Beckmann kommtiert USA: Ein böses Beispiel für ökonomische Zensur durch Schielen auf Umsätze mit Großketten

Seit einiger Zeit macht sich in literarischen Kreisen die Befürchtung breit, dass die zunehmende Handelsmacht von Großbuchhandlungen und – in den USA wie in Großbritannien – von Supermarktketten auf die Programmarbeit von Verlagen auswirkt. Es ist eine vage Angst. Von konkreten Fällen hört man bislang kaum. Es wird ja wohl auch kein Verlag von sich aus dazu beitragen, in den Geruch zu kommen, bei seinen Autoren aus kommerziellen Gründen Zensur zu üben.

Und Schriftsteller, die sich – wiederum aus kommerziellen Gründen – solcher Zensur beugen, schweigen natürlich erst recht wie ein Grab – sonst hätten sie, nicht nur bei der Literaturkritik, ihr Ansehen und ihre künstlerische Glaubwürdigkeit verspielt; damit würden sie sich öffentlich zu Lohnschreibern degradieren. Die folgende Geschichte darf ich auch nur nach dem Versprechen erfahren, weder den Autor, den Originalverlag noch den Titel des Romans zu nennen. Es ist eine schlimme Geschichte.

Einen guten und interessanten amerikanischen Roman hatte der Literaturagent da vor einigen Monaten gelesen – als Manuskript. Und war recht begeistert, um so mehr, als ein namhafter Verlag, dem er den Roman dann anbot, seine Begeisterung teilte und die deutschen Rechte erwarb.

Nun liegen die Fahnen der amerikanischen Originalausgabe vor, und was der Literaturagent dazu im Rahmen der Frankfurter Buchmesse erfuhr, stimmte ihn gar nicht froh.

Das Werk hatte einige „Stellen“ enthalten– also Passagen, in denen mann-fraulicher Verkehr geschildert wurde, freilich – nach heutigen Maßstäben – in solch moderater Form, dass sie dem Literaturagenten bei Lektüre des Manuskripts gar nicht aufgefallen waren. Ja, sie waren nicht einmal seiner Mutter aufgestoßen, einer hoch gebildeten älteren Dame, die auf „Stellen“ gewöhnlich reagiert wie ein hervorragend dressierter Wachhund auf Eindringlinge im Park eines feinen gutbürgerlichen Anliegens.

Desto größer das Erstaunen, dass der amerikanische Verlag sie eliminiert bzw. „beschnitten“ hatte – mit der Schere einer vorauseilenden Zensur im Kopf: Um nicht die Listung und den Verkauf des Romans durch den US-Kettengiganten Walmart in noch ländlich prüden oder christlich fundamentalen Regionen wie den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten zu gefährden.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.