Kranichsteiner Literaturpreis 2009 verliehen

Gerd-Peter Eigner nimmt die Glückwünsche
von Dagmar Leupold entgegen

Gestern Abend wurden im Glückert-Haus in Darmstadt, dem Domizil des Deutschen Literaturfonds, der diesjährige Kranichsteiner Literaturpreis, das New-York-Stipendium, das London-Stipendium und der Kranichsteiner Förderpreis vergeben.

Die Veranstaltung begann mit den Lesungen der Förderpreis-Kandidaten Judith Schalansky, Clemens J. Setz und Andreas Stichmann.

Judith Schalansky, geboren 1980, las ihren Roman-Anfang Darwins Giraffen, eine Geschichte, in der die langjährige Lehrerin Inge Lohmark am Darwin-Gymnasium, gelegen in einem aussterbenden Ort in Mecklenburg-Vorpommern, eine Hauptrolle spielt.

Clemens J. Setz, geboren 1982, stellte seine Erzählung Der Prolog des Fotografen David Perlmann vor. Ein Zehnjähriger macht erste möglicherweise erotische Erfahrungen, wird dabei erwischt und anschließend vom Vater des Mädchens, dem Fotografen, regelrecht zur Schau gestellt.

Nachts im Hertie heißt die Geschichte von Andreas Stichmann (geboren 1983). Fast beiläufig werden die ungeheuerlichen Erlebnisse eines Jungen, der aus dem unmenschlichen Iran über die Türkei nach Deutschland flieht, geschildert.
Diese Geschichte, so entscheiden die Juroren Dagmar Leupold, Gregor Dotzauer und Wend Kässens, sei die beste; Andreas Stichmann erhält den seit 2003 vergebenen und mit 5000 Euro dotierten Kranichsteiner Förderpreis 2009.

Gregor Dotzauer begründet, warum Kai Weyand das seit 2005 verliehene London-Stipendium erhält, im Anschluss liest der Stipendiat die Geschichte von zwei Lehrern, der eine hat den Schuldienst längst quittiert, der andere steht am Anfang seiner Karriere. Der Erzähler ist ein Privatdetektiv, der mit Schule überhaupt nichts zu tun hat.

Die Laudatio auf den New-York-Stipendiaten Kurt Drawert hält Wend Kässens, Ute Döring, Ehefrau des zurzeit in Hongkong weilenden Autors, bedankt sich im Namen von Kurt Drawert. Das Stipendium gibt es seit 1985.

Nun ersteigt Ulrich Horstmann zur Laudatio auf den diesjährigen Preisträger Gerd-Peter Eigner die Treppe, da Mikrofon- und Lampengestänge die Gesichter der am Stehpult Lesenden für das Publikum durchschneiden – von oben habe er bessere Sicht und werde auch besser gesehen.

Ulrich Horstmann würdigt Gerd-Peter Eigner als Erzähler, der das Flüchten – in sich hinein und aus sich heraus – zu seiner Maxime gemacht hat und weist auf die Biografie des 1942 in Oberschlesien geborenen und heute in Berlin und Olevano Romano (Italien) geborenen hin, die solche Fluchten begründet.
Eigners Figuren sind Flüchtlinge, er ist ihr Fluchthelfer. Woher kommen sie, wohin gehen sie? „Aus dem Unsinnigen ins Sinnliche … aus dem Frust in die Lust“, antwortet der Laudator. Er zitiert Eigner: „Es herrscht in unseren Breiten weitgehend ein kollektiver Wahn sozialgesetzgeberischer Lebensvermeidung vor, der zugunsten übergeordneter Vernichtungsziel den Lustschrei des Einzelnen sowie jeden spirituellen Selbstbezug als Angriff auf die öffentliche Ordnung abwehrt, ja, zum Verrat am Gemeinwesen erklärt.“ So kündigen die meisten Romanfiguren den sozialen Konsens auf. Das neue Terrain verspricht nicht die Erfüllung der Wünsche – aber eine Entfaltung der Sinne.

Dagmar Leupold überreicht dem 25. Preisträger seit 1983, Gerd-Peter Eigner, die Urkunde. Zum mit 20.000 Euro dotierten Literaturpreis gehört auch ein kleiner Kranich.

Im Anschluss liest Gerd-Peter Eigner aus seinem jüngsten Roman Die italienische Begegnung, der im letzten Jahr bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist und für die Verleihung des Kranichsteiner Literaturpreises mit ausschlaggebend war.

JF

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