Deutscher Hörbuchpreis 2012: Hier die Gewinner der „erwachsenen“ Kategorien

Seit gut einem Monat rätselt die Branche, welche nominierten Titel zu Gewinnern des Deutschen Hörbuchpreises gekürt werden. Jetzt hat der gleichnamige Verein mit Sitz bei der WDR Mediagroup in Köln die Preisträger in sechs von sieben Kategorien veröffentlicht – die letzte Kategorie, das beste Kinderhörbuch, folgt eine Woche später. Freuen können sich die Verlage Hörbuch Hamburg, Audiobuch, Hoerspielpark, Roof Music, Alexander Verlag und DOM publishers.

Als Sachhörbuch mit der „Besten Information“ wurde gekürt:

„MÜLLER MP3 – Tondokumente 1972-1995“, erschienen im Alexander Verlag

Jurybegründung: „Die liebevoll gestaltete Edition erweckt unmittelbar Neugier auf die Person und das Werk Heiner Müllers. In abwechslungsreicher Abfolge von Lesung und Interview offenbart sich in diesen Zeugnissen nicht zuletzt Müllers anhaltende Aktualität. So lädt diese Publikation nicht nur dazu ein, sich neu auf den Autor einzulassen, sie ist zugleich Anstoß zur Analyse auch gegenwärtiger Konflikte.“

Verleger Alexander Wewerka zeigte sich sichtlich ergriffen: „Es fühlt sich gut an, nach fast 30 Jahren Verlagsarbeit am Rand des Buchmarkts einen ersten Preis zu gewinnen. Und es tut gut, öffentliche Anerkennung für ein aus ökonomischer Sicht einigermaßen sinnloses Projekt zu bekommen. Vor allem ist es mir eine aufrichtige Freude, das Denken des von mir hochverehrten Meisters, dem ich sehr viel für meinen Weg verdanke, durch die Auszeichnung wieder ins Bewusstein einer Gesellschaft zu rufen, die nach 15 Jahren beginnt, ihn bzw. sein Werk langsam zu vergessen. Ich hoffe, meine und Ihre Kinder werden diese Aufnahmen in 10 oder 15 Jahren noch hören können – und dann zu seinen Büchern greifen.“

Ebenfalls nominiert waren:
„Sinti und Roma hören“ (Silberfuchs Verlag)
„Fahren, fahren… Eine Reise in der Geschichte der motorisierten Mobilität“ (Campfire Media)

Ein Hörspiel lieferte nach Meinung der Jury die „Beste Fiktion“:

„RUHE 1 – Hörspiel im Raum“ (Paul Plamper / Hoerspielpark)

Die Jurybegründung: „Die Simultaneität der dreidimensionalen Installation wird ohne Verluste in das lineare Medium des Hörspiels übertragen. Ein hervorragend besetztes dreißigköpfiges Ensemble und eine kluge Regie führen ein Thema von gesellschaftlicher Brisanz und politischer Dimension vor, das eine hohe Sogwirkung entfaltet und dem Zuhörer als scheinbar Beteiligtem eine individuelle Entscheidung abnötigt.“

„Wir freuen uns unglaublich! Hochwillkommene Anerkennung für unsere Sache“, so die knappe, große Sprachlosigkeit bezeugende Antwort von Paul Plamper. Ursprünglich war das Hörspiel als Klanginstallation für das Kölner Museum Ludwig entwickelt worden: Ein Saal mit leeren Stühlen und Tischen, dazu die Geräuschkulisse eines vollbesetzten Cafés laden ein zum Besuch eines virtuellen „Lokals“. Durch ein unvorhergesehenes Ereignis vor den Fenstern des Cafés entsteht plötzlich Ruhe im Raum: ein Moment, in dem jeder Einzelne eine Entscheidung für sein Handeln – oder eben Nicht-Handeln – treffen muss.

Ebenfalls nominiert waren:
„Goldagengården – Hörspiel-Thriller in neun Teilen“ (Marco Göllner / Zaubermond audio)
„Die Pest“ (Albert Camus / Der Audio Verlag)

Als „Beste Interpretin“ des Jahres 2011 wurde gewählt:

Doris Wolters für das Hörbuch „Die hellen Tage“ (von Zsuzsa Bánk, erschienen bei Audiobuch)

„Getragen von hohem Einfühlungsvermögen vergoldet Doris Wolters‘ charismatische Stimme den Text vom ersten Moment an“, schwärmte die Jury. „Wohltuend ruhig und vollkommen frei von einer Routine, die nur auf Wirkung spekuliert, findet sie darin stets den verborgenen Ton. Dem warmherzigen Text entspricht die Intensität und Eindringlichkeit ihres Vortrags.“

Audiobuch-Chefin Corinna Zimber fügt hinzu: „Nie wirkt die Lesung kitschig, immer bleibt sie spannend – ein Balanceakt, der Doris Wolters hervorragend gelungen ist!“

Ebenfalls nominiert waren:
Dagmar Manzel für „Der Hals der Giraffe“ (Judith Schalansky / Der Audio Verlag)
Maria Koschny für „Die Tribute von Panem“ (Suzanne Collins / Oetinger audio)

„Bester Interpret“ ist nach Meinung der Preisträger-Jury:

Sven Regener für das Hörbuch „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ (tacheles! / Roof Music)

„Sven Regener bringt seinen eigenen Text in so großartiger Weise zum Leben, dass er weit über das Geschriebene hinausgeht“, urteilte die Jury. „Wie ein Musiker, der er ja ebenfalls ist, verleiht er der Sammlung von kleinsten Textelementen einen großen Atem und gibt einer neuen literarischen Gattung stimmliche Kraft. Als Autorenlesung besticht die Produktion durch eine kaum zu steigernde Authentizität.“

