Joachim Unseld kritisiert: Longlist-Auswahl zeigt „provinzielle Oberlehrerhaftigkeit ohne literarische Weitsicht“

Joachim Unseld:
„Provinzielle Oberlehrerhaftigkeit
ohne literarische Weitsicht“

Die Auswahl der Longlist-Titel für den diesjährigen Deutschen Buchpreis wird heftiger als in früheren Jahren kritisiert – insbesondere wegen des Fehlens zweier wichtiger Herbsttitel aus einem Independent Verlag.Für Joachim Unseld, den Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt (Foto), zeige die diesjährige Longlist „eine Großverlagen verpflichtete provinzielle Oberlehrerhaftigkeit ohne literarische Weitsicht“.

Denn: Wie er heute registriert, fehlen mit »Verlangen und Melancholie« von Bodo Kirchhoff und »Das achte Leben (Für Brilka)« von Nino Haratischwili allein aus seinem Verlag „zwei wichtige Titel dieses Herbstes“, was auch der FAZ und der WELT aufgefallen ist. (Andreas Platthaus schreibt z. B. in der FAZ, die Jury habe auf ihrer Liste den »besten Titel des kommenden Herbstes« nicht berücksichtigt.. Und die WELT schreibt: „diese Longlist ist ein schlechter Witz.“

Wir haben mit Joachim Unseld gesprochen:

Sie haben sich heute mir einem Mailing an den Buchhandel öffentlich gegen gegen die Longlist-Auswahl gewandt.

Nein nicht gegen, sondern wir haben den Handel lediglich darauf hingewiesen, dass zwei der wichtigsten deutschen Herbsttitel nicht auf der Longlist stehen, die dort hätten stehen müssen, wenn der Anspruch des Preises, die wichtigsten deutschsprachigen Titel eines Jahrgangs herauszufiltern, weiterhin Bestand haben soll. Die Reaktion der Feuilletons ist eindeutig. Die WELT z.B. bezeichnet die Liste daher auch als „schlechter Witz“, die TAZ als „Quatsch“, eben auch weil die neuen großen Romane Nino Haratischwilis und Bodo Kirchhoffs nicht mit dabei sind, die bereits jetzt -ich zitiere nochmals die Presse: als „Schwergewichte des Herbstes“ gelten. Das lässt schon auf eine gewisse Banausenhaftigkeit der Jury schließen.

Harte Worte…

Der Literaturchef der FAZ moniert sogar, dass mit Nino Haratischwilis „Das achte Leben(Für Brilka) der -ich zitiere- „beste deutschsprachige Roman des Herbstes“ fehlt. Das sind wenn nicht harte, so doch deutliche Worte.

Halten Sie nur diese Auswahl für falsch oder gilt dies dem Auswahlverfahren….

Nein, das Verfahren halte ich für praktikabel. Das hat sich in der Vergangenheit durchaus bewährt. Es wird wohl eher an der diesjährigen Zusammensetzung der Jury liegen, die in der Presse auch schon als „hilflos“ beschrieben wird und der ich eine gewisse Lesemüdigkeit unterstelle. Nino Haratischwilis 1280 Seiten umfassender Roman wurde wohl nicht mehr gelesen.

Aber wir sind uns einig: Die Branche ist froh, einen solchen Preis zu haben…

… Ja, im kommerziellen Sinn ist es der wichtigste Buchpreis, den wir haben – und den sollten wir nicht durch hilflose Listen beschädigen. Natürlich ist man froh, wenn man auf die Liste steht, das erleichtert die Vertriebsarbeit eminent. Wenn aber ein kleiner Independent-Verlag mit gleich zwei weit aus dem Mittelmaß herausragenden deutschen Romanen nicht nominiert wird, dann kann das durchaus auch die Titel beschädigen. Dagegen muss man energisch was tun.

Dass die Presse so unisono das auch so sieht, hat es noch nie gegeben.

Das hat aber einen guten Grund: Beide Titel sind nicht nur hochqualitativ und lesenswert, sondern haben beide ein hohes Verkaufspotenzial. Das war auch mein Anliegen , denn das darf der listengläubige Teil des Buchhandels jetzt nicht verschlafen. .

Sie trösten sich, dass Sie mit Ihrer Kritik an der Auswahl nicht allein stehen?

Es ist doch mehr als auffallend, dass bislang alle Feuilletons auf das „skandalöse“ Fehlen beider Titel, also sowohl Kirchhoffs als auch Haratischwilis hinweisen. Das ist kein Trost, sondern eine klare Ansage und Nachricht an den Buchhandel und die Leser, sich nicht blind der Liste anzuschliessen. Ich hoffe, es gelingt mir als kleinem „Independent“ Verlag, auch den Buchhandel zu begeistern.

Mit welchen Argumenten?

Kirchhoffs Roman „Verlangen und Melancholie“ ist sein bislang bestes Buch. Von Ninos Buch bin ich begeistert, wie seit langem nicht mehr von einem Roman. Es schreiben uns lesende Buchhändlerinnen, die diese unbedingte Begeisterung für „Das achte Leben (Für Brilka) teilen. Und wie heisst es in der FAZ über „Das achte Leben (Für Brilka): „dem vom Umfang und Anspruch einzig mit dem Turm von Tellkamp vergleichbaren Projekt der neueren deutschen Literatur“. Diesen Titel hatte eine frühere Jury jedenfalls als preiswürdig identifizieren können.

Ihr Fazit jetzt?

Ich halte es mit Lars Gustafsson: „Wir geben nicht auf. Wir fangen nochmal an.“

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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