Beckmann kommtiert Warum ein Jugendbuch literarisch noch viel bedeutsamer ist als das Lob der Kritiker erkennen lässt und der Buchbranche als Wegweiser dienen könnte

Jonas weiß nicht, woher und warum er in die Welt gekommen ist, in der er lebt. Er hat nichts, er ist nichts, nur ein kleiner, ganz gewöhnlicher Junge unbekannter Eltern. Er hat keinen Namen, kraft dessen Ansprüche an ihn gestellt würden oder er Ansprüche stellen könnte. Er heißt: Jonas Nichts.

„So stand es auf dem Zettel, untereinandergeschrieben, als hätte das eine mit anderen nichts zu tun. Und doch ergaben beide zusammen Jonas’ Namen. Der Zettel war seine Geburtsurkunde, seine Taufbescheinigung und sein einziges Erbe. Vorsichtig strich er ihn glatt, wie immer, achtete er darauf, die wenigen Buchstaben nicht zu berühren. Sie waren mit Bleistift geschrieben, und Jonas hatte Angst, sie könnten sich abtragen. Schon jetzt war die Schrift ganz blass, ein immer blasser werdendes Grau auf immer dunkler werdendem Papier.“

Den Zettel hatte er von Brand, dem Bauern, auf dessen Einödhof er lebte. Brand war von einem Reiter, der, den Hut tief in der Stirn, von Gott weiß woher gekommen war, ein Lammfell in die Hand gedrückt worden, in das der winzige Jonas gewickelt war, und etwas Geld. Kein Wort hatte der Reiter gesprochen, “stumm war er gewesen, und auf Brands Fragen hatte der Mann mit einem Nicken oder einem Kopfschütteln oder gar nicht geantwortet, bis Brand gefragt hatte, wie das Baby hieß. Da hatte der Stumme den Zettel und den Bleistift aus seiner Manteltasche gezogen…“

Der armen, einfachen, glücklich vertrauten naturverbundenen Kindheit in dieser Einöde wird Jonas im Alter von zwölf Jahren entrissen. Er hat geerbt, wiederum aus unfassbaren Gründen: ein altes Herrenhaus. Wunderlich ist es, Wunderlich heißt es. Die neuen Lebensmöglichkeiten dort faszinieren ihn. Er kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Älteren aber, die Erwachsenen, die das Sagen haben, begegnen ihm mit einer so aggressiven Feindseligkeit, dass er sich fast zu Tode fürchtet. Überall stellen sich ihm Regeln und Verbote in den Weg. Die Neugier wird ihm vernagelt, die Freiheit der Spiel-Räume begrenzt, die Erfahrung des Wachsens in der neuen Welt beschnitten.

Völlig verschreckt sucht Jonas im Turmversteck schließlich Schutz in einem Schrank…“ ein großes, dunkles, von Alter und Feuchtigkeit verzogenes Ding. Das Holz des Schrankes war im Halbdunkel fast schwarz. Von den großen Spiegeln, die einmal die Schranktüren geschmückt hatten, war nicht mehr als eine halbblinde Scherbe übrig…Dann gab das Schloss mit einem Knacken nach. Knarzend schwangen die Türen auf, und wir warm griff ein warmer Wind nach Jonas’ Haar.“

„Der Anblick verschlug ihm den Atem. Hinter den Türen, im Innern des Schranks, erstreckte sich eine Graslandschaft. Die Wiesen waren märchenhaft grün. Der Wind kämmte die Grashalme, bunte Schmetterlinge taumelten umher, Jonas konnte unendlich weit sehen. Er hörte Vögel singen…“

Halt. Moment mal. Die Szene kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Richtig: Sie ist eine Variation der Schlüsselszene im Roman Der König von Narnia, dem erstveröffentlichten Band der weltberühmten sechsteiligen Chroniken von Narnia des englischen Schriftstellers und Gelehrten C. S. Lewis, der wie J.R.R. Tolkien mit seinem Herrn der Ringe zu den Ahnherren der modernen Fantasy-Literatur zählt.

