Preise der Leipziger Buchmesse verliehen

Die Preisträger (v.l.n.r.): Clemens J. Setz,
Barbara Conrad und Henning Ritter

Die Gewinner der Preise der Leipziger Buchmesse stehen fest: in der Kategorie Belletristik gewann Clemens J. Setz (Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes, Suhrkamp), der Sachbuchpreis geht an Henning Ritter (Notizhefte, Berlin), und den Übersetzerpreis erhält Barbara Conrad für Krieg und Frieden, Lew Tolstoi (Hanser).

Seit 2005 wird jeweils am ersten Buchmessetag in der Glashalle der Preis verliehen. Die Auszeichnung, die mit insgesamt 45.000 Euro dotiert ist, wird von einer siebenköpfigen Jury zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Essayistik sowie Übersetzung verliehen.

Anspruch der Jury ist es, herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen zu ehren, womit der Preis unmittelbar an das Konzept der Leipziger Buchmesse als Forum für Autoren und Literaturvermittlung anschließt. Unterstützt wird der Preis der Leipziger Buchmesse durch den Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB).

In diesem Jahr haben 131 Verlage insgesamt 480 Titel eingereicht, die bis zur Leipziger Buchmesse erschienen sind. Die siebenköpfige Kritikerjury nominierte jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011.
Zur Liste der Nominierten

Die Juroren: Johanna Adorján (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Martin Ebel (Tages-Anzeiger, Zürich), Dr. Ingeborg Harms (freie Literaturkritikerin) und Dr. Eberhard Falcke (freier Literaturkritiker).

Die Begründungen der Jury:

Clemens J. Setz, Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes:
„Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Clemens J. Setz’ Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“. Den Ausschlag gaben die Kühnheit der Konstruktion, die Eigenwilligkeit der Sprache und die Konsequenz des Konzepts, das zu gleichermaßen originellen wie unheimlichen Geschichten führte. Sie machen mit einem ernüchternden Menschenbild ernst, das wir wissenschaftlich längst akzeptiert haben, aber kulturell bislang erfolgreich überspielen. Das Erzählpersonal setzt sich aus Eltern zusammen, die mit ihren Kindern nichts anfangen können, aus Paaren, die ihre Verfallszeit längst überschritten haben, aus Einzelgängern, Außenseitern und rituellen Opfern, die sich das Selbstmitleid nicht mehr leisten, zum Selbstmord nicht in der Lage sind und am Nullpunkt des sinnvollen Lebens dahinvegetieren. Bei Setz hat die Einbildungskraft das Schlimmste immer schon vorweggenommen, seine Figuren immu nisieren sich gegen den Schmerz und lagern ihr natürliches Empathie-Vermögen in animistische Dingbeschwörungen aus. In dieser moralfreien, von Illusionen desinfizierten Welt wird der Sadismus zum letzten Kanal des Transzendenzbegehrens.
In seiner bewusst artifiziellen, hochverspiegelten Prosa porträtiert sich der Autor als Exorzist einer aus den Fugen geratenen Phantasie, als moderner Schamane in Blaubarts letzter Kammer, der im fahlen Flimmern der Medialität die Schmutzarbeit des Zuendedenkens für uns erledigt. Sein Personal teilt sich in jene, die sich aus dem Dekorum der Humanität lustvoll herauswinden, um alle Hemmungen fallen zu lassen, und andere, die sich in die Einsamkeit des reinen Beobachters retten. Im Verbund mit diesen Ortlosen gelingen ihm die stärksten Effekte. In Erzählungen wie „Das Riesenrad“ und „Kleine braune Tiere“ skizziert er eine Menschheit im Wartezustand, ohne Leitbilder und Ideale, losgelöste Astronauten im Raumschiff Erde, auf der Abschussrampe, aber ohne Ziel. Der Preis würdigt ein düsteres, mit Überraschungen aufwartendes Prosalabor, in dem ein junger Autor sich traut, mit den Mitteln der Sprache Va-banque zu spielen.“

Henning Ritter, Notizhefte:
„Henning Ritters „Notizhefte“ sind ein ungewöhnliches Buch, nicht nur weil es Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig, sondern in der Form des Aphorismus, der Reflexion, des Kurzessays, der kritischen Bemerkung. Sprache und Bildung werden hier virtuos gehandhabt. Die „Notizhefte“ erlauben es dem Leser, den Autor beim Gespräch mit dessen Vertrauten aus der Geistesgeschichte zu belauschen. Er erwischt sie in dem Augenblick, da sie sich unbeobachtet glauben und ihre Leidenschaften unverstellt äußern. Es sind dies – und das erhöht das Vergnügen in diesem Fall – Leidenschaften des Denkens und des Formulierens.
Dem Leser erschließen Ritters Notizen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution; sie führen ihn auf Trampelpfade, Schleichwege und rasch stellt er, stellt sie fest, dass er mit Ritter rascher vorankommt als mit mancher Monographie, die ihn auf Avenuen locken will. Hier geht es nicht ums Gepränge, sondern ums Unerledigte. Ritter nutzt die Motive alteuropäischen Denkens für die Selbstverständigung über die „Berliner Republik“.
Das Buch beginnt mit einer Frage: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Nach der Lektüre dieses Buches weiß man, dass es unmoralisch ist, sich intellektuell keine Mühe zu geben, sich mit Vorgestanztem zu bescheiden. Gut, dass es dieses Buch gibt – es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.“

Barbara Conrad: Lew Tolstoi, Krieg und Frieden:
„„Geduld und Zeit“ brauchte Kutusow, nach Tolstois Worten, um Napoleon zu schlagen. Geduld und Zeit hat auch Barbara Conrad gebraucht. Ihre Neuübersetzung von „Krieg und Frieden“ ist eine enorme Leistung an Energie und Ausdauer. Sie ist überdies ein Meisterwerk der Sprachkunst und übertrifft, nach Meinung der Jury, alle ihre Vorgänger. Wo diese gern Passagen kürzten, lange Satzperioden aufteilten, das Französische eindeutschten, immer nach der schönsten Entsprechung suchten, bleibt Barbara Conrad ganz nah beim Geist des Originals. Das Ergebnis ist kein geglätteter, polierter Tolstoi, sondern ein Rohdiamant, wie ihn der Schriftsteller selbst herstellen wollte, jenseits aller künstlichen Eleganz. Es ist Tolstoi in all seiner „Knorrigkeit“, wie sie von den Zeitgenossen etwas verwundert konstatiert wurde. Barbara Conrads Tolstoi ist kein Konsumgut geworden, er bleibt eine Herausforderung, die Lektüre eine Ozeanüberquerung, Flauten und Stürme inbegriffen, keine schnelle, lustige Flussfahrt. „Tolstois Prosa hält Schritt mit unserem Puls“, hat Nabokov einmal gesagt. Jetzt können auch wir deutschen Leser nachvollziehen, was er gemeint hat. Dafür erhält Barbara Conrad den Preis der Leipziger Buchmesse für Übersetzung.“

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