Wir starren wie gebannt auf die sz-Bibliothek und die Bild/Weltbild-Bestseller-Bibliothek. Das sind aber nur die Anfänge: Bei unseren großen Buchhandelsketten tut sich was

Es ist ein weiter Weg von Amerika zu uns, dort verändern Märkte und Geschäftspraktiken sich schneller, und bis da etwas nach Deutschland herüberschwappt, vergeht meist einige Zeit. Aber die Zeitabstände werden zunehmend geringer, und darum sollte man scharf beobachten, was sich bei Barnes & Noble tut – der größten US-Buchhandelskette. Zumal sich Gerüchte über vergleichbare Pläne bei deutschen Großbuchhändlern bzw. –filialisten verdichten. Davon später mehr…

Vor knapp drei Jahrzehnten hat Barnes & Noble die ersten Bücher selbst verlegt –zunächst nicht mehr lieferbare Spezialtitel in preiswerten Nachdrucken. Es folgten Bildbände sowie Kunstbücher, schließlich literarische Klassiker, die urheberrechtlich nicht mehr geschützt waren. Daran hatte die Branche in den Vereinigten Staaten sich gewöhnt.

Im vergangenen Jahr jedoch ging Barnes & Noble hier aggressiv auf Expansionskurs. Und die in der amerikanischen Branchenzeitschrift Publishers Weekly sowie in der New York Times berichteten Pläne des Vorstandsvorsitzenden Steve Riggio machen dies Engagement überaus deutlich:

Bis Ende 2004 sollen die bisher 100 die billigen B&N-Klassikerausgaben aufs Doppelte anwachsen, für 2005 sind Kinderbuchklassiker in gekürzter Fassung für leseschwache Kinder geplant, zudem denkt man an Vorschulwerke und Lernhilfen, Fremdsprachenwörterbücher werden in Lizenz vom Verlag Pimsleur kommen und mit Langenscheidt (!!!) ist jüngst ein Exklusiv-Vertrag über entsprechende Taschenwörterbücher geschlossen. Hinzu kommt, dass B&N seit vergangenem Jahr Eigentümer des Ratgeber-, Hobby- und Handbücherverlags Sterling ist. Aus diesem seinem Hause hat Barnes& Noble aktuell den ersten Bestseller auf der New York Times-Bestsellerliste plaziert. Und in dieser Woche erscheint – unangekündigt, es hat die Branche dort total überrascht – die Hardcover-Novität des offiziellen Kommissionsberichts zum 9. September – gleichzeitig, zum halben Preis und erweitert um ein großes Register von dessen (angekündigter) Ausgabe im Verlag W.W. Norton.

Zur Veranschaulichung der Größendimensionen, um die es hier geht: Für 2003 hat Barnes & Noble einen Buchhandelsumsatz von 4.4 Milliarden Dollar bilanziert. Bis 2008 will Steve Riggio zehn Prozent dieser Summe – d.h. über 400 Millionen Dollar – mit Umsätzen aus der eigenen Verlagstätigkeit erzielen.

Natürlich, verglichen mit Barnes & Noble sind die Großfilialisten im deutschsprachigen Raum kleine Fische, ist ihr Marktanteil (noch) gering. Aber sie wachsen, stetig und rasant. Vor nur zehn Jahren hätte die Branche den für verrückt erklärt, der ihre heutige Größe an die Wand gemalt hätte.

Und gegenwärtig sind wir, verständlicherweise, ganz mit dem Erfolg der sz-Bibliothek und mit der im Oktober startenden Bild/Weltbild-Bestseller-Bibliothek präokkupiert – der ersten echten „Handelsmarke“ auf dem deutschen Buchmarkt. Der Buchhandel starrt vor allem auf die missliebige Konkurrenz von außerhalb der eigenen Reihen (denn auch den Konzern Weltbild hat er ja kaum als seinesgleichen gewürdigt). Und es ist ja auch angenehmer, für Gefahren Kräfte „draußen vor der Tür“ verantwortlich zu machen. Nur macht man sich’s damit manchmal wirklich zu leicht und zu bequem.

Ich meine: Die Sortimenter sollten sich mal auf ähnliche Entwicklungen und Projekte aus ihrer Mitte, von Seiten der hochgeschätzten lieben Kollegen gefasst machen.

Denn bei der sz-Bibliothek und der BBB wird es kaum bleiben. Vor über einem Jahr kamen, in kleinen Insiderkreisen, leise Gerüchte auf. Sie verdichten sich. Offenbar gehen inzwischen Großbuchhandlungen wie Thalia und die Mayer’sche, aber auch Hugendubel, tatsächlich auf Verlage zu, um Lizenzen für Eigenproduktionen billiger Ausgaben von alten Bestsellern insbesondere der Belletristik zu bekommen – für die eigene „Handelsmarke“, die (vermutlich) nur in ihren eigenen Geschäften vertrieben werden: zum Wettbewerbsvorteil gegenüber der kleineren Konkurrenz; um neue Kunden zu gewinnen und an sich zu binden.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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