Deutscher Hörbuchpreis 2015 – sechs Gewinner und eine Überraschung

Sechs Empfänger des begehrten schweren Preises aus Edelstahl stehen fest: Der Verein Deutscher Hörbuchpreis e.V. gab soeben die prämierten Erwachsenen-Titel bekannt. Für die 13. Verleihung des Preises wurden gut 280 Hörbücher von 70 Verlagen bewertet. Dabei ragt ein Preisträger aus dem Gewinnerfeld heraus.

Die Überraschung: Gleich für seine erste Hörbucharbeit wird der – als Hörbuchsprecher noch völlig unbekannte – Berliner Schauspieler Frederick Lau als „bester Interpret“ ausgezeichnet. Seine Lesung des Jugendromans „Es bringen“ von Verena Güntner, erschienen als Audio-CD bei tacheles!/Roof Music, ließ die Jury geradezu schwärmen: „Knallhart und verunsichert, abgebrüht und seinen Platz in der Welt suchend – Frederick Lau schafft es, allein mit seiner Stimme dem sechzehnjährigen Luis eine beeindruckende Tiefe zu geben. Roh, ungeschliffen und immer bemüht, sich keine Gefühle anmerken zu lassen, passen Laus Interpretation und sein Protagonist zusammen wie die Faust des Teenagers aufs Auge des nervenden Mitschülers. Luis ist ein Bringer – und Frederick Lau ist es auch!“

Die Überraschung: Newcomer Frederick Lau wird als bester Hörbuchinterpret ausgezeichnet (© Roof Music)

„Auch wenn ich sehr, sehr gerne Hörbücher höre – ich hätte niemals gedacht, dass ich je eines aufnehmen würde, geschweige denn einen Preis dafür bekomme“, zeigte sich der filmerfahrene Frederick Lau (u.a. Deutscher Filmpreis für „Die Welle“ und Grimme-Preis für „Neue Vahr Süd“) doch ziemlich verblüfft. Kein Wunder, denn bisher war es in der 13-jährigen Geschichte des Preises noch keinem anderen gelungen, als Newcomer direkt den „Hörbuch-Oscar“ zu gewinnen. Nur Matthias Koeberlin war zumindest nah dran: Er heimste 2003 für seine erste Hörbucharbeit („Das Jesus Video“, Lübbe Audio) eine Nominierung als bester Interpret ein.

Den Preis in der Kategorie „beste Interpretin“ erhält in diesem Jahr die Sprecherin Maria Koschny, die man u.a. als deutsche Synchronstimme von Jennifer Lawrence sowie als Interpretin der „Tribute von Panem“-Hörbücher kennt. Die Jury war von ihrer einfühlsamen Lesung von Clare Furniss‚ Roman „Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb“, erschienen bei Oetinger audio, so beeindruckt, dass sie in ihrer Begründung

Freut sich riesig über die Auszeichnung:
Maria Koschny © Raphael Bruggey

empfiehlt, das Buch „lieber zu hören statt selbst zu lesen“, denn „Koschnys wandelbare und warme Stimme leitet und begleitet gefühlvoll den emotional schmerzhaften Prozess des belasteten Erwachsenwerdens. Sie vermeidet jede Rührseligkeit und macht aus der Buchfigur einen Charakter, der sich schließlich öffnet; für sich und andere und für das ganze große Leben.“

Maria Koschny, die das Hörbuch gemeinsam mit Katharina Koschny eingelesen hat, schwärmt über den Roman: „In meinen Augen ein tolles Buch, das in seiner Einfachheit sehr viel Tiefe vermittelt. Es war eine gelungene, sehr schöne Zusammenarbeit mit Studio Wort, unserem Regisseur Frank Gustavus – und eine für mich bereichernde und berührende Premiere, mit meiner Mama in der Form zusammenzuarbeiten. Über den Preis habe ich mich riesig gefreut. Danke!“

Bestes Sachhörbuch ist „Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament“, ebenfalls erschienen bei tacheles!/Roof Music. Roger Willemsen verfolgte ein Jahr lang sämtliche Sitzungen des Deutschen Bundestages, las 50.000 Seiten Parlamentsprotokolle und wurde Zeuge vieler Situationen, die von den Medien unbeobachtet blieben. „Berechtigterweise fragte Dieter Hildebrandt: ‚Warum ist noch niemand auf diese Idee gekommen?’“, schließt die Jury ihre Preisbegründung, die sichtlich beeindruckt war: „Dank Roger Willemsen lernen wir auf ebenso unterhaltsame wie erschreckende Weise: Die Würde des Hohen Hauses ist antastbar! Was im Deutschunterricht nicht durchgehen würde, genügt hier den Ansprüchen. Die nicht selten humorfreien und von Bürokratie geprägten Reden sind ein unbewusster Angriff auf das, was jedes Volk ausmacht: die Sprache. Banalität umgesetzt durch Pluralität. Feuilletonistisch pointiert sendet Willemsen in unser aller Namen zarte Pfeile gegen das Grobe.“

