Der Messe-Mayer Wirklich: Ich mag es hier!

Liebe Freunde,

seit zwei Tagen genieße ich bereits diese wunderbare Leipziger Buchmesse und erwecke hoffentlich nicht den Eindruck, ich langweile mich hier! Das müsste ich sofort korrigieren: Ich mag die Leipziger Messe, weil sie so freundlich ist, so überschaubar und so lesernah. (Natürlich mag ich die Frankfurter Messe, weil sie das Gegenteil von all dem ist.)

Wenn ich zeitweise scherzhafte Vergleiche zwischen der hektischen, aufgeblasenen Frankfurter Weltmesse und der menschlichen, kulturellen Leipziger Messe ziehe, dann dient das einzig der Festigung meiner ohnehin gesicherten Zuneigung.

Und wie kann man auch einem Sonnenaufgang über Seehausen-Sachsenpark etwas anderes als zärtliche Zuneigung entgegenbringen?

Oder Aspirin?

Und schauen Sie, das Pressezentrum ist viel schöner als das in Frankfurt. Hier gibt es statt eines Türstehers eine schöne Beschriftung:

Was für eine schöne Tür.

Und auch in Stilfragen ist Leipzig in den Sechzigern steckengeblieben und somit frei von hässlicher Seminarästhetik. Sehen Sie hier den Lounge-Bereich des Pressezentrums.

Sixties Lounge Charme

Was mir außerdem hier gefällt, ist der unbekümmerte Pragmatismus, der in Frankfurt ohne Klarsichtfolie nicht auskäme, während man in Leipzig schon mal handbeschriftete Baumwolltüten ans Treppengeländer knotet.

Einfacher kann man es nicht sagen

Oder ich mag, dass es in Leipzig den BuchMarkt-Award gibt. Den habe ich mir sogar mal ganz angesehen. Aber nicht dieses Jahr, keine Angst. Die Gewinner können Sie gerne hier nachschlagen.

Hier werde ich gleich eine Stunde lang nicht sitzen.
Sektlaune und Brezellaune
Faure und Lettke in den letzten Vorbereitungen

Und hier gehen jetzt alle außer mir in den Saal:

auch ein hässlicher Seminarraumname

…während ich mir weiterhin den Rest der Messe angucke.

Natürlich fragt sich, wie sich bei einer so wichtigen Veranstaltung mein Fernbleiben rechtfertigen lässt (außer, dass von Zittwitz durch die Stunde führt), deshalb mache ich mich auf den Weg und suche irgend etwas Berichtenswertes.

Zum Beispiel läuft am Stand der ZEIT ein hochinteressantes Interview mit den Preisträgern des Leipziger Messepreises.

Da! Wichtig und interessant!

Zumindest denke ich, dass es interessant ist, denn die Menschenmenge spricht dafür. Wenigstens kann ich Zeugnis ablegen vom pressefähigem Foto und seinem Unterschied zur Wirklichkeit:

Die Wirklichkeit steht meistens ganz weit hinten und hört nichts.

Da, wo gestern noch hochdotierte Messepreise vergeben wurden, ist heute schon wieder das Lacktuch eingedeckt. Abwaschbarkeit und Systemgastronomie sind von der Prämienliteratur mitunter gar nicht so weit entfernt.

Rechtfertigt fotografiertes Lacktuch aber meine Abwesenheit beim BuchMarkt-Award? Oder muss ich betonen, dass ich heute an meinem Heimatstand zu Mittag aß? Die Frankfurter Buchmesse hatte nämlich zu einer Mittagssuppe eingeladen. Es gab Ingwer-Karottensuppe.

Hier mal die Frankfurter Grüne Soße anbieten…

Und hier wurde schon mal der Süßgespritzte vorbereitet:

Der gute Possmann

Auf der Rückseite des Frankfurtmessestandes befand sich übrigens der Argentinienstand des kommenden Gastlandes der Frankfurter Buchmesse.

Da bin ich ein wenig herumgetändelt und habe mir argentinische Disney-Lizenzen durchgeblättert, aber niemand hat mir ein Rindersteak angeboten.

Nur ein Teaser für den Herbst

Da ich nach dieser leckeren Suppe einen Nachtisch brauche, gebe ich den Wochenend-Besuchern und Vor-Ort-Lesern gleich einen kulinarischen Tipp mit:

Crêpes gibt es auf der ganzen Messe, aber es gibt nur einen einzigen Stand, der auch Marzipan-Variationen in seinen Crêpes anbietet!

Zu erkennen an dem weißen Pkw der teuren, aber exqusiten Kaffeemafia

Halle 3, am Ende von Gang H!

Und da wir gerade dabei sind: Der Birnen-Schoko-Kuchen in der Buchhändler-Lounge ist absolut einen Besuch wert. Das laut Eigenwerbung „günstige gastronomische Angebot“ ist zwar kaltherzig formuliert, aber dennoch ungelogen.

…aber nur für Fachbesucher, gelle?

Weitere Gründe, die Leipziger Messe zu mögen, ist der sparsamere Einsatz von Buchhandelsgroßkopferten. Wenn man dann doch mal welche trifft, ist man gleich doppelt froh. Man muss nur die Augen offen halten:

Vito und Bodo

Verlegerurhippie Vito von Eichborn und ehemaliger Eichborn-Gebietsvertreter Bodo Horn-Rumold beim Klassentreffen. Vito ist heimlicher Mitbegründer der Subito-Reihe „Kinder sagen die Wahrheit“.

