"Thalia bricht nachweislich eine wesentliche Bestimmung des Preisbindungsgessetzes" Beckmann fordert: „Börsenverein muss handeln“

Die Welt hatte am Samstag Gerhard Beckmann zur Zusammenarbeit Thalia Mayersche und Osiander interviewt. Da der Link zu dem Interview auf eine Paywall führt, haben wir unseren Kolumnisten noch einmal zu seiner Meinung befragt – und er wettert:

Gerhard Beckmann

Jetzt MUSS der Börsenverein des Deutschen Buchhandels HANDELN. Er muss die Novellierung des Preisbindungsgesetzes betreiben. Denn nun ist es Fakt: ein unbestreitbarer, bezeugter, dokumentierter, öffentlich weit verbreiteter Fakt. Ein Verleger hat ihn diesen Fakt in einer öffentlich-rechtlichen Fernsehsendung offen gelegt: Thalia fordert „bis 60 Prozent“ an Rabatt und Konditionen. Das stellt eine eklatante Verletzung des Buchpreisbindungsgesetzes dar.

Matthias Koeffler ist in  einem Beitrag der sozialen Medien als erster darauf aufmerksam geworden. Er hat es auch in seinem Informations-Service Langendorfs Dienst mitgeteilt. Der Börsenverein und die Branche haben nicht reagiert. Man hat offenbar auch nicht weiter recherchiert. Vorgestern hat der Feuilleton-Redakteur Marc Reichwein die Meldung dann prominent auf der Nachrichtenseite der „Literarischen Welt“ und auf „Welt“-Online publiziert, nachdem ich über verlässliche Schweizer Quellen den genauen Inhalt der betreffenden Fernseh-Sendung erfahren hatte und Marc Reichwein die von mir gemachten Angaben nach eigenen Recherchen betätigt fand. Trotzdem dauert das offizielle Schweigen der Branche und der Branchenorgane an.

Deshalb veröffentliche ich hier  jetzt den Link zu der Schweizer Fernsehsendung, in der der Kein & Aber-Verleger Peter Haag seine Aussage gemacht hat – damit alle deutschen SortimeinterInnen,Barsortimenter, Verlage und Mitglieder des Börsenvereins sich selbst genau informieren können und wissen:

Thalia bricht nachweislich eine wesentliche Bestimmung des Preisbindungsgessetzes.

Und:

Für den Börsenverein gibt es nun keine Alternative mehr: Er muss sich bei der Politk für die Novellierung des Gesetzessparaphen 6b engagieren.

Mein Offener Brief auf der unabhängigen Online-Zeitschrift CrimeCultureMag ist von Tausenden gelesen und von anderen Medien aufgegriffen worden. So viele Anrufe habe ich lang nicht mehr bekommen. Und sie haben erneut  gezeigt: Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, es hat nur niemand namentlich konkret offen benennen wollen, dass Thalia von Verlagen Rabatte und Konditionen fordert, die weit über das vom BuchPreisbindungsgesetz gesetzte Limit von 50 Prozent – illegale Rabatte also.

Was jeder weiß und keiner genau wissen will

„Das können Sie getrost schreiben“, hat mir ein Verlagsleiter im Ruhestand versichert, „Selbst auf dem Lande, wo ich nun lebe, sogar hier, wo sich Füchse und Hasen Gutnacht sagen, hat  jeder, der in engerem Kontakt mit der Buchbranche steht, es irgendwie mitbekommen, dass Thalia nicht die gültigen Regeln einhält.“

„Es ist kaum zu glauben“,schimpfte ein Kreativer aus der mittleren Führungsebene eines Konzernverlages, „überall wird über maßlose Konditionsforderungen von Seiten Amazons und der Großfilialisten,  vor allem aber von der immer größeren und raffgierigen Thalia gejammert.  Aber wie hoch sie wirklich sind, wissen nur die Chefs. Ein Geschäftgeheimnis, behaupten sie. Darüber dürfe eben nicht offen gesprochen werden.“

Und sie steigen – und steigen. Nach Sortimenter- und Vertreterinformationen ist es so – wenn eine Buchhandlung von der Mayerschen oder von Osiander übernommen wurde, wurden für deren Einkäufe dann von den Verlagen die höheren Konditionen des Filialisten eingefordert; als die Mayersche mit Thalia fusionierte, galten für deren Umsätze mit den Verlagen die Rabatte für Thalia; das Gleiche gilt jetzt für die Osiander-Vertriebs-Gesellschaft, deren Anteile mehrheitlich der Thalia gehören. Und, jawohl, so bin ich informiert worden, weil das Gesamtvolumen der Thalia gewachsen ist, hat der Konzern von Verlagen höhere Thalia-Rabatte und -konditionen verlangt  – deren genaue Höhe auf Verlangen der Thalia auch wieder verschwiegen werden musste.

Können Verlage die hohen neuen Thalia-Rabatte wirtschaftlich noch verkraften?

Sie hat einen Level erreicht, der für den Verlag Kein & Aber wirtschaftlich offenbar nicht mehr darstellbar ist. Deshalb hat Peter Haag öffentlich, in einer Fernsehsendung des Nahrichtenmagazins „10 vor 10“ vom 26. November 2020 , gegen Thalia Protest eingelegt – als erster Verleger des deutschen Sprachraums  –   die illegalen Forderungen des Großfilialisten genannt. Brauchen wir mehr als dieses auch insgesamt aufschlussreiche Interview mit Peter Haag als Beleg? 

 

Kommentare (1)
  1. Große Ketten brauchen einfach 55-60 % Rabatt.

    entscheidend ist letztendlich der Abgabe-Nettopreis abzüglich der Vertriebskosten und der Vertreterprovisionen.

    Als Beispiel ein Titel mit VK 25 Euro,
    Buchhandlung A kauft eine Partie mit 40 %,
    Thalia 1.000 Exemplare mit 60 %.
    Die Buchhandlung zahlt 140.19 Euro für 11 Exemplare, minus Lagerung, Logistik und Transport (ca. 27 Euro) und Vertreter (8 %), dem Verlag verbleiben pro Exemplar 9.27 Euro.
    Thalia kauft den gleichen Titel zentral mit 60 %.
    Dem Verlag verbleiben nun immerhin 9.35 Euro. E
    Eine Rechnung für 1000 Exemplare zu schreiben kosten eben nicht mehr als eine Rechnung für 10 Exemplare.
    Mit den Rabattforderungen haben die großen nicht ganz Unrecht. Das Problem steckt in der Sortimentseinschränkung, Konzentration auf immer weniger Titel und immer weniger Sortimentsbereiche. Bekannt wurde das „No Art“ bei großen Filialisten im Ausland. Auf einem Mal war die Marktmacht von 30-50 % