Der Messe-Mayer Tag Vier: RTL wird jäh, und ich werde satt

Liebe Freunde,

am gestrigen Freitag verstrich der letzte Messetag, an dem „wir“ „unter uns“ waren. Sie wissen, was das heißt. Am Samstag wird es scheißvoll. Wenn Sie das lesen, dann IST es bereits scheißvoll.

Ich bedanke mich sehr für die liebe Post. Wenn das Messepressebüro mein Äußeres „spannend“ findet im Gegensatz zum Inhalt meines Koffers, dann sortiere ich das mal vorsichtshalber als Kompliment ein, bevor es mir am Ende noch jemand erklärt.

Und Sie, liebe Anne Kästner, seien informiert, dass ich 1,90 m groß bin. Das ist durchschnittlich groß, etwas kleiner als Willemsen. Ich wirke nur so groß, weil Dr. Ruth Westheimer mit ihren 80 cm Stehhöhe die optischen Relationen etwas verzerrt.

Auch Sie, lieber Marc Ermer schreiben mir voll des Neides, dass sie gerne meinen Job hätten: Cappucinos saufen und Kalauer reißen. Tja, so ist das eben. Leider kann ich nichts anderes.

Mein Tag beginnt mit Kabarett: Bei Eichborn treffe ich den Kabarettisten Florian Schroeder. Seine CD „Wählen für Anfänger und Fortgeschrittene“ ist hier frisch erschienen.

Schroeders Kabarett ist häufig sehr politisch und immer auf hohem Niveau, und seine Parodien sind präzise wie Jörg Knör und virtuos wie Richling. Den Richling macht Ihnen Schroeder besser als der Richling selber.

Ob ihn ein Character eher anspringe, oder ob er ihn müheslig entwickeln müsse, frage ich. Anspringen, antwortet Schroeder.

Am meisten Spaß hat er mit denen, die als unparodierbar gelten, Westerwelle zum Beispiel oder Dieter Nuhr. Dass er überhaupt Kollegen parodiert, ist schon ein Novum:

Das Verhältnis von Komikern untereinander ist erfahrungsgemäß einzelgängerisch (nicht so wie z.B. bei Fernsehköchen). Nach einer Veranstaltung fahren drei Komiker in vier getrennten Taxis nach Hause, so Schroeder.

Schroeder liest gerne Sloterdijk, aber er hat noch kein eigenes Buch geschrieben. Um sich dem zur Buchmesse hin wachsenden Lesetrends zu entziehen, würde er im kommenden Jahr sogar gerne einen Buchmessestand buchen, der kein einziges Buch enthält. Nur ein Schild, auf dem steht „Ich habe kein Buch.“

hat kein Buch: Florian Schroeder

Da ich bis zu meinem nächsten Termin etwas Zeit habe, streife ich ein wenig umher und harke Prominente:

So erwische ich Roger Willemsen, die Meuth-Neuner-Duttenhofers und Peter Hetzel. Der Willemsen wohnt auf dieser Messe, Peter Hetzel geht bald eigentlich fast seiner Arbeit nach, und die Meuth-Neuner-Duttenhofers müssen bestimmt zum nächsten Einander-ins-Wort-Fall-Termin.

Hetzel posiert hier mit dem renommierten Übersetzer Jürgen Bürger, damit er mal beweisen kann, dass auch ein Peter Hetzel beste Freunde hat.

Peter Hetzel (rechts) hat auch Freunde, nicht nur Komplizen
Schlüssel für Halle 3 liegt unter der Fußmatte
Mit Herz und Seele bei Herz, Seele und anderen Innereien

Außerplanmäßig treffe ich meinen alten Spezi Prof. Hademar Bankhofer! Diesmal bei Lübbe. Warum der gewechselt hat, habe ich vergessen zu fragen. Das weiß nur Lübbe. Als ich mich in Erinnerung bringe, empört Herr Bankhofer sich fast über die Idee, er könne mich vergessen haben.

Gunther Philip und Peter Alexander

Dann beschmäht er noch kurz meine charmante Begleitung und hoffiert meinen Geschmack. Dem könnte ich stundenlang zusehen und zuhöhren.