Ein so großes, klar herausgestelltes „Zitat“ – davon kommen in dem Roman dann noch eine ganze Reihe vor – dient nun keineswegs als Duftmarke. Es signalisiert nicht, dass wir uns auch hier auf dem literarischen Territorium der modernern Fantasy befinden. Vielmehr ist es wie ein Grenzstein: ein Zeichen, dass wir die dieses Gehege verlassen. Und das ist gut so.

Denn die Fantasy-Literatur spielt in fiktiven übernatürlichen, magischen Reichen, die als (in sich) real geschildert werden. Kulturell, politisch wie sozial spiegeln sie – natürlich stark idealisiert – gewöhnlich eine weit zurückliegende Epoche, rückständige Gesellschaftsordnung und archaisch religiöse Verhältnisse. So etwas fällt unter den allgemeinen Begriff Fantastik. Seit Fantasy gegen Ende des vorigen Jahrhunderts aber zu Massenbuchware wurde, seit sie zu einem eigenen populären Genre geworden ist, werden ihre Titel – häufig serienweise – zunehmend noch aus immer gleichen Versatzstücken zusammengeschustert.

Erwachsene Leser, die für ihre Sehnsüchte in der modernen Realität keine Befriedigung finden und sich in solche Lektüre flüchten, riskieren, dass die schon entwickelten Keime und Energien schöpferischer Phantasie sich zurückbilden. Für Kinder aber besteht die viel größere Gefahr, dass diese kreativen Energien und Fühler sich gar nicht erst entwickeln und damit auch ihre Fähigkeit zu spielen verkümmert. So paradox es klingt: Die Fantastik der Fantasy-Literatur nimmt ihnen die Phantasie.

Dagegen wirkt die phantasievolle Erzählweise Wieland Freunds wie ein Befreiungsakt. Durch die „Einfälle“, die immer wieder Staunen auslösen – und mit dem Staunen beginnt, laut Plato, überhaupt erst Welterkenntnis. Immer wieder durch (alle Sehgewohnheiten) „umwerfende“ neue Beobachtungen. Mit einem durchgängigen Sprachwitz, welcher der Erzählung Atem und Frische verleiht. So kann der (noch) kindliche Leser der erdrückenden Massensiedlung der Fantasy mit ihrem mechanischen Erzählbaukastensystem entrinnen und – im Hin und Her zwischen Realität und Phantasie – mit der Entwicklung von Jonas Nobody zu einem auf eigenen Beinen laufenden Pfundskerl selbst auf die Sprünge kommen.

Bedeutsam ist dieser Roman aber noch in einer anderen, prosaischeren Hinsicht. Sie betrifft die Programm- und Marketingarbeit der Verlage wie die Einkaufs- und Präsentierpraxis des Sortiments. Im Laufe des vergangenen Jahres ist verschiedentlich laut geklagt worden, das Genre der Fantasy nehme dermaßen überhand, dass es das gute Kinder- und Jugendbuch weithin verdrängt.

„Jonas Nichts“ freilich hat, dank seiner kritisch verarbeiteten „Zitate“, immerhin so viele „Elemente“ von Fantasy, dass der Titel m. W. von Großfilialisten, bei denen er sonst wahrscheinlich kaum die Gnade des Verkaufes gefunden hätte, unter dem Genre Fantasy fürs Zentrallager geordert wurde. Ich würde es Wieland Freund zutrauen, dass er beim Konzipieren und Schreiben seines Werkes auch die heutigen Marktgegebenheiten nicht aus dem Auge verloren hat. „Seid sanft wie die Tauben, seid klug wie die Schlangen“, mahnt das Neue Testament alle, die guten Herzens sind. Es wäre nicht übel, wenn mehr deutsche Schriftsteller solch evangelischen Rat in ihrem Herzen bewegen würden, um Kindern und Jugendlichen gute Botschaft bringen zu können.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

(Die vorige Kolumne finden Sie hier [mehr…]. Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.)

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