Reinhard Kaiser erhielt Wilhelm Merton-Preis für europäische Übersetzungen

Reinhard Kaiser (l.) nimmt den Merton-Preis
von Rüdiger Volhard entgegen

Gestern Abend wurde im Kaisersaal des Frankfurter Römers im Rahmen einer Festveranstaltung zum vierten Mal seit 2001 der Wilhelm Merton-Preis für europäische Übersetzungen verliehen.

In seiner Begrüßung konnte der Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, Prof. Dr. Felix Semmelroth u.a. auch eine Preisträgerin des Jahres 2007, Grete Osterwald, die gemeinsam mit Eva Moldenauer den Preis vor vier Jahren entgegen nahm, willkommen heißen.

Felix Semmelroth bezog sich zunächst auf den amerikanischen Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, der vor allem das literarische Werk William Shakespeares in seiner historischen Entstehung und im Spiegel der Gegenwart untersuchte. Worte verändern ihre Bedeutung im Laufe der Zeit und werden fremder, je ferner sie zurückliegen. Gleichzeitig geht davon eine Faszination aus. „Worte täuschen wie falsche Freunde“, zitierte der Kulturdezernent den Preisträger Reinhard Kaiser. Dabei heißt übersetzen nicht kopieren, verwies Felix Semmelroth auf den Übersetzer August Wilhelm Schlegel.

„Es braucht Menschen wie Reinhard Kaiser, die ausgeprägte Kenntnisse der Kulturgeschichte mit dem entsprechenden Gespür für den Text verbinden“, lobte der Stadtrat, „nur so wird das Übersetzen zu einer Meisterdisziplin“. Außerdem sei Courage notwendig, um durch das Wortdickicht zu dringen und dennoch nichts von der Ursprünglichkeit zu zerstören. In diesem Sinne hat Reinhard Kaiser den Simplicissimus erschlossen und möglicherweise gerettet und die damalige radikale Gegenwart des Werkes für uns bewahrt.

Das Übersetzungswerk Reinhard Kaisers ist ungeheuer vielfältig und schließt alle Gattungen ein.

In seiner Laudatio ging Dr. Uwe Wittstock, Literaturchef des Nachrichtenmagazins Focus, auf die Schwierigkeit verständlicher Sprache ein. So muss der Übersetzer den Text nicht nur verstehen, sondern übertragen und vergessen lassen, dass es dabei möglicherweise Probleme gab. Reinhard Kaiser liefert Antworten, denn er ist nicht nur Übersetzer, sondern auch Übersetzungstheoretiker. Eine seiner Theorien lautet, dass die Kenntnis der eigenen Sprache wichtiger ist als die der zu übertragenden. Es geht nicht darum zu wissen, sondern wissen zu wollen ist die Voraussetzung, so formuliert Reinhard Kaiser, für die Übersetzung. Auch die ständige sprachliche Selbstprüfung und ihre Beziehung zur Welt sind für den Übersetzer wichtig, er muss nahe am Leben des Autors sein, nicht nur dessen Sprache, sondern dessen Welt erforschen. Übersetzer sind wie Schauspieler, sie müssen vorhandenen Texten zu neuem Leben verhelfen. Damit wird Übersetzen zur Kunstübung, zum Neuschöpfen.

Bei der Übergabe des mit 25.000 Euro dotierten und von der Gontard & MetallBank Stiftung gesponserten Preises wollte Dr. Rüdiger Volhard „keine Eulen nach Athen tragen“ und nochmals die vielen Verdienste des seit mehr als drei Jahrzehnten in Frankfurt lebenden und arbeitenden Preisträgers Reinhard Kaiser aufzählen. Rüdiger Volhard verlas also lediglich die Urkunde und überreichte sie zusammen mit dem Scheck.

Zu Beginn seiner Dankesrede erinnerte der Geehrte an die Worte des Merton-Preisträgers 2004, Bernd Schwibs, der nach der Verleihung „schwebe“ – so ein bisschen gehe es ihm, Reinhard Kaiser, nun auch.

Er freute sich, dass so viele Kollegen aus der Zunft des Heiligen Hieronymus anwesend waren, darunter viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Eichborn Verlags. Fast alle Gattungen habe er bisher übersetzt – außer Lyrik, das sei nicht sein Ding.

Reinhard Kaiser bezeichnete es als besondere Ehre, die Auszeichnung in diesem Saal entgegen nehmen zu dürfen. Der Preis bedeute für ihn eine lang anhaltende Ermutigung für die weitere Arbeit. Das Geld soll in Zeit umgemünzt werden und der Arbeit zugute kommen.

Allerdings müsse eine optische Täuschung dieser feierlichen Stunde aufgeklärt werden. Die Würdigung eines Einzelnen stellt dabei die Mitwirkung vieler bei der Entstehung eines Werkes in den Schatten; der Übersetzer ist auf taugliche Originale angewiesen und auf die Chance, die Übersetzung auch zustande bringen zu können.

Reinhard Kaiser dankte vielen, die ihn bei seiner über 30jährigen Arbeit in Frankfurt, der Bücher- und Verlagsstadt, begleiteten und Anteil daran hatten, darunter Hans-Martin Lohmann, Friedhelm Herborth, Markus Michel, Günter Busch, Ursula Scherf, Franz Greno, Klaus und Ida Schöffling, Heiner Boehncke, Michael Bischoff, dem Eichborn-Team, dass auch nach seinem Umzug nach Berlin den Autoren des Hauses erhalten bleiben möge, und seiner Frau Victoria.

Zwei seiner Übersetzungsbeispiele schloss Reinhard Kaiser an und las eine Passage aus dem Simplicissimus über die Vorstellungen Grimmelshausens von Europa – es handle sich ja um den Preis für europäische Übersetzungen.

Diesem Vortrag folgte ein amüsanter Text aus On the shoulders of giants von Robert K. Merton über die Unwägbarkeiten bei Übersetzungen.

JF

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