Beim Frühstück werden meine Begleitung und ich von einer junge Dame belästigt, die ein elektronisches Touch-Pad bedient und wissen will, wie sehr wir mit dem Restaurant Accente zufrieden sind. Da wir mit dem Restaurant Accente sehr zufrieden sind, aber soeben für zwei Kaffee, zwei Muffins und ein Käsebrötchen zusammen 15 Euro bezahlt haben (Fünfzehn!), nehmen wir an einer Restaurant-Umfrage sehr gerne teil.

„Machen Sie beim Essen gerne Umfragen über Essensbefragungen?“

In Halle 3 vertrödle ich ein wenig Zeit beim Besuch zweier Regionalverlage.
Zuerst besuche ich den Naumann-Verlag und bin dann bei KBV.

Bei Naumann erfahre ich, dass das heiß erwartete und in Langenselbold recherchierte neue Buch von Matthias Fischer gar nicht in Langenselbold spielt. Das ist schlecht. Denn ich bin Langenselbolder, und ich habe es schon etlichen Leuten aufgedrängt.

Kinzig…

Bei KBV hingegen wollte ich nur mal Ulrike Bücking grüßen und kennenlernen, weil sie mir immer so schöne Veranstaltungshinweise mailt. Ich gestehe ihr, dass ich eher am Main als an der Eifel wohne. Dafür aber kriege ich einen hausgerösteten und stets frisch gemahlenen Kaffee.

…und Eiffel

Und genau den will ich.

Im Dunstkreis des KBV-Verlages treffe ich auf Verleger Wolfgang Brandt, den Herausgeber und Redakteur vom Geisterspiegel, der sich und seine freiwilligen Mitarbeiter aus purer Freude am Genre motiviert.

Und einen schönen Gruß an die ganze Redaktion.

Aber nun wird es Zeit für meinen nächsten Termin: Klaus Baumgart und Til Schweiger stellen bei Baumhaus ihr gemeinsames Buch vor: „Keinohrhase und Zweiohrküken“

Die kreischende, tobende und vor allem drängende Menschenmenge gilt aber sicher eher Herrn Schweiger als Herrn Professor Baumgart.

Fast schlimmer als eine Tupper-Party!
Kreischende Teenager! Echt!

Ich will es gleich vorwegnehmen: Der Andrang war so groß und Herrn Schweigers Zeit so begrenzt, dass ich ihn nicht mehr sprechen konnte. Das ist schade, aber ich will mich damit trösten, dass ich wenigstens kein Rüpel von RTL bin, der das Schutzpersonal auch noch anschreit, weil er glaubt, dass das Gedrängel gegen seine Pressefreiheit verstoße.

Pressefreiheit contra Pünktlich kommen
Da kann auch die Security nicht deeskalieren.

Aber wenigstens konnte ich beim kurzen Öffnen der Pressekabine die Ecke seines Kopfes fotografieren, wie er gerade von jemandem verdeckt wird:

Das Foto vertick´ ich bei eBay.

Nach dem Stress mit (bzw. am Ende völlig ohne) Til Schweiger wende ich mich einer ungleich sinnvolleren Beschäftigung zu: Herbert Paulerberg und sein neuester Dekostreich.

„Basteln“ werden Sie doch nicht leugnen?

Obwohl ich ihn schon am frühen Morgen als Basteltante bezeichnet habe und er mir mit Fressehauen drohte (der übliche Tonfall zwischen Dekorateuren und Journalisten), zeigt er mir die Dekovitrine, die er zusammen mit Christenhusz präsentiert, dekoriert und wieder umdekoriert.

Zuerst mal gibt es einen milimetergenauen Paulerplan:

Und der wird dann umgesetzt anhand von zehn Yps-Extra-Heften mit Gimmick oder wahlweise Werbematerial und Nylonfäden.

Weizsäcker endlich hinter Glas

Dass diese Paulerbergschen Deko-Aktionen letztlich alle in ein schönes Fenster münden, sollte klar sein; aber vor allen Dingen sieht man, wie leicht man sich hier Tricks und Kniffe aneignen kann.

Bevor ich meinen Tag mit zwei leckeren Interviews beschließe, will ich erst noch eine rauchen und dann noch mal bei Edition XXL auf meine tägliche Rindswurst vorbeischauen, weil ich später bei Random House nicht auf nüchternen Magen essen will.

Die Zigarette habe ich mir allerdings versagt, weil der Messe-Aschenbecher nun voll ist.

Hier drin sind genau 2666 Kippen.

Aber meinen kleinen Snack habe ich beibehalten. Stefan Richter stellt mir extra ein kleines, feines Caprese im Glas hin, damit ich nicht denke, es gäbe bei Edition XXL nur Rindswurst.

