Beckmann kommtiert Time Magazine kürt neue Bücher-Site zur fünfbesten Website des Jahres

Beratung findet im Buchhandel angeblich kaum mehr statt oder ist – angeblich auch – nicht erwünscht: eine Qualifikationsfrage des Sortimentspersonals? Eine Zeitfrage? Eine Frage des Vertrauens?

Rezensionen wirken sich laut Umfragen ebenfalls immer weniger auf Buchkäufe auf. Gelten sie, aus Sicht vieler Leser, zu oft Titeln, die sie nicht ansprechen? Sind sie zu elitär, zu hoch, also häufig eine falsche Ansprache von Elfenbeintürmen herab? Gibt es heute zu wenig Kritiker, die das Vertrauen eines breiten Publikums genießen?

Bestsellerlisten haben, auch das hat sich aus Umfragen ergeben, als Kaufimpuls keineswegs die Bedeutung, die ihnen Verlage noch immer beimessen. Sind sie nicht repräsentativ genug? Zu sehr auf (nationale) Großräume ausgerichtet und von daher zu stark auf Durchschnitt nivelliert? Zu novitätenhörig?

Und wie wirksam sind die Kaufrankings von Online-Händlern wirklich?

„Als ich eines Nachmittags auf der Suche nach vielversprechender neuer Lektüre im Buchregal eines Freundes stöberte, wurde mir plötzlich klar: Wenn ich wissen möchte, welche Bücher ich lesen sollte, wende ich mich doch lieber an einen Freund, als dass ich mich an irgendwelche willkürlichen, mir fremde Personen, an Bestsellerlisten oder an einen Algorithmus halte. So bin ich auf die Idee gekommen, eine Website einzurichten – eine Website, die mir in die Bibliothek meiner Freunde Einblick gibt und verrät, was meine Freunde von ihren Büchern halten.“ So Otis Chandler, ein Absolvent der Universität Stanford, ein erfolgreicher kalifornischer Software-Ingenieur.

Mit Unterstützung der Bibliotheksdirektorin Elizabeth Khuri – auch sie eine Absolventin der Elite-Universität Stanford – hat Otis Chandler 2006 eine dementsprechende Website entwickelt. Seine neue Website „Goodreads“ wurde binnen eines Jahres zum Hit – im Großraum Los Angeles hat sie es bereits auf nahezu 700.000 aktiven Nutzern gebracht und sogar die Gewinnschwelle erreicht. Das „Time Magazine“ hat „Goodreads“ jetzt, in seinem Rückblick mit den zehn besten Neuerungen, Produkten etc als fünfbeste Website des Jahres 2007 klassifiziert..

Die üblichen Bücher-Sites sind titelorientiert, sie bringen Kundenrezensionen und -wertungen nach Titeln (auch das war eine wichtige Neuerung), die zufällig herein kommen, von Leuten, die den allermeisten Usern unbekannt sind. Im Unterschied dazu ist Goodreads personenorientiert, es zeigt die Bücherwelt und das Leseprofil von Menschen, die gern und regelmäßig lesen. Man könnte Goodreads als elektronische Variante der Reading Groups bezeichnen, die in den USA und in Großbritannien zu einer erstaunlichen Wiederbelebung des Gesprächs über (und Kaufes von) Bücher(n) geführt haben, mit den Möglichkeiten des Internets, die weit über den Radius einer Reading Group hinausreichen. Goodreads ist zu einem „social network“ von Büchernarren geworden, die auf Augenhöhe miteinander kommunizieren– eine positive Entwicklung des auslaufenden Jahres, die der Branche als Anregung dienen sollte.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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