Was jemand im Fernsehen für Leser und Bücher tun kann, wenn er sich weigert, sich an die Vorstellungen und Vorschläge von etablierten Gurus zu halten. Loblied auf eine mutige Frau – nein, nicht Elke Heidenreich

Amanda Ross ist der neue Star des britischen Buchmarkts. Sie wird hofiert von Verlegern, Lektoren, Pressefrauen und literarischen Agenten. Es hagelt Einladungen zum Lunch in den schicksten Londoner Restaurants, um sie für neue Romane und Autoren zu gewinnen..

Amanda Ross ist nämlich die Erfinderin einer Fernseh-Show, die sie zusammen mit ihrem Mann Simon für den Sender Channel 4 produziert und in der seit Anfang dieses Jahres – einmal wöchentlich, mittwochs, über zehn Wochen, ein Titel – auch Bücher vorgestellt wurden.

Und von den zehn vorgestellten Romanen meist unbekannter Schriftsteller – fast alles Titel, von denen ihre Verlage und der Buchhandel sich nicht sonderlich viel versprachen – sind insgesamt über eine Million Exemplare verkauft worden.

Alle Autorinnen und Autoren, für die Amanda Ross sich entscheidet, gewinnen quasi über Nacht Bestsellerstatus – sie haben es geschafft.

Im Sommer werden sechs Titel zur Ferienlektüre folgen. Die Erwartungen sind groß.

Eine Kernfrage, die vielleicht auch für unser Land nicht ganz uninteressant ist, lautet: Wie kam es zu diesem sensationellen Phänomen, das viele britische Buchhändler und Verlage mittlerweile als einen Rettungsanker der Branche betrachten?

Weil Amanda Ross – und der Channel 4-Chef Mark Thomson, der die von ihr konzipierte und produzierte Show für seinen Sender gekauft hat; er ist übrigens gerade zum Generaldirektor der BBC ernannt worden – etwas wagten, das nahezu alle Profi von vornherein für zum Scheitern verurteilt hielten.

1.
Sie hat ein neues Konzept für die Sendezeit zwischen 17 und 19 Uhr entwickelt, für ein Nachmittagspublikum, das nach herrschender Meinung angeblich nur aus einer mehr oder weniger trägen Masse ungebildeter, geistig stumpfer und desinteressierter Hausfrauen und Rentner bestehen kann und deshalb mit unterhaltsam hohlem Glotzenklimbim bedient werden müsste.

Dem neuen Programmsegment folgen heute tagtäglich 2.7 Millionen Zuschauer, weil es inzwischen auch Schulkinder, Studenten und viele „Heimarbeiter“ unserer modernen Dienstleistungs- und IT-Gesellschaft interessiert. Schon an diese Möglichkeit hatte vorher offenbar keiner gedacht.

Innovatives Programmdenken also – innovativ vor allem, weil es die Leute nicht für so dumm verkauft, wie es quotengeile TV-Programmmacher und Werbefritzen gern tun, sondern das Publikum einmal ernst nimmt. (Quarkmacher, die dem Publikum bloß Quarkvarianten zur Auswahl stellen, kriegen selbstverständlich auch bloß Quarkquoten.)

Natürlich ist der Programm-Mix in breitestem Sinne „magazinig“ – so wie es selbst das Leben in den allermeisten Intellektuellen-, Professoren- und Topmanagerhaushalten nun mal ist. Kästchendenken ging schon immer an den menschlichen Wirklichkeiten vorbei. (So wie bei Printmedien hinter den aufgeschlagenen Seiten mancher klugen Zeitung nicht nur ein kluger Kopf , sondern auch der Boulevard von AZ, Bild, BZ, Express, lokale Morgenzeitungen und Abendnachrichten bzw. lokaler Generalanzeiger und Postillen stecken, vielleicht sogar ein Playboy oder Wochenend-Coupé.) Also dachte Amanda Ross ein Kompott mit Früchten aus Schrebergärten, Pop, Celebrities und Politik – ernsten Interviews etwa mit Hillary Clinton und Madeleine Albright.

2.
Nun sind Konzepte ja an und für sich gut und schön. Nur wird nichts aus ihnen, wenn sie Papier bleiben . Sie sind oft schon unfruchtbar, weil sie rein auf Papier, nur am Schreibtisch entstehen. Da gab es nun aber ein Ehepaar, das nach 13 Jahren bei der populären Show „This Morning“ des Konkurrenz-Senders ITV wechseln wollte, weil es sich dort zunehmend reglementiert fühlte. Amanda Ross nutzte die Chance – obwohl ihr abgeraten wurde; obwohl es das Dümmste schien, was sie tun konnte. Die beiden, so hieß auch in der Medienkritik, seien ausgebrannt. Und sie galten alles andere als chic oder glamouröus. Die gebildeteren Kreise rümpften über ihre Hausbackenheit die Nase.

