Was der Neue Deutsche Buchpreis von der Organisation des eminent publikumswirksamen britischen Booker-Prize lernen will und die Corine von ihm lernen könnte

Übermorgen werden auf eine Pressekonferenz in München die diesjährigen Corine-Gewinner bekannt gegeben, die dann auf einer Fernseh-Gala Ende im dortigen Prinzregententheater Ende Oktober die Preise offiziell entgegennehmen. Da scheint es angebracht, wieder einmal auf die Andersartigkeit des britische Man Booker-Literaturpreises hinzuweisen, der, was die Hoffnung auf Publikumswirkung betrifft, für die vergleichbaren deutschen Ehrungen ein wenig zum Vorbild genommen wurde. So hatte ich gestern abend in meinem Text für die heutige Kolumne geschrieben, nachdem ich früher an dieser Stelle bereits mehrmals auf gravierende Strukturmängel sowohl bei Corine wie beim Deutschen Bücherpreis aufmerksam gemacht hatte.

Soeben kommt nun die Meldung [mehr…], dass der Deutsche Bücherpreis – bei dem, auf Grund der mangelnden Ausstrahlungskraft auch die Finanzierung durch Sponsoren in Schwierigkeiten geraten war – abgelöst wird durch den Deutschen Buchpreis. Seine Sponsoren sind das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, Gabriele und Florian Langenscheidt, die Stadt Frankfurt sowie die AuM. Damit dürfte klar sein, dass es mit der – seit mindestens letztem Jahr ebenfalls schon fragliche – Verleihung solchen Preises während der Leipziger Buchmesse vorbei sein dürfte. Ist die Stadt Frankfurt einer der Sponsoren, wird der Nachfolger, der Deutsche Buchpreis, gewiss in Frankfurt am Main und auf der dortigen Buchmesse verliehen. Nähere Einzelheiten zur Gestaltung sollen in einer Pressekonferenz am 1. Oktober im Frankfurter Römer bekanntgegeben werden. Auf jeden Fall aber soll er in Anlehnung an die Modalitäten des (französischen Goncourt und des) britischen Man Booker Prize ausgerichtet werden.

Was hat das – auch im rückblickenden Vergleich – zu bedeuten?

Beim Deutschen Bücherpreis kürte eine Jury die Sieger aus Empfehlungen der Buchhändler (und zeichnet dementsprechend gewöhnlich Titel aus, die bereits auf dem Markt Erfolg hatten). Über die Gewinner der Corine-Preise entscheidet frei, ohne Vorgaben, deren Jury (die freilich auffallend oft Autoren und Titel aus Verlagen prämiert, die diesen Preis sponsern).. In Großbritannien dagegen reichen die Verlage ihre Vorschläge für den Man Booker ein (der von einer Investment-Firma getragen wird). So soll es nun auch beim Deutschen Buchpreis werden.

Ein entscheidendes Prä des Man Booker war: Die Vorschläge müssen aus den laufenden Programmen der Verlage kommen. Und die Vorschlagstitel werden von den Verlagen eingereicht, bevor sie auf den Markt kommen. Sie sind für das Publikum neu. Erst durch den wirkungsmächtigen Man Booker werden sie oft überhaupt erst auf dem Markt durchgesetzt. Das heißt aber: Anders als Corine und der ehemalige Deutscher Bücherpreis ist der Man Booker kein Ehre-Nachklapp für gehabte Erfolgstitel, der bei Buchkäufern und Lesern kaum etwas bewegt. Der Man Booker initiiert, er ist oft eine Brücke zum Erfolg für weithin unbekannte Novitäten und Autoren. Er schafft einen Markt.

Noch etwas: Corine geht, und der Deutsche Bücherpreis ging, an erfolgreiche Autoren aus erfolgreichen, meist namhaften und eher großen Verlagen. Der Man Booker kommt gar nicht selten schriftstellerischen Neulingen, sogar aus kleinen, der breiten Öffentlichkeit kaum bekannten Häusern zugute.(so 2003 dem schottischen Kleinverlag Canongate und Yann Martell, der dann bei S. Fischer auch in Deutschland zum großen Bestseller wurde). Das hat seinen Grund in einem sehr britisch pragmatischen demokratischen Auswahlsystem, das Deutsche eher haarsträubend undemokratisch dünken würde.

