Warum Sigrid Löffler sich mit ihren Äußerungen über den Corine-Preis unmöglich gemacht und ihre Zunft der Literaturkritiker der Lächerlichkeit preisgegeben hat

„Es mutet befremdlich, ja bigott an, wenn ausgerechnet die Kritikerin Sigrid Löffler, die der Belletristik im Literarischen Quartett zu telegenen und also massentauglichen Ehren verholfen hat, die Verleihung des Buchpreises Corine als Medienrummel und Selbstdarstellungsforum der Sponsoren schmäht“, schreibt im Feuilleton der Welt Hendrik Werner.

Das gibt mir Anlass, einige Beobachtungen zu dieser Causa Löffler zu machen, die ich eigentlich – auch aus alter Hochschätzung Sigrid Löfflers – nicht hatte kommentieren wollen. Nun komme ich wohl nicht drum herum.

Zum einen hat Hendrik Werner da etwas Wichtiges angesprochen, aber nicht scharf genug thematisiert. Und ein Kommentator eines Branchenorgans hat eine ihrer boshaft spitzen Auslassungen bereits, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen, übernommen, ganz als ob sie eine objektive Kritik wäre.

In dieser Causa geht es um journalistische Standards – um Maßstäbe, die Sigrid Löffler als langjähriger Kulturredakteurin vertraut sein müssen.

Stein des Anstoßes ist ein Interview, das Sigrid Löffler der Sendung Kulturzeit im Deutschlandfunk gegeben hat – eine tägliche Sendung, die einzuschalten jedem nur angeraten werden kann. Sie ist, auch Ereignisse der Verlagsszene betreffend, ein Juwel kultureller Berichterstattung; zudem ein viel beachteter und einflussreicher Kulturinformationsträger unseres Landes.

Dazu im einzelnen:

1.
„Was halten Sie vom Corine-Preis?“ wurde Sigrid Löffler im Deutschlandfunk gefragt und hat geantwortet: „Ehrlich gesagt, gar nichts. Das ist ein Münchner Medienrummel… hat aber mit der Dignität eines wirklichen Literaturpreises nichts zu tun.“

Mit Verlaub, zur Erinnerung:

Bei dem, was Sigrid Löffler als „wirklichen Literaturpreis“ apostrophiert, ging und geht es in der Regel um „Personen“-Preise, um die Ehrung eines Schriftstellers, die Anerkennung seiner Dignität und Bedeutung als Künstler. Das erfordert selbstverständlich einen würdevollen Rahmen. Dergleichen Ehrungen, die auf sehr alte Traditionen zurückgehen, haben während der letzten Jahrzehnte jedoch stark an Wirkung verloren, weil das Bildungsbürgertum, auf die sie Eindruck machten, geschwunden ist; zudem geben ihre traditionellen Ehrungszeremonien für die Medien des heutigen Massen-Medienzeitalters kaum etwas her.

Wegen der relativen Wirkungslosigkeit dieser alten Preise“ ist in Deutschland darum ein neuer Typ von Literaturpreisen ins Leben gerufen worden, in Anlehnung an ausländische Ehrungsformen wie den Goncourt (Frankreich), den Premio Strega (Italien) oder den Booker (Großbritannien). In diesen Preises nun steht primär nicht ein Autor, sondern sein neues Buch im Mittelpunkt; darauf soll die Öffentlichkeit direkt hingewiesen werden, damit sie es kauft und liest. Zu diesem Zweck wird ein „Medienrummel“ inszeniert, möglichst unter Einbezug des Fernsehens, was natürlich eine völlig andere Art von Zeremonie erfordert. Darum auch die TV-Gala der Corine .So was mag man mögen oder nicht; es an der alten „Dignität eines wirklichen Literaturpreises“ zu messen, ist ein Unding, unglaubwürdig, schon gar – da hat Hendrik Werner völlig recht, aus dem Munde Sigrid Löfflers, Mitglied des Literarischen Quartetts im ZDF.

