Siegfried Unseld-Preis heute an Bruno Latour verliehen

Raimund Fellinger, Bruno Latour,
Ulla Unseld-Berkewicz

Im Festsaal der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main wurde heute zum dritten Mal der Siegfried Unseld-Preis verliehen.

Bruno Latour, der herausragende französische Soziologe, Philosoph und Kulturanthropologe konnte ihn im Rahmen eines Festaktes entgegen nehmen.

Raimund Fellinger begrüßte die zahlreichen Gäste und wies auf das denkwürdige Datum hin – heute wäre Siegfried Unseld 84 Jahre alt geworden.
Ziel des Preises ist es, Wissenschaft und Kunst zu fördern. Dabei legte gerade Siegfried Unseld Wert darauf, dass Autoren dieser Fachgebiete ein besonderes Verhältnis zur Sprache haben.

Über den diesjährigen Preisträger nach Peter Handke (2004) und Inger Christensen (2006) – der Preis wird alle zwei Jahre vergeben – sagte Raimund Fellinger, Bruno Latour ist nicht mehr und nicht weniger als ein Verfassungsgeber. Er machte klar, dass die strikte Trennung von Natur und Gesellschaft nicht länger aufrecht zu erhalten sei.
Mit der wachsenden Zahl an Hybridobjekten vermehre sich auch die Anzahl neuer Möglichkeiten. So legte Bruno Latour den Grundstock für eine Moderne jenseits der Moderne.

Peter Sloterdijk schränkte seine Wahl als Laudator gleich zu Beginn ein. Bruno Latour hat ein gutes Dutzend wichtiger Bücher und Hunderte von Aufsätzen vorgelegt. Wer aber könne behaupten, alles zu kennen? Dem gegenüber prädestiniere ihn eine Sympathie für Bruno Latour von der ersten Begegnung an.

Peter Sloterdijks erste Überschrift der Laudatio war: Der Mann, der die Wissenschaften liebt. Bruno Latour suchte nach den Bedingungen eines neuen Enzyklopädismus. Auf die Anfänge allumfassenden Denkens verweisend, formulierte er: „Diderot wäre heute Latourianer“.
Andererseits wollte er eine Art Latour-Saga anmahnen, denn bereits seit 1797 sind die Latours als Weinbauern im Burgund auffindbar. Diese Herkunft begleite wohl auch Leben und Werk von Bruno Latour – er, Sloterdijk, finde einen primären Burgundismus in Latours Schriften.

Das große Verdienst Latours ist es, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Natur mit Hilfe von Assoziationsketten niederzureißen. Kein Zweifel: Bruno Latour ist ein Pionier der Wissenschaftsforschung mit einer Haltung von aufsässiger Loyalität in der Tradition von Deleuze und Platon.

Besonders legte er den Zuhörern Latours Buch „Parlament der Dinge“ ans Herz, es konnte im Anschluss an den Festakt an ausgewählte Eingeladene ausgegeben werden.

Zum Schluss seiner Laudatio stellte Peter Sloterdijk fest, dass der heutige Tag ein guter Tag im Sinne Siegfried Unselds, des Begründers dieses Preises, für die Wissenschaftsforschung und schließlich für die deutsch-französischen Beziehungen sei.

Bruno Latour bedankte sich in seiner Rede für die Ehre. „Während meines Philosophiestudiums warnten mich die Universitätsprofessoren, ich werde es nie zu etwas bringen, da ich nicht Deutsch lesen könne, die Sprache der Philosophie“, begann er. Umso mehr freut es ihn heute, diesen Preis zu erhalten.
Im Weiteren dankte er auch Gustav Roßler für die Übersetzung seiner Texte ins Deutsche.

Schon früh überwand Latour den Widerstreit von „Wissen“ und „Glauben“ und ersetzte diese beiden mythischen Terme durch zwei Reihen empirisch fassbarer Übersetzungsketten, die sich entlang zweier unterschiedlicher Regime ausbreiten: immutable mobiles.
Weiter sagte er: „Diese vollständige Trennung zwischen dem, was ich tat (eine realistische Beschreibung der Fähigkeit wissenschaftlicher Netzwerke, Objektivität hervorzubringen), und dem, wessen man mich bezichtigte (eine Entlarvung der Ansprüche der Wissenschaft, zur objektiven Welt der Tatsachen vorzudringen), wurde für mich bald … zu einer phantastischen Gelegenheit, um zu erforschen, was ich in der Zwischenzeit als ’symmetrische Anthropologie der Modernen‘ definiert hatte. Wenn … diejenigen, die die Welt der Wissenschaft verteidigen, einen solchen Abgrund sehen zwischen dem, was nach ihrer Meinung Wissenschaft ist, und dem, was ich … in dem florierenden Forschungsfeld der ’science studies‘ als Wissenschaft beobachte, dann ist es nicht verwunderlich, dass die ‚Modernisierungsfront‘ … sich nur sehr schwer positiv definieren kann. Es muss etwas zutiefst Fehlerhaftes – und dementsprechend auch äußerst Interessantes – darin liegen, wie die Modernen ihre so genannten universellen Werte definieren, verteidigen und projektieren.“

Bruno Latour schloss mit den Worten: „Ich hatte immer diesen seltsamen Traum, für die zeitgenössischen Kulturen zu leisten, was auf den Parthenonskulpturen für das Panathenische Fest geleistet worden war: eine Prozession, eine Theorie – keine Kritik – der verschiedenen Existenzweisen, jede in ihrer eigenen inkommensurablen und doch vollständig respektierten Wahrheitsbedingung.“

JF

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