Denn jeder Verlag darf für den Man Booker nur drei Vorschläge einreichen. Wie bitte? Bedeutet das etwa keine Diskriminierung? Eine Diskriminierung vieler guter Autoren nämlich, die in großen Verlagen mit einem numerisch starken Programm herauskommen? So kann man, so wird man es hier zu Lande wahrscheinlich sehen. Doch setzen wir einmal die britische Brille auf.

Eine Jury – ganz gleich welche – kann nur ein gewisses Pensum an Titeln bewältigen. Darum muss die Zahl begrenzt werden. Sie beträgt auch so heuer immerhin schon 127 Romane. Eine Eingrenzung muss also sein. Die großen Verlage – in Großbritannien allermeist Konzernen angehörig – aber haben eine Menge Geld, um Autoren mit hohen Vorschüssen anzulocken; um Marketing und Werbung zu machen; sie verfügen über schlagkräftige professionelle PR- und Presseabteilungen mit ansehnlichen Budgets. Deren Autoren sind also eh bevorzugt. Um die Autoren aus kleinen, unabhängigen Verlagen dagegen, die wenig Tamtam zu machen vermögen und über relativ wenig Kontakte verfügen,. kräht gewöhnlich erstmal kein Hahn. Ergo sind sie primär die Benachteiligten, drohen sie bei „normalem“ Procedere unterzugehen – und die Leser wären die Dummen. Aus diesem Grunde sieht der Man Booker vor, dass jeder Verlag, ganz unabhängig von seiner Größe, nur drei Titel aus seinem laufenden Programm für den Preis vorschlagen darf. Es trägt dazu bei, dass es zu wahren Überraschungen kommt.

Ansonsten: Die Zusammensetzung der unabhängigen Jury, die aus Literaten und Personen des öffentlichen Lebens bunt gemischt ist, wechselt von Jahr zu Jahr. Natürlich tagt sie geheim. Doch von der Veröffentlichung ihrer ersten Auswahl – sie zählt 22 Titel – bis zur Shortlist und zur schließlichen Verkündung des Preisträgers – im letzten Moment – gibt es helle, laute Aufregung, Diskussionen, Streit und Wetten en masse, in den sich alle einmischen. Es ist vor allem ein Medienspektakel, und wie bei allen Medienspektakeln geht es oft rüde und gar nicht immer würdevoll zu – was gerade literarischen Verlegern und Lektoren, wie gerade in diesem Jahr wieder, gelegentlich gehörig auf den Geist geht. Dabei kriegt auch so manche Autorin, so mancher Autor sein Fett ab – etliche schimpfen ebenso wie Rohrspatzen, auf Jurymitglieder, auch wohl aufeinander. (Insbesondere, wie diesmal, wegen der paar Titel, die Jurymitglieder von sich aus ergänzen dürfen, wenn sie der Meinung sind, ein wichtiges Werk sei vergessen: Da kommt’s leicht zum medialen Gezeter wegen angeblicher Willkür, Nepotismus etc.). Und das Wegbleiben von Büchern zumal berühmter Autoren, die nach Expertenmeinung auf jeden Fall zumindest in die erste, lange Liste gehört hätten, löst öffentlich dann geradezu stürmische Debatten aus. Für das Ansehen der Schriftsteller ist das gar nicht gut, sagt David Lodge, ein eben solcher, dem dies Jahr solches widerfuhr, „aber als Werbung für den Man Booker-Preis ist es ist gut“.

So etwas war für unsere honorigen deutschen Bücherpreise undenkbar. Hat man sich für die Organisation des neuen Deutschen Buchpreises, wiederum nach dem Beispiel des Man Booker, vielleicht sogar ein paar Gedanken gemacht, was für ihn gut wäre – gut in dem Sinne, dass er in den Medien und beim Publikum wirklich eine grosse, wirkungsmächtige, nachhaltige Sache wird?

Lassen wir uns jetzt noch überraschen, welche Entwicklung die Corine nehmen wird?

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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