Geheimnisse eines Agenten Teil 8: „Diamantenfieber“

An dieser Stelle schreibt Literaturagent und Autor Thomas Montasser regelmäßig über die Absonderlichkeiten des Literaturbetriebs – heute geht es  ums Kämpfen und Siegen, um Gier und Neid, um Jagen und Erlegen.

Thomas Montasser: „Ich wünsche mir von den Verlagen öfter auch mal der Mut, etwas ganz Außergewöhnliches zu probieren.“

Zur Messezeit gibt es jedes Jahr eine Frage, die alle brennend interessiert: „Was ist/war denn diesmal das ganz große Ding?“. Gemeint ist: Um welchen Titel haben sich die Verlage am meisten gerissen, wofür wurde am leidenschaftlichsten geboten?

Als Agent wünscht man sich natürlich immer, dass es was aus der eigenen Bestsellerschmiede ist. Denn nichts ist erfrischender als eine Auktion, bei der alle Beteiligten ihre Nerven bis zum Äußersten trainieren. Und oft genug zahlt sich so ein hormoneller Workout ja auch wirklich aus! Denn die Erfahrung zeigt, dass Werke, um die man besonders gekämpft hat, sich überdurchschnittlich häufig überdurchschnittlich gut verkaufen.

Aber wirklich wissen kann das vorher natürlich niemand. Fragt sich, wieso alle sich auf diesen einen, scheinbar ganz besonderen Roman werfen und alle Anderen ausstechen wollen? Ist das Werk so immens gut? Brillanter als alles, was sonst angeboten wird – und wir sprechen hier von tausenden Manuskripten und Lizenzen, die zur Messezeit (und auch sonst) auf den Markt kommen!

Gucken wir doch mal auf die Bestsellerlisten und suchen nach einem Titel, der auf der Messe als „der heiße Scheiß“ gehyped wurde. Bonnie Garmus vielleicht? „Eine Frage der Chemie“. Der Titel ist super, ganz klar. Aber rechtfertigt er ein Lizenzhonorar im hohen sechsstelligen Bereich? Sehen wir uns an, was drin steht: Supergeniale Frau mit supergenialer Tochter und supergenialem Hund zeigt es den Männern (die alle mies oder döflich oder beides sind). Kommt Ihnen bekannt vor? Klar, mit diesen Zutaten wurden schon tausende von Romanen gebacken, zweifellos auch einige gute. Daran kann’s also irgendwie auch nicht gelegen haben.

Tatsache ist: Man steckt nicht drin. Man weiß es nicht. Ich habe schon viele Romane angeboten, von denen ich dachte, darum werden sich die Verlage wie verrückt reißen, dazu wird es sicher eine fulminante Auktion geben – und dann blieb das Wettbieten aus. Dann wieder waren Manuskripte innerhalb von 24 Stunden für sechsstellige Beträge vertickt und die halbe Branche musste sich den Schweiß von der Stirn wischen.

Meine Theorie ist, dass es was Archaisches ist. Es geht ums Kämpfen und Siegen, um Gier und Neid, um Jagen und Erlegen. Die alten Instinkte, die dabei zum Einsatz kommen, entfesseln ungeheure Energien. Ich will dieses Buch und ich will diesen Erfolg.

Ist das etwas Schlechtes? Keineswegs! Es allen Anderen zeigen zu wollen, gibt uns doch auch immer mal wieder den Kick, den wir brauchen, um unser Bestes zu geben. Und nichts weniger als das Beste müssen wir einsetzen in diesem schwierigen Markt, auf dem wir alle tätig sind.

Dennoch wäre es natürlich wünschenswert, wenn die Motivation für maximales Engagement bei der Akquise neuer Titel nicht allein die Rivalität mit anderen Verlagen wäre, sondern öfter auch mal der Mut, etwas ganz Außergewöhnliches zu probieren. Ich will jetzt nicht sagen: Supergenialer Mann mit supergenialem Sohn und supergenialer Katze zeigt es den Frauen (die alle fies oder döflich oder beides sind), das wäre schlicht zu weltfremd. Aber es gibt durchaus Juwelen, die es wert wären, dafür mal in ein Bietergefecht zu gehen, und die nicht nach Schema F gestrickt, sondern vielleicht sogar richtig Originell sind! Für die wünsche ich mir ab und zu einen Goldrausch oder, um im Titel-Schema F dieser Kolumne zu bleiben, ein Diamantenfieber.

Zuletzt schrieb Thomas Montasser über die unzureichende Ladenpreisentwicklung von Büchern. 

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