Warum verweigern eigentlich die Hardcover-Verlage Massenprojekten wie der sz-Bibliothek und der Bild/Weltbild-Bestseller-Bibliothek nicht einfach die Nachdruck-Lizenzen?

…fragt ein Sortimenter ganz verzweifelt. „Mit solchen Lizenzen schaden sie doch nicht nur dem Buchhandel! Sondern auch den Taschenbuchverlagen! Und am Ende ruinieren sie sich selbst, indem sie so ihre Einnahmen aus den eigenen Backlist-Rechten aushöhlen!“

Es ist eine sehr ernst zu nehmende Frage. Also habe ich mich kundig gemacht – weil die Frage des Sortimenters schließlich einen vehementen Vorwurf gegen die lizenzgebenden Verlagshäuser beinhalten.

Was ist nun auf den Vorwurf zu antworten? Mit der Antwort wird, leider, der Spieß umgedreht.

Was haben denn die Buchhändler von den Taschenbüchern der Titel in der sz-Bibliothek vorher jährlich verkauft? Mal 50, mal 100, 150 oder 300, selbst in einem Bestfall nur unter tausend Exemplare. Anders formuliert: Das Sortiment hat für ihren Absatz nichts getan. Es hat sie fast nirgends vorrätig gehalten und seinen Kunden aktiv nicht angeboten. Denn, seien dir doch mal ehrlich: wer wird nicht eher das Hardcover und die Novität als ein Taschenbuch der Backlist anbieten? Und der Sortimenter kann es sich wohltätiges Verhalten nicht leisten. Was für die sz-Bibliothek zutrifft, gilt – ersten vertraulichen Informationen nach zu urteilen – auch für die Titel im Programm der Bild/Weltbild-Bestseller-Bibliothek. Die Erlöse, welche die Taschenbuchverlage für sie aus dem Sortiment bezogen, reichten eigentlich nicht mal aus, um diese Titel im Lager und lieferbar zu halten. Das Sortiment hat mit ihnen auch kein Geschäft mehr gemacht. Und für die Lizenzeinnahmen der Hardcover-Verlage wäre sogar der Begriff „peanuts“ zu hoch gegriffen.

Nun werden aber von den Titeln der sz-Bibliothek durchschnittlich 150.000 Exemplare abgesetzt, und die Honorarkonditionen entsprechen, nach allem, was ich gehört habe, guten Taschenbuchverträgen, betragen folglich (nach Verkaufszahlen eskalierend) fünf bis zehn Prozent vom Ladenpreis minus Mehrwertsteuer. Das bringt bei einem LP von 4,90 Euro dem Verlag brutto schätzungsweise rund 45.000 Euro pro Titel ein – d.h. Suhrkamp aus seinen 17 lizentierten Titeln insgesamt die Summe von 765.000, Hanser/Zsolnay gemäss der Zahl ihrer Lizenzen 630.000, Diogenes 450.000, Hoffmann & Campe sowie Steidl je 90.000 und der Nymphenburger 45.000 Euro.

Davon bleiben diesen Verlagen, nach Abzug des Autorenanteils (in der Regel heute 60 Prozent) somit netto (geschätzt) 306.00, 252.00, 180.00, 36.000 bzw. 18.000 Euro. Bei allem Respekt, bei aller Liebe zum Sortiment:

Die Bild/Weltbild-Bestseller-Bibliothek bietet vielleicht etwas geringere Honorarstaffeln an. Sie sind dem Vernehmen nach jedoch ebenfalls „gut“, also der sz-Bibliothek nicht ganz unähnlich, so dass den lizenzgebenden Verlagen – bei einem Erfolg der BBB – vergleichbare Erlöse zukommen dürften.

Ergo schließlich die Gegenfrage an den erwähnten Sortimenter: Auf Grund welcher Eigenleistung, mit welchem Recht könnte der Buchhandel den Verlagen zumuten, auf solche Einnahmen zu verzichten?

Apropos Recht: Die Verlage sind keineswegs „Besitzer“, sondern eher Treuhänder ihrer Autorenrechte, die sie vertraglich sinngemäß verpflichten, alles zur weitmöglichsten Verbreitung der Titel und zum finanziellen Nutznießen ihrer Urheber zu tun.

Können die Verlage also, mir nichts, dir nichts, ein solches Lizenzangebot im Papierkorb verschwinden lassen?

Nein. Genau das können sie eben nicht. Tatsache ist: Sie müssen dem betreffenden Autor bzw. seinem Literaturagenten so ein Angebot unterbreiten. Sie können ihm erklären, was dafür oder dagegen spricht, es anzunehmen, es mag ihnen gelingen, ihn von ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen oder nicht – was nicht zuletzt vom Verhältnis Verlag/Autor abhängt, das sehr unterschiedlicher Intensität ist: Das Recht zur Entscheidung liegt jedenfalls beim Autor.

Und auf Grund welcher Eigenleistung, mit welchem Grund könnte das Sortiment einem Autor zumuten, auf Einnahmen aus solchem Lizenzangebot – bei der sz-Bibliothek wird es ihnen pro Titel schätzungsweise 27.000 Euro bringen – zu verzichten? Zumal die wenigsten Autoren finanziell auf Rosen gebettet sind – auch die Verfasser von einstmals bestsellernden Bücher (oder ihre Witwen und Erben) nicht.

Wie häufig, gibt es verschiedene Sichtweisen auf Probleme. Bevor man Schuldzuweisungen macht, wäre es ratsam, sich mit den unterschiedlichen Sachzwängen und Interessenlagen auseinanderzusetzen und zu versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden. Ein offener, lösungsorientierter ist allemal hilfreicher als ein schuldzuweisendes Stammtischgemurmel.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.