Auch die Verlegerin Kristine Meierling schwärmt: „Nur Sven Regener kann lesen, wie Sven Regener schreibt! Ähnlich wie Helge Schneider und Heinz Strunk geht auch er als Musiker an seine Interpretationen: Er setzt an, taucht ein, geht ohne jegliche Unterbrechung von außen und in eigenem Tempo durch Erzählung und Dialoge, taucht wieder auf – und alle sind glücklich.“

Auch Sven Regener selbst freut sich: „Der Deutsche Hörbuchpreis – das ist mal ein Preis, der auch Hamburg-Heiner gefallen würde. Aber ich bin der, der ihn kriegt. Pech für ihn, toll für mich. Vielen Dank an alle, die daran mitgewirkt haben.“

Ebenfalls nominiert waren:
Ulrich Noethen für „Jeder stirbt für sich allein“ (Hans Fallada / OSTERWOLDaudio)
Thomas Thieme für „Veit“ (Thomas Harlan / intermedium rec.)

In der Spezialdisziplin „Das besondere Hörbuch“, diesmal mit dem Schwerpunkt „Besonderer Wagemut“, hat gewonnen:

„Die künstlichen Paradiese“ (Charles Baudelaire / Hörbuch Hamburg)

Eingebettet in eine neu bearbeitete Fassung von Baudelaires Essay „Die künstlichen Paradiese“, einem Plädoyer für den Rausch der Sinne, vereint das Hörbuch zwölf musikalische Interpretationen von Baudelaires Gedicht „Enivrez-vous“ („Berauschet Euch“). Bands und Musiker unterschiedlicher Nationalitäten und Stilrichtungen ließen sich für das Projekt ebenso gewinnen wie Jeanne Moreau, die den Text im französischen Original eingesprochen hat.

Die Jury urteilte über die Produktion: „Inhaltlich, ästhetisch und künstlerisch sind die Kriterien eines ‚besonderen Wagemuts‘ erfüllt. Thema und Variation, Einheit in der Verschiedenheit – in beeindruckender Weise ist der Versuch geglückt, einen akustischen Zugang zu einem ungewöhnlichen Text zu eröffnen.“

Bei diesem Hörspielprojekt, so Ines Hansla, Pressechefin bei Hörbuch Hamburg, hätten alle viel gewagt: Regisseur Kai Grehn, die Sprecher Alexander Fehling und Jule Böwe, die beteiligten Künstler und Musiker, die Rundfunkanstalten, allen voran Radio Bremen mit Holger Rink: „Auch für uns als Verlag war es ein Wagnis, zumindest vom wirtschaftlichen Standpunkt betrachtet. Der ordnete sich in diesem Fall aber eindeutig dem künstlerischen unter, und die Bedenken wichen schnell der Begeisterung für das leidenschaftliche Projekt. Und nun haben wir alle gewonnen! Sensationell, dass dieses akustische Experiment, der außergewöhnliche Brückenschlag von Musik und Sprache sich durchgesetzt hat. Ich wünsche uns und den ‚Künstlichen Paradiesen’ mit dieser renommierten Auszeichnung nun ganz viele ‚wagemutige‘ Hörer, die sich auf einen wahrhaftigen Hörrausch mit Baudelaire einlassen wollen.“

Ebenfalls nominiert waren:
„MORLAND. Die Blume des Bösen“ (Peter Schwindt / headroom)
„Die Nacht aus Blei“ (Hans Henny Jahnn / Hörbuch Hamburg)

Die „Beste verlegerische Leistung“ lieferte im vergangenen Hörbuchjahr:

DOM publishers für die Reihe „Architektur zum Hören“ (drei Hörbücher über Zumthor / Libeskind / Hadid)

Bildende Kunst in Töne zu verwandeln, dieser besonderen Herausforderung stellen sich die Architektur-Hörbücher von „DOM publishers“ mit großem Erfolg. Die Jury lobte: „In einer verständlichen, unprätentiösen Sprache und unter wohldosiertem Einsatz minimalistischer Geräuscheffekte setzen sie ein genuin optisches Thema kongenial ins akustische Medium um. Die geschmack- und anspruchsvolle Aufmachung der Reihe schafft darüber hinaus einen weiteren sinnlichen Anreiz.“

Große Freude bei der Verlegerin Natascha Meuser: „Der Gewinn des Preises ermöglicht uns vor allem, die Serie weiter auszubauen. Mit dem Architekten Oscar Niemeyer haben wir bereits Kontakt aufgenommen – er ist einer der letzten lebenden Ikonen der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist nun mal so, dass wir den Menschen, die wirklich etwas erlebt haben und etwas zu sagen haben, auch gerne zuhören. Und unser Autor Moritz Holfelder schafft es, mit den Hörbüchern ein Stück Zeitgeschichte einzufangen.“

Ebenfalls nominiert waren:
Lübbe Audio für „Apocalypsis“ (gelesen von Matthias Koeberlin)
Hoerspielpark für das radiofone Gesamtwerk von Schorsch Kamerun, Paul Plamper und Rimini Protokoll

Die feierliche Verleihung aller Hörbuchpreise – während der Hörbuch-Gala am 14. März beim WDR in Köln – wird bundesweit übertragen: im Radio (live ab 20.05 Uhr auf WDR 5, hr2-kultur und NDR Kultur) sowie als Aufzeichnung im Fernsehen (in 3sat am 17. März, 0.30 Uhr).

rw

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