Die ersten medialen Reaktionen auf die neue Sendung, die „Richard and Judy“-Show fielen ziemlich desaströs aus. Aber das Fernseh-Publikum war begeistert.

Als Amanda Ross beschloss, die zwei im Rahmen dieser Sendung auch einen „Book Club“ aufziehen zu lassen, hagelte es Hohn und Spott. Richard und Judy – die und Bücher?

Nun, die Resultate liegen inzwischen vor. Und, wie gesagt, die Verlage, die anfangs auch Amanda Ross links liegen ließen, versuchen ihr nun die Bude einzurennen.

3.
Richard und Judy geben sich auch im Fernsehen so, wie sie im Leben sind. Sie ist die Sanfte, Vorsichtige, Warmherzige, die keiner Fliege was zu leiden tun könnte. Er denkt und spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – so, dass es ihr oft peinlich ist; was sie auch zeigt. Dadurch entsteht eine Spannung, aber auch der Eindruck ehrlichen Gesprächs (einschließlich Show-Gästen). Ein Buch, das er mag, kann sie furchtbar finden; und umgekehrt. Ganz ohne irgendwelches Schöntun, und ohne Fisimatenten. Eben das wirkt.

Die Romane, über die sie diskutieren, sind weder hohe Literatur noch Schund, sondern das, was sie normale Menschen vielleicht gern lesen. Meist fällt es unter gehobene Unterhaltung – die normalen Menschen haben nämlich breitere Interessen und mehr Geschmack, als man im Buch- und Literaturbetrieb oft meint.

Ein Buch, das sie ganz nach oben auf die Bestsellerlisten katapultierten und zum drittbest verkauften Jahrestitel bis Mitte Mai machten, ist beispielsweise Joseph O’Connors Romanepos „Die Überfahrt“ (so, auf Deutsch, bei S. Fischer) über die (ziemlich dramatische) Schiffspassage irischer Auswanderer nach Amerika, Mitte des 19.Jahrhunderts.

4.
Amanda Cross nimmt von Verlegern , Lektoren, Pressefrauen, Literaturagenten und –kritikern keine Einladungen an. Es interessiert sie überhaupt nicht, welche Autoren und Bücher die für besonders gut halten. Sie will sich von ihnen nicht beeinflussen lassen. Ihr liegt nichts daran, vom Literaturbetrieb „anerkannt“ zu werden.

Der Auswahlprozess für die „Richard and Judy“-Show ist rabiat kompromisslos.

269 Titel hatten britische Verlage letztes Jahr für die erste Serie eingeschickt. Bei der Auswahl gingen Amanda Ross und ihr Redaktionsteam so vor, wie sie weiterhin selektieren wollen: Im ersten Gang ging es um eine Reduktion auf die interessantesten 50 Titel, aus denen im zweiten Gang eine Shortlist von 20 Romanen zusammengestellt wurde. Bücher, die bereits in oder nach den ersten zwei Kapiteln langweilen, fliegen sofort raus. Ein Härtetest nach Kriterien gewöhnlichen Lesens – die gewöhnliche Leserschaft hat weder das Geld (im Unterschied zu Kritikern und Journalisten müssen sie ja für das, was sie haben wollen, auch zahlen, und Geld ist knapp) noch Muße oder (wie Kritiker) geschulte Ausdauer, professionell Zeit oder Gründe, sich laufend durch einen Haufen von Büchern zu quälen, bis er eins findet, das ihm gefällt.

Aus der Shortlist wählen Richard und Judy nach ihrem Gusto die zehn Titel nach ihrem Geschmack aus, die sie in ihrer Show präsentieren und diskutieren wollen.

Sie sprechen ein breites Publikum an, sagen britische Buchhändler, von denen man gar nicht wusste, dass es sich wirklich für Bücher interessierte.

Sie erreichen ein interessiertes Publikum, sagen jetzt britische Journalisten, denen die Buchbesprechungen der Feuilletons zu geschwollen, zu hoch oder nach Betriebs-, Cliquen- bzw. akademischen Kriterien verfasst sind, mit denen nichtberufliche Leser wenig anfangen können ;oder die Werke empfehlen, die (für sie zumindest) dann doch nicht halten, was der Rezensent verspricht.

Ich will nicht behaupten, dass mir angesichts solcher Praxis wirklich wohl wäre. Aber sie ist wenigstens ehrlich. Und wird von echten, erfahrenen Fernseh-Profis und –Praktikern nach Kriterien des Fernsehens geübt, das eigentlich doch ein Massenmedium ist.

Bei TV-Literatursendungen, wie wir sie hier zu Lande leider zur Genüge kennen, die am Ende nur eine gewisse Präsenzpflicht von Kultur im Fernsehen erfüllen („und sonst gar nichts“, wie es in einem Schlager behauptet wird) sind vielleicht noch unbefriedigender als die „Richard and Judy“-Show. Worüber man, wie ich meine, getrost mal nachdenken sollte.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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