Aber, Herrgott, wo hat Vito nicht seine Finger drin?

Hier treffe ich Ralph Möllers von Terzio zusammen mit Rainer Rossipaul. Möllers benutzt schmutzige Worte wie „Workflow“ und fragt mich, ob ich welchen hätte. Davon möchte ich nichts wissen und weise darauf hin, dass ich versuche, mich gegen solche Ausdrücke mit kultivierter Ignoranz zu immunisieren. Möllers meinte, dann sei ich in der richtigen Branche.

freut sich am jüngeren Publikum: Möllers (r.)

Sagen Sie mal – der Kinski, den arte zu jeder Messe mitbringt, wird der nicht auch von Jahr zu Jahr faltiger?

Bitte mal ablösen durch Nina Hagen

Und apropos bekifftes Handtuch: Sehen Sie nur, wer auf der Messe umherstreift, um die Menschen glücklich zu machen: Towly, das bekiffte Handtuch!

Nur der Joint ist schon seit Vormittag verschwunden.

Das ist doch mal ein CosPlayer, der alles vereint: Pädagogischer Imperativ gegen Drogenmissbrauch, literarische Reminiszenz zu South Park (und dort zu Popeye, dem Seemann), und nicht zuletzt ein astreines Kostüm.

Das ganze Gerede über Kiffen hat mich zu ein paar Takten frischer Luft inspiriert. Während ich im Innenhofbereich der Hallengänge eine Zigarette rauche, frage ich mich zweierlei:

Zum Pausenhof umfunktioniert: Die Hallenrückseiten…

Erstens: Warum stellt die Messeleitung im gesamten Innenhofbereich keine Abfalleimer auf?

…und ganz ohne Abfall.

Und zweitens:

Ist das Christian Anders, den man von Verlagsseite aus zwingt, ein improvisiertes Shooting im Messe-Innenhof hinzunehmen?

Das ist doch nicht…?

Und doch, tatsächlich: Der Elke-Straube-Verlag will schnell ein paar gewollt professionelle Fotos schießen von dem Mann, der einst Lanoo hieß.

So wird das was!

Lanoo schlägt vor, dass er vielleicht sein Buch in der Hand halten könne, aber das wird erst mal nur mit mäßiger Begeisterung aufgenommen.

So eher nicht.
Muss man denn alles selber…!
Na, geht doch! LP-würdig!

Vom Impro-Shooting im Hof gelange ich heute über das Steh-Interview mit Wigald Boning zum Ende meines Messe-Freitages.

Aber zuerst muss ich an Peter Hetzel von SAT.1 vorbei, der ebenfalls auf Boning wartet. Aber Hetzel hat sein Kamerateam noch gar nicht aufgebaut. Hetzel braucht ja ein halbes Jahr, bis er mich mit seinem blöden IPhone fotografiert hat. Das nutze ich zu meinem Vorteil.

BuchMarkt zieht schneller als SAT.1

Der Anthroposoph und Journalist Wigald Boning hat bei Rowohlt eine Sammlung von skurrilen Reiseberichten – „In Rio steht ein Hofbräuhaus“ – vorgelegt, und ich durfte ihm ein paar Fragen stellen.

New Journalism

Als leidenschaftlicher Krawattenträger möchte ich natürlich wissen, ob Boning sich da ähnlich sieht. Boning sagt, seine Krawattenkarriere sei mit RTL Samstag Nacht eigentlich abgeschlossen gewesen. Teilweise müssten die mal in die Reinigung wegen Eigelb, das noch aus der Samstag-Nacht-Epoche stamme.

Boning habe sich niemals als Komiker begriffen, sondern als jemanden, der seine anthropologischen Interessen mit denen des Publikums zusammenbringen konnte und sich im Nebeneffekt dem Dienstleistungssektor der Comedy nicht verwehrt habe.

Also ein Komiker.

Kaffee, Keks und Anthroposophie

Wir plaudern über die Retrokultur, über Charleston und Lounge Lizards und darüber, warum Reisejournalismus und Humor sich so gut vereinen lassen. Boning sieht da die alte Schule Mark Twains wirken: Gute Beobachtungsgabe komme in der Fremde gleich doppelt zum Tragen, weil der Blick vom Gewohnten befreit sei.

Ich zeige Boning noch eine 17 Jahre alte Autogrammkarte und bedanke mich für das erfrischende, höfliche und kluge Gespräch, bevor ich ihn an Peter Hetzel weiterreiche.

Ob die was wert ist?
Sicher eine Verbesserung seit damals.

Hetzel hat sich währenddessen die Zeit mit Michael Krüger bei Hanser vertrieben. Der weiß wahrscheinlich auch nicht, wie ein IPhone geht.

Konspirative Medienmenschen unter sich

So, und das waren die zwei heiteren, entspannten und kurzweiligen Leipziger Werktage, bevor es nun an das Leipziger Wochenende geht. Trotz kleinerer Messe wird die Besucherdichte den Frankfurter Ansturm noch übertreffen. Die ersten verkleideten Freaks mit Laserschwert kündigen sich bereits an:

Darth Verkehrscontrol

Die CosPlayer werden auch immer durchgeknallter.

Ich wünsche Ihnen einen guten Samstag!

Ihr Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

www.herrmayer.com

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