, wer plötzlich alles in meinen Koffer sehen wollte.

Mobilbuchhändlerin Bärbel Tárai und Lina (oder Frauke) Hartmann nutzen die Sekunde, in der ich damit abgelenkt bin, sie zu fotografieren, um sich Gewissheit zu verschaffen.

Ach ja… Aha… Soso…

Hier treffen wir gerade Terzio-Chef Ralph Möllers auf dem frühen Heimweg. Wir, das sind Bodo Horn-Rumold und ich, wie wir die zwei letzten Messezigaretten zu uns nehmen (wer’s glaubt).

Beachten Sie Herrn Möllers Erdbeereis
Und beachten Sie jetzt Herrn Möllers Erdbeereis

Bodo und ich können mit dieser Messe sehr zufrieden sein. Zumindest stehen wir in der frischen Luft und rauchen und haben wieder eine Messe überstanden.

Wir sehen uns wieder spätestens im Frühjahr 2010, wenn es in Leipzig heißen wird:

„Gastland? Welches Gastland?“

Berühmte chinesische Autoren, Teil Sechs:
孔夫子 und ich

Danke für die viele Post und die vielen Klicks.

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com
www.herrmayer.com

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.