Autorenkreis Quo Vadis: Auf der Suche nach dem besten historischen Roman

Carlo Feber und Dr. Frank Stefan Becker organisieren den diesjährigen Sir-Walter-Scott-Preis. Im Interview mit Alessa Schmelzer, Pressesprecherin des Autorenkreises Historischer Roman Quo Vadis, berichten sie über geschlechtliche Parität, kulturspezifischen Lokalkolorit und persönliche Wermutstropfen.

Alessa Schmelzer: Wie muss man sich die Arbeit eines Sir-Walter-Scott-Preis-Organisators vorstellen?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Die Arbeit bestand primär vor allem in der Gewinnung der Jurymitglieder, danach in Koordination der Aktivitäten und der Beantwortung von Fragen. Die Büchereinsendungen, die Jury-Rückmeldungen und auch die Preisverleihung selber binden viele aktive Menschen ein.

Alessa Schmelzer: Die Arbeit erfolgt ehrenamtlich, d.h. Ihr erledigt sie nebenher, sozusagen in Eurer Freizeit, wenn andere sich gemütlich auf dem Sofa ausstrecken. Was hat Euch dennoch bewogen diese Aufgabe zu übernehmen?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Ein Verein lebt nur, wenn seine Mitglieder aktiv sind. Jeder sollte einmal etwas für den Verein tun. Den Preis zu organisieren ist auch eine spannende Aufgabe – mit einem Wermutstropfen: Man kann seine eigenen Bücher nicht einreichen.

Alessa Schmelzer: Die Ausschreibung endet erst am 31. Mai 2010. Wie viele Bücher sind bislang eingereicht worden?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Aktuell sind es über 80 Einsendungen.
(Alle bislang eingesendeten Titel sind auf der Quo-Vadis-Webseite unter www.akqv.org/scottpr10einr.shtml einzusehen.)

Alessa Schmelzer: Beteiligen sich überwiegend Quo Vadis-Autoren?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Da Quo Vadis inzwischen über 100 erfolgreiche deutschsprachige Autoren umfasst, hoffen wir natürlich auf eine starke Resonanz aus unserem Mitgliederkreis. Aber die Bewerbung steht selbstverständlich jedem Autor frei, dessen Werk die Ausschreibebedingungen erfüllt.

Alessa Schmelzer: Wer schickt die Romane?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Überwiegend schicken Verlage die Bücher. Immerhin benötigen wir insgesamt vier Exemplare für die vier Jurymitglieder.

Alessa Schmelzer: Wer besetzt in diesem Jahr die Jury?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Wir freuen uns, dass wir Christine Kerler, Journalistin und Autorin, Rita Kohn Dell’Agnese, Journalistin und Redakteurin der Histo-Couch, Andreas Malessa, Hörfunk- und Fernsehjournalist, Buchautor und Theologe und Professor Dr. Wolfgang Wiesmüller, Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck als Jurymitglieder gewinnen konnten.

Alessa Schmelzer: Was unterscheidet die Jury 2010 von jenen der Jahre 2006 und 2008?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Die Jury in diesem Jahr umfasst gleich viele Männer und Frauen.

Alessa Schmelzer: Somit wäre der dringlichen Forderung der Mitglieder nach geschlechtlicher Parität nachgekommen. In den zurückliegenden Jahren gab es nur einmal eine Frau ([Andrea Kammann, 2006) als Jurymitglied. Welche Kriterien zeichnet die Jury 2010 ansonsten aus?]

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Die Jury bildet die unterschiedlichen Blickwinkel ab, die Leser, Buchhandel, Rezensenten und Literaturwissenschaft im Bezug auf Historische Romane haben können.

Alessa Schmelzer: Arbeiten die Jurymitglieder pro bono?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Die Jurymitglieder bekommen eine kleine Aufwandsentschädigung, dafür erwarten wir, dass sie bei der Preisverteilung anwesend sind. Und natürlich dürfen sie die eingesandten Bücher behalten – beim letzten Preis waren es immerhin fast 80.

