„Wir können nicht zulassen, dass das Gedächtnis an Walter Benjamin nachträglich instrumentalisiert wird, um rechte Politik zu legitimieren“ Akademie der Künste protestiert gegen die Vereinnahmung des Gedenkens an Walter Benjamin durch die französische Rechte

Die Akademie der Künste protestiert gegen die Instrumentalisierung des Centre d’Art Contemporain Walter Benjamin durch den neuen Bürgermeister von Perpignan, Louis Aliot, Abgeordneter der „Rassemblement National“, und erklärt sich mit dem offenen Brief französischer Intellektueller in Le Monde vom 30. Juni 2020 solidarisch.
Seit 2013 gibt es in Perpignan – die südfranzösische Stadt lag auf Walter Benjamins Fluchtweg vor den Nationalsozialisten – das Centre d’Art Contemporain Walter Benjamin. Dieses soll auf Betreiben des rechten Bürgermeisters zu einem Zentrum über Flucht und Vertreibung umgedeutet werden, das an jüdische Fluchtschicksale, an Schicksale von spanischen Republikanern, die vor Franco nach Frankreich fliehen mussten, und von Sinti und Roma erinnert.
Die Vereinnahmung ist Teil einer Strategie der „dédiabolisation“, mit der die rechtsextreme Partei ein gemäßigteres Image anstrebt, um in der Mitte der Gesellschaft Anhänger für ihr fremdenfeindliches Programm zu gewinnen.
 
„Wir können nicht zulassen, dass das Gedächtnis an Walter Benjamin nachträglich instrumentalisiert wird, um rechte Politik zu legitimieren“, so Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel, „das kommt einer neuen Schändung und Verfolgung seiner Person gleich. Als Hüterin des Nachlasses Walter Benjamins ist die Akademie der Künste verpflichtet, gegen diese Vereinnahmung zu protestieren.“
Für das Frühjahr 2021 planen das Vermittlungsprogramm KUNSTWELTEN und das Walter Benjamin Archiv eine Reise mit Schülerinnen und Schülern über Perpignan bis in das spanische Portbou, um Walter Benjamins Weg vor dem Suizid zu folgen. Es geht darum, der nachfolgenden Generation Verständnis und Respekt für das Schicksal Walter Benjamins und die von ihm vertretenen Werte zu vermitteln.
Das Walter Benjamin Archiv in Berlin wurde 2004 als Einrichtung der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur in der Akademie der Künste gegründet. Es verwahrt den Nachlass Walter Benjamins sowie eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten aus Privatbesitz. Eine Sammlung zur Rezeption ergänzt den Bestand fortlaufend. Das Archiv stellt zudem die Basis dar für die neue kritische Gesamtausgabe Werke und Nachlaß Walter Benjamins, die, herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz, seit 2008 im Suhrkamp Verlag erscheint.
Deutsche Übersetzung des offenen Briefs auf der Website der Hans-Mayer-Gesellschaft: http://www.hans-mayer-gesellschaft.de/es-ist-niemals-ein-dokument-der-kultur-ohne-ein-solches-der-barbarei-zu-sein/
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