„Ich freue mich ganz besonders über den Deutschen Hörbuchpreis, weil ich ein Fan von Maria-Cristina Hallwachs bin“, verrät Paul Plamper, Betreiber der Veröffentlichungsplattform Hoerspielpark.de, bei der das „beste Hörspiel“ des vergangenen Hörbuchjahres erhältlich ist. „Sie entfaltet in dem klugen Setting von Helgard Haug und Daniel Wetzel einen solchen Charme und eine solche Kraft, dass man einfach hingerissen sein muss.“

Das Hörspiel „Qualitätskontrolle oder Warum ich die Räusper-Taste nicht drücken werde“ erzählt die (wahre) Geschichte einer jungen Frau, deren Leben nach einem tragischen Unfall umgeschrieben wird und die trotz aller Abhängigkeit von technischer und menschlicher Hilfe zu einem lebensbejahenden „Kopfmensch“ wird. Der Clou: Maria-Cristina Hallwachs ist – zwanzig Jahre später – auch im Hörspiel die Protagonistin. „Die Heldin gibt präzise und selbstironisch Auskunft über ihren Alltag als Kopfmensch, dessen stärkste Ausdrucksform die Stimme ist. Eine überzeugende poetische Stimmen- und Soundcollage und ein beglückender Diskurs über Menschenwürde, getragen von unbändiger Lebenslust“, so die Jurybegründung.

Die beste Unterhaltung hat nach Meinung der Jury im vergangenen Hörbuchjahr die Produktion „Brennerova“ geliefert – erschienen bei Hoffmann und Campe. Mit dem Roman setzte der österreichische Schriftsteller Wolf Haas die Krimiserie um den grantigen Privatdetektiv Simon Brenner fort, als Autor wie auch als Sprecher. „In dem mittlerweile achten seiner als bizarre Amüsements goutierten Kriminalromane erzählt Brenners Alter Ego Wolf Haas mit einprägsam unverwechselbarer eigener Stimme sechs Stunden lang Skurrilitäten aus der Schattenwelt des Wiener Rotlichtmilieus“, so die Jury. „Seine aberwitzigsten Einfälle sind zugleich die exquisitesten: beispielsweise in dem Paradestück über die eilfertig abgehackten Hände zweier muttersprachlich tätowierter Unterwelt-Figuren, die in benachbarten OP-Räumen auf Vervollständigung ihrer Unterarme warten und Gefahr laufen, dass dem einen griechische, dem anderen russische Gliedmaßen verpasst werden. Nur eine Episode, aber von exemplarischer Kurzweil.“

Eine Überraschung ist sicher auch der Preisträger in der Kategorie „beste verlegerische Leistung“: Lübbe Audio setzte sich mit „Easy does it – CRO, die Maske und der ganze Rest“ gegen starke mitnominierte Konkurrenten durch. Die Hörbuch-Biografie dreht sich um den Rapper mit der Pandamaske: „Jeder kennt seine Stimme, niemand sein Gesicht. Lübbe Audio gewährt uns Einblicke in seine Welt“, lobt die Preisträgerjury. „Das Hörbuch schildert, konsequent aus der Innenperspektive und eher am Fan als am Feuilleton orientiert, mit viel Humor und Selbstironie den Weg eines absoluten Nobodys zum deutschen Hip-Hop-Superstar. Unterhaltsam, uneitel, authentisch, mit vielen Interviews und jeder Menge Musik: überkrass.“

In der Kategorie „bestes Kinderhörbuch“, dessen Preisträger erst am 5. Februar bekanntgegeben wird, sind noch im Rennen:

„Geheimsache Labskaus“ nach Ina Rometsch, JUMBO Verlag
„Der Junge, der mit den Piranhas schwamm“ von David Almond, Hörcompany
„Die Schule der Weihnachtsmänner“ von Karlheinz Koinegg, der Hörverlag

Die Gala zum Deutschen Hörbuchpreis wird am 11. März im WDR-Funkhaus gefeiert, live im Radio übertragen (ab 20.05 Uhr auf WDR 5, hr2-kultur, NDR Kultur und Antenne Saar, als Wiederholung ab 22.03 Uhr auf SWR 2) sowie am 14. März im Fernsehen gesendet (ab 23.45 Uhr im WDR).

rw

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