2.
Keine Preisverleihung dieses neuen Typs in Deutschland kann bislang als rundum gelungen bezeichnet werden. Weder die MDR-Show für den Deutschen Bücherpreis noch – dem Vernehmen nach, ich war dieses Jahr nicht dort – die Feier für den Preis der Leipziger Buchmesse ; auch die Corine-Show nicht. Nur ist das alles für uns medial relativ Neuland. Die erste Corine-Verleihung war geradezu peinlich. Sie ist jedoch von Mal zu Mal professioneller und besser geworden. Gewisse Show-Einlagen, die 2004 noch befremdeten, sind für dieses Jahr bereits abgesetzt worden. Dafür sind die Bücher stärker in den Mittelpunkt gerückt worden, eine richtige und begrüßenswerte Entwicklung – eine Weiterentwicklung, die Sigrid Löffler allerdings nicht berücksichtigt hat. Sie hat ihr Interview jedenfalls Stunden vor Beginn der Gala gegeben, also über etwas geurteilt, was sie nicht gesehen hat. Hätte eine Jungredakteurin einer Lokal- oder Regionalzeitung sich einer vergleichbaren Tat schuldig gemacht, wäre sie möglicherweise gefeuert worden. Sigrid Löffler hat damit nämlich eine Grundregel des Journalismus verletzt.

3.
„Der größte Schwachpunkt scheint mir zu sein“, sagt Sigrid Löffler. „dass ich noch nie etwas von einer unabhängigen Jury gehört habe. Man hat eigentlich den Eindruck, dass es vielleicht die Sponsoren selber sind, die dann auch gleich die Preisträger ausrufen“ – mit der fein unausgesprochenen Unterstellung, dass diese Sponsoren Autoren aus dem eigenen Stall prämieren.

Oha.

Es ist öffentlich bekannt, dass für den Corine-Preis ein Kuratorium besteht und eben dieses Kuratorium auch die Jury bildet.

Hauptsponsoren sind der öffentlich-rechtliche Fernsehsender 3sat, das Nachrichtenmagazin Focus, Die Zeit, die Hypovereinsbank, das Mobilfunkunternehmen o2, der Landesverband im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die bayerische Staatskanzlei – keiner von ihnen betreibt einen Buchverlag, könnte also einen eigenen Autoren puschen: Außerdem stellen sie im Kuratorium die Mehrheit gegenüber den Hauptsponsorverlagen Heyne/Collection Rolf Heyne und Weltbild.

Und wer hat in diesem Jahr den Debutpreis bekommen, für den Heyne aufkommt? Die wunderbare Eva Menasse – eine Kiepenheuer & Witsch-Autorin.

Wer hat den Leserpreis der Verlagsgruppe Weltbild erhalten? Mit Cecilia Ahern eine Autorin des Krüger Verlages.

Das war vor der Preisverleihung bereits bekannt. Sigrid Löffler hat es wissen müssen.

Und wenn Sigrid Löffler vermeint, der Corine-Preis könne den Autoren nichts bedeuten, denn „sie wissen ja gar nicht, wer ihnen diesen Preis verliehen hat“ – bitte sehr, die Namen der Damen und Herren im Corine-Kuratorium sind kein Geheimnis. Ein Anruf genügt….

4.
Zum übrigen tat Sigrid Löffler ihre Meinung kund, dass auf der TV-Gala-Preisverleihung „die armen Autoren da vorgeführt werden wie die Pfingstochsen“. Nicht genug damit: Als die Interviewerin Gaby Wuttke vorsichtig anzudeuten wagte, dass Walter Kempowski kaum jemand sei, der sich einfach vorführen lässt, tut Sigrid Löffler sich zu dem Kommentar herab: „Ja, wenn er sich gerne von der bayerischen Staatskanzlei auch noch beloben lässt und Schulter klopfen lässt, dann sei ihm das unbenommen, aber ich denke nicht, dass einer der Autoren, die dort ausgezeichnet werden, diesen Preis wirklich in ihre Biografie als große Auszeichnung hineinschreiben können, denn sie wissen ja gar nicht, wer ihnen diesen Preis verliehen hat.“

Was den Vorwurf angeblicher Anonymität bzw. Namenlosigkeit der Jury generell angeht, siehe oben. Im konkreten Zusammenhang von Walter Kempowski und seiner Corine-Ehrung ist Sigrid Löfflers Kommentar freilich nahezu infame Fehldarstellung.

