Buchtage 185. Hauptversammlung des Börsenvereins: Petra Roth und Dieter Schormann mit Perthes-Medaille geehrt / Gottfried Honnefelder wieder Vorsteher / HV stimmt für BAG-Veräußerung

Gottfried Honnefelder eröffnet die HV

Börsenvereins-Vorsteher Prof. Dr. Gottfried Honnefelder hat eben die 185. Hauptversammlung eröffnet und begrüßte unter anderem als Ehrengast Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth. Petra Roth konnte allerdings wegen eines Unwetters nicht landen und mußte zurück nach Frankfurt fliegen. Altvorsteher Dr. Gerhard A. Kurtze ist aus gesundheitlichen Gründen zum ersten Mal nicht dabei.

Honnefelder zitierte aus dem offenen Brief der Auszubildenden an den Mediacampus in Frankfurt und betonte, „der Brief geht uns an alle an“. Bildungsbürger sei in Deutschland bedauerlicherweise ein Schimpfwort, zitierte Honnefelder den Journalisten Peter von Matt. Er forderte ein gemeinsames Gedächtnis als Glück. Das Buch als Kulturgut markiere immer noch unsere Herkunft und Identität, sagte Honnefelder und rief dazu auf, dies auch zu zeigen. Die jungen Menschen hätten Recht. Die Identität des Berufes entwickele sich mit Dynamik und sie erwarten eine Standortbestimmung. „Im nächsten Jahr sollten wir die Hauptversammlung nutzen, um eine Stunde lang den jungen Menschen zuzuhören. Wir können stolz auf unseren Nachwuchs sein.“

Auditorium, im Vordergrund
Christian Sprang

Die Umsatzzahlen der Branchen seien eindeutig. Auch im letzten Jahr habe sich der Umsatz behauptet. Die dynamische Entwicklung der neuen technischen Möglichkeiten stellen nicht das Buch infrage, sie beleben es und eröffnen Chancen, so Honnefelder.

Zur BAG sagte Honnefelder, die DZB Bank erfülle alle „Anforderungen, die wir an einen Partner gestellt haben“.

Honnefelder erwähnte auch die Initiative des Landesverbands Nordrhein-Westfalen, einen Zusammenschluss mit dem Bundesverband zu prüfen: Ziel sei ein schlanker Verband. Davon profitierten die Mitglieder durch signifikante Beitragssenkung. „Es geht um uns, es geht um Sie, Sie können sich, Sie sollen sich betreut fühlen.“

Beim Geld hört die Freundschaft auf, so scheinen die Sparten im Börsenverein infrage gestellt, Beitragserhöhungen wird es nicht geben. Wir sollten uns aber an unser Solidaritätsgefühl erinnern. Die Soldidarität unter den Sparten sei wie eine Mischkalkulation und solle auch die Hauptversammlung bestimmen.

Alexander Skipis

Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis warnte davor, in Panik zu verfallen. „Wir werden uns verändern müssen. Wir werden neue Mitglieder im Verband sehen, die Dienstleistungen und Geschäftsmodelle anbieten, die wir heute noch gar nicht kennen.“ Die Branche werde sich mit neuen Playern verändern und es werde neue Produkte geben. Aber die Branche solle die Entwicklung mit Augenmaß und nüchtern verfolgen. „Wir haben Zukunft.“ Das Buch symbolisiere den Wunsch der Menschen, Geschichten zu erzählen und Visionen zu transportieren. „Die Zeit der Entscheidung ist gekommen.“ Das Thema Buch müsse branchenbewusst und selbstbewusst ins 21. Jahrhundert geführt werden. Damit das gelingt, müssen auch neue Mitglieder aufgenommen werden, die buchaffine Dienstleister sind. Skipis kündigte eine Umfrage an, um zu erfahren welche Dienstleistungen die Mitglieder vom Verband erwarten.