Alessa Schmelzer: Der Goldene Lorbeer ist mit 2.000 Euro, der Silberne Lorbeer mit 1.000 Euro und der Bronzene Lorbeer noch einmal mit 500 Euro dotiert. Woher bezieht Quo Vadis das Preisgeld? Gibt es Sponsoren?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Nein, das Geld kommt aus den Mitgliedsbeiträgen unserer Autoren. Von daher sind wir völlig unabhängig.

Alessa Schmelzer: Aus welchem Grund organisiert Quo Vadis überhaupt einen solchen Literatur-Wettbewerb?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Quo Vadis möchte mit dem Preis historische Romane auszeichnen, die die Vielseitigkeit des Genres überzeugend nutzen. Der Preis soll – neben der Würdigung der Preisträger – die Aufmerksamkeit auf die Leistungen im Bereich dieses literarischen Genres lenken.

Alessa Schmelzer: Welche Chancen für den historischen Roman sieht Quo Vadis in der Verleihung des Preises?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Der Preis hebt aus der Vielzahl von Veröffentlichungen besondere historische Romane heraus. Wir möchten damit zeigen, dass die deutschsprachigen Autoren faszinierende Werke schreiben und sich keinesfalls verstecken müssen.

Alessa Schmelzer: Ein besonderer historischer Roman: Was macht denn einen wirklich guten historischen Roman aus?

Dr. Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Ein wirklich guter historischer Roman benutzt die Historie nicht bloß als Kulisse, sondern entwickelt die Konflikte der Hauptfiguren aus den historischen Gegebenheiten. Die Kunst besteht dabei in der Kombination allgemeingültiger menschlicher Schicksale mit zeit- und kulturspezifischem „Lokalkolorit“. Schließlich wollen unsere Leser auch etwas über vergangene Epochen, über historische Ereignisse, Personen und uns fremde Lebensweisen erfahren.

Alessa Schmelzer: Goethe hielt Scott „für den besten Erzähler seiner Zeit“. Fontane nannte ihn gar den „Shakespeare der Erzählung“. Wie beurteilt Ihr selbst Scotts Werk im Hinblick auf die Entwicklung des historischen Romans in unser Zeit?

Frank Stefan Becker und Carlo Feber: Scott hat vor gut zwei Jahrhunderten das gesamte Genre begründet, deshalb trägt der Preis seinen Namen. Heute gehen die Autoren aber vielfältigere Wege – sowohl was die Wahl der Erzählperspektive, der Schauplätze und Zeitalter als auch der Handlungen betrifft. Denken wir nur an den historischen Krimi, der vor der „Erfindung“ der kriminalistischen Ermittlung durch Poe (Mord in der Rue Morgue) nicht denkbar war.

Carlo Feber: Geboren 1965. Studium der Politologie in Berlin und Paris. Seit 2002 Dozent für Autobiographisches Schreiben an der Katrin-Rohnstock-Erzählakademie. Zahlreiche Workshops in Berlin und München. Zudem Online Workshops bei akademie.de. Aktuelle Veröffentlichung: Die Tote im Winterhafen (Emons).

Frank Stefan Becker: Geboren 1952 in Marburg. Studium der Physik in Karlsruhe. 1981 Promotion im München und Beginn der beruflichen Laufbahn in der Industrie; jetzt in der Kommunikationsabteilung eines Konzerns für Hochschulfragen zuständig. Zahlreiche Veröffentlichungen (Fachartikel, Reportagen, Beiträge für Reiseführer), lebt in München. Aktuelle Veröffentlichung: Sie kamen bis Konstantinopel (Zabern).

Kontakt: sws-preis@akqv.org

Sir-Walter-Scott-Preis 2010: Zum dritten Mal lobt der Autorenkreis Historischer Roman Quo Vadis den Literaturpreis aus. Zur Teilnahme zugelassen sind historische Romane, die zwischen dem 1. Januar 2008 und dem 31. Dezember 2009 in deutscher Sprache erschienen sind. Einsendeschluss ist der 31. Mai 2010.

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