Dieser Ehrenpreis für das Lebenswerk eines Autors ist nämlich, wie jedermann wissen dürfte, nicht Sache „der bayerischen Staatskanzlei“. Er ist ausdrücklich ein Preis des bayerischen Ministerpräsidenten, und der heißt bekanntlich Edmund Stoiber. Staatsminister Erwin Huber hat ihn in Vertretung von Edmund Stoiber verliehen.
Stellvertreter Huber hat ihn auf der Gala-Vorstellung im Fernsehen persönlich mit einer Rede begründet ist damit öffentlich für Walter Kempowski und seine literarische Leistung eingestanden.

Nun ist Edmund Stoiber sicherlich nicht jedermanns Liebling. Nur: Edmund Stoiber ist einer der wenigen – vielleicht gar der einzige? – unter den führenden deutschen Politikern, der mit solch einem Preis – und solcher Preisrede vor dem Fernsehpublikum – für Literatur wirbt.

Wenn so etwas für einen Regierungschef selbstverständlich wäre, wenn so etwas rein aus politischem Kalkül, nur zum Buhlen um Wählerstimmen zweckmäßig sein sollte – warum tut es dann sonst kaum einer? Und darf Edmund Stoiber aus solchem Engagement – einem auch für das Land Bayern neuartigen Engagement, wie es unter Stoibers Vorgängern Goppel und Strauss völlig undenkbar gewesen wäre –ein Strick gedreht werden, nur weil er damit eine einzigartige Initiative zur Förderung de Literatur ergriffen hat?

In anderen Ländern hätte, was Sigrid Löffler als Anglistin nicht unbekannt sein dürfte, ein Literaturkritiker mit solch perfidem Schmäh sich selbst disqualifiziert.

5.
„Die Dignität (eines Preises) kommt eigentlich durch die Namen und die Reputation der Preisträger“ erklärt Sigrid Löffler und verweist, gegen die Corine, auf „die sehr würdigen Preisträger“ Terèsia Mora und Rüdiger Safranski bei der ersten Verleihung des Leipziger Preises im vergangenen Frühjahr – d.h. sie schmäht, nachdem sie den Preis selbst und seine Juroren verunglimpft hast, nun auch noch die Autoren, welche mit der Corine geehrt worden sind. Nichts gegen Terèsa Mora und Safranski – aber wieso eigentlich sollen die Corine Preisträger dieses Jahres Per Olof Enquist, Eva Menasse, Jeremy Rifkin und Walter Kempowski weniger würdige Autoren sein? Oder beispielweise (für 2004) Tad Williams und Imre Kertesz? Cornelia Funke, Jonathan Safran Foer, Inge und Walter Jens oder Nadine Gordimer (2003)? Meinhard Miegel, Siegfried Lenz (2002), Simon Singh, Muni Suri oder Wolf Jobst Siedler (2001)?

Etwa nur, weil die Literaturkritikerin Sigrid Löffler oder ihre Buddies nicht in der Corine-Jury saßen?

Who the heck does Sigrid Löffler think she is?

Die selbstherrliche Arroganz, die sich in ihren süffisanten Sätzen äußert, ist singulär.

6.
Absolut inakzeptabel scheint Sigrid Löfflers Auftreten jedoch angesichts der Tatsache, dass sie selbst der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse angehört.

Sie nutzt ihren Ruf als Literaturkritikerin und Status als Chefredakteurin der Zeitschrift Literaturen – also solche wurde sie interviewt und einleitend auch vorgestellt -, um eine Konkurrenzveranstaltung herunterzuputzen.

Mehr noch: Sie verunglimpft – als aktives Mitglied der Leipziger Jury – die Corine-Juroren inklusive des bayerischen Ministerpräsidenten.

Mit welcher Berechtigung eigentlich?
Quo vadis, Sigrid Löffler?

Alle erwähnten neuen Preise verdienen Respekt, jedes Bemühen, die Literatur und ihre Bedeutung aus ihrem Eigengehege der Öffentlichkeit näher zu bringen, verdient Achtung, selbst wenn kein bisheriger Versuch in dieser Richtung hier zu Lande schon als rundum geglückt bezeichnet werden kann. Da bleibt, was allen aktiv Beteiligten bewusst ist, noch viel zu tun. Darum, für den nächsten Termin: Möge der Start des Deutschen Buchpreises im Oktober gelingen.

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