Erwähnte ich die schon?

Teelichtgroßes Caprese

Meinen Freitag beschließe ich bei Random House, wo ich endlich mal Horst Lichter treffe.

Dass ich ihn als Ikone bezeichnete, freutihn sehr, auch wenn ihm klar ist, dass er im Verbund der sogenannten Fernsehköche nicht zum Olymp gehört. Seine Ikonographie weist mehr in Richtung Butterfass als in Richtung Haute Cuisine (obwohl da auch nur mit Butter gekocht wird), und bei keinem anderen Koch liegen gelegentliches Misslingen, Charme und Chuzpe dichter beieinander.

Jedenfalls ist Horst Lichter dankbar dafür, in diesem Kollegenkreis willkommen zu sein und Freunde zu haben. Florian Schroeder erwähnte eingangs schon, dass das bei Köchen anders ist als bei Komikern.

Aber ist Lichter nicht auch ein Komiker? Gewiss, Humor haben sie alle, und auch anderen Köchen misslingt mal was, aber nicht jeder Koch hat ein eigenes Stand Up-Programm oder Auftritte bei „Genial daneben“.

Lichter will sich nicht gerne einsortieren lassen, sondern lieber ganz einfach nur „ich“ sein. Also er, nicht ich.

Frohnatur und einfach er selbst

Bei Mosaik / Goldmann ist sein definitives Kochbuch erschienen: „Alles in Butter“, dessen erstes Manuskript er übrigens nach der Hälfte der Seiten in den Müll gab, um von vorne anzufangen.

Es sollte kein Kochbuch werden, mit dem ein TV-Koch mal wieder zeigen kann, was er alles zeigen kann, sonder ein Buch über die Basics und wie einfach sie sich verfeinern lassen.

Ebenfalls am Stand sollte ich eigentlich noch mit Hans-Werner Meyer und seiner Reise „durchs wilde Kindistan“ sprechen, aber der sitzt mit dem Vertrieb am Tisch und verputzt eine Sachertorte, von der ich mir sofort auftun lasse.

Dieses Bild einfach nur ansehen, bis man satt ist.

Die Torte hat Messedirektor Juergen Boos selbst noch schnell gebacken und zum 50. Messejubiläum des Südwest-Verlages überreicht.

Urkunde von Juergen Boos

Die Torte war sehr reich, massig, saftig und mjam nam nam. Die Torte war fast so etwas wie ein brauner Zwergstern. So konnte allerdings keiner am Tisch sein Stück komplett aufessen. Außer mir natürlich. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.

Apropos verlieren – jetzt verliere ich doch ganz Herrn Meyer aus den Augen, wie er da so neben mir sitzt und sich auf das Stück Neutronensachertorte einlässt.

Beginnen wir mit dem Buchcover, das so ganz und gar liebevoll Karl May nachempfunden ist, obwohl sein Held im Leben noch keinen Karl May gelesen hat. Die Struktur der abenteuerlichen Reisen bringt ein Mutterthema auch Männern nah, und da stand früh fest, dass „Kurdistan“ parodiert werden sollte.

Meyers Wusnchrolle auf der Bühne wäre mal Richard III…

…das würde ich mir auch gerne ansehen.

In der Erfahrung der eigenen Vaterschaft lässt sich auch die Beziehung zum eigenen Vater umbewerten; und so steckt doch mehr Lebenserfahrung und Lebenshilfe in dem Buch, als sein affenscharfes Titelbild vermuten ließe.

Insgesamt ist unsere Gesellschaft erziehenden Vätern gegenüber nicht völlig aufgeschlossen; und es ist noch gar nicht lange her, dass ein Mann mit Kinderwagen oder Buggy wie ein Exot daherkam.

Ohne am Thron der Mutter zu sägen möchte Meyer den Männern wenigstens ein klein wenig aus dem Thronschatten helfen.

Schatten ist mein Stichwort: Um den Ringen unter meinen Augen geringfügige Abhilfe zu verschaffen, ende ich hier und suche noch ein paar Minuten Schlaf, bevor das harte Glossistenleben mich wieder auf diese Messe spuckt.

berühmte chinesische Autoren, Teil Vier:
Jackie Chan

Ich wünsche Ihnen einen glimpflichen Horror-Samstag.

Ihr
Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com
www.herrmayer.com

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