Mit libreka! habe der Börsenverein den Mitgliedern die Plattform geboten, um an neuen Geschäftsmodellen zu partizipieren. Das sei eine große Chance. Es ist entscheidend, dass wir ein eigenes Angebot haben.
Im Umgang mit Piraterie sei ein großer Erfolg erreicht, da es gelungen ist, die Politik für das Thema zu sensibilisieren.
Die Bundesregierung habe auch erkannt, dass fürs Internet eine Art Straßenverkehrsordnung nötig ist.

Ein weiterer Erfolg sei die Neutralisierung von Google Settlement und die Sensibilisierung für das Thema.

Intern kündigte Skipis eine Straffung der Strukturen an und eine Überprüfung, ob die mögliche Zusammenlegung mit den Landesverbänden sinnvoll ist. Die Finanzen sind geordnet, dennoch bereiten sinkende Mitgliederzahlen Probleme. Gegengesteuert habe der Verband mit Sponsoringaktionen und Mitgliederwerbung.

Update 11.25 Uhr

Jürgen Horbach legte den Bericht des Schatzmeisters vor und begann mit einem Gedicht von Mascha Kaléko:

Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
allnächtlich in die Abendbäume,
mit einem Lächeln im Gesicht.

Da gibt es gelbe, rote, grüne
und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
für Bub und Mädel, Mann und Frau.

Auch Träume, die auf Reisen führen
in Fernen, abenteuerlich.
– Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.

Jürgen Horbach

Horbach sprach von erfüllten Träumen und Wünschen. Dazu gehört das Dauerthema „Haus des Buches“ in Leipzig, das weitgehend zu den Akten gelegt werden kann. Ein weiterer Wunsch betrifft das Budget 2011. Es müsse gelingen, die Ausgaben den sinkenden Einnahmen anzupassen.

Die Mitgliedsbeiträge machen 60 bis 62 Prozent der Einnahmen des Börsenvereins aus, so Horbach. Da der Börsenverein nicht so leicht neue Einnahmen generieren könne, sei ein Blick auf Mitgliederbeiträge wichtig. In den vergangenen Jahren habe man jährlich rund 150 Mitglieder verloren, das bedeute rund 100.000 Euro weniger Einnahmen in jedem Jahr, im laufenden Jahr rechnet man mit einer besseren Situation. Sparen könne man nur an den Personalkosten. Die Mitgliederbeiträge sollten vorerst nicht erhöht werden.

Update 12.20 Uhr

Tagesordnungspunkt 7: Wahl der von der Hauptversammlung zu wählenden Vorstandsmitglieder für die Amtperiode 2010-2013 und Wahl eines neuen Rechnungsprüfers:

Vorsteher und Schatzmeister werden direkt gewählt. Für das Amt des Vorstehers kandidiert erneut Gottfried Honnefelder, für das Amt des Schatzmeisters erneut Jürgen Horbach.

Ehrung von Dieter Schormann

Weiter kandidieren für den Zwischenbuchhandel Thomas Gruß, für den Buchhandel Viola Taube, Stephan Jaenicke und Peter Reich. [mehr…] Im Saal befinden sich 221 Mitglieder im Saal, hinzu kommen 113 Stimmvertretungen. Das Wahlergebnis wurde noch vor der Mittagspause bekannt gegeben: Alter und neuer Vorsteher ist Gottfried Honnefelder [mehr…].

Als Rechnungsprüfer wurde S. Fischer-Geschäftsführer Michael Justus ohne Gegenstimme gewählt.

Da Petra Roth nicht anwesend ist, wird ihre Auszeichnung mit der Friedrich-Perthes-Medaille zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse nachgeholt. So konnte nur die Ehrung Dieter Schormanns vorgenommen werden – Honnefelders Vorgänger im Vorsteheramt.

Update 14.55 Uhr

Die Zukunft der BAG: Insgesamt habe die Akzeptanz des „Claringsystems BAG“ abgenommen: viele große Unternehmen haben sich aus der BAG zurückgezogen und damit die ohnehin schwierige Situation weiter verschärft, führte Jürgen Horbach aus.

Wären wir bereit, bei erneuten Turbulenzen weiterhin Geld in die BAG zu investieren oder nicht, diese Grundfrage, sagte Horbach, sei negativ beantwortet worden. Knapp 20% des Clearingvolumens seien verlorengegangen, trotz immer nich beträchtlicher Umsätze von 570 Mio. Euro (2009).

Neues Kapital hätte investiert werden müssen, neue Mitarbeiter hätten eingestellt werden müssen. Deshalb sei im Aufsichtsrat beschlossen worden, einen externen Partner zu suchen, der die BAG-Geschäfte im Sinne der Mitarbeiter weiterführt und auch Langfristigkeit der Arbeit garantiert. Dieser Partner ist – wie seit Mai offiziell bekannt – die DZB-Bank [mehr…]. Die DZB-Bank hat eine Betriebspflicht von zumindest jetzt 5 Jahren zugesichert, und besteht ein Wiederverkaufsverbot von 5 Jahren (Sollte die BAG vor dieser Zeit verkauft werden, hat der Börsenverein ein Vorkaufsrecht.)

Zentrale Punkte des BAG-Kooperationsvertrages waren:

o Neutralität
o Beibehaltung des Junktims
o Günstige Preisgestaltung für Mitglieder (und natürlich hat der Börsenverein auf die künftige Preisgestaltung keinen Einfluß
o Einrichtung eines Fachbeirats

Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, Horbach nannte ihn „sehr akzeptabel“.

Die Hauptversammlung sprach sich mit großer Mehrheit für die Ausgliederung und Veräußerung der BAG aus (keine Gegenstimme, 15 Enthaltungen).

Update 15.18 Uhr

Katharina Scholz

Die Empfehlungen des Nachwuchsparlaments stellte die gestern im Amt bestätigte Nachwuchssprecherin Katharina Scholz vor.
Wenn es darum geht, den Nachwuchs stärker in der Branche zu integrieren, hat das Nachwuchsparlament bereits Erfolge erzielt. Unter anderem hat Katharina Scholz einen Newsletter aufgebaut, einen Nachwuchsbrunch in Frankfurt initiiert und an verschiedenen Gremien teilgenommen.

Rund 100 Teilnehmer hat das Parlament im dritten Jahr seines Bestehens, der Altersdurchschnitt der Mitglieder, darunter Auszubildende in Buchhandlungen und Verlagen ebenso wie Studenten, beträgt 24 Jahre. Bei allem Erfolg sieht der Nachwuchs Handlungsbedarf. Um den Bekanntheitsgrad noch zu erhöhen, soll die Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut und die Zusammenarbeit mit dem Verband intensiviert werden. Außerdem wird es ein Facebook-Profil geben.

Gottfried Honnefelder äußerte sich anerkennend und sagte zu, dafür zu sorgen, dass der Nachwuchs künftig eine kräftigere Stimme erhält und lud Scholz zur nächsten Vorstandssitzung ein.

Stephan Joss

Stephan Joß informierte über das Projekt Braubachstraße. Knapp 60 Prozent der Aufträge seien bereits vergeben. Ziel sei nach wie vor, die Einhaltung des Budgets zu erreichen. Eingerichtet wurde ein operatives und finanzielles Controlling. Das Gesamtvolumen der Bau- und Nebenksten betrage 18,5 Mio. Euro, in der außerordentlichen Hauptversammlung im Oktober 2008 war eine Summe von bis zu 19,3 Mio. Euro genehmigt worden.

Auch bei der Vermietung an Dritte habe man gute Aussichten. Ein Vertrag wurde abgeschlossen, zwei seien in Verhandlung. Die HV stimmte dem Antrag auf Finanzierung der Brauchbachstraße mit vier Enthaltungen und ohne Gegenstimmen zu – es geht um ein Darlehen auf Ebene der Gebäudegesellschaft Braubachstrasse GbR von bis zu 10,0 Mio. Euro (worst case).

Gottfried Honnefelder schloss mit dem Eindruck, der Börsenverein sei noch nie so vernünftig gewesen. Besonders lobte er das Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen in diesen wirtschaftlich wahrlich nicht leichten Zeiten.

Die nächsten Buchtage finden vom 8.-10. Juni wieder im bcc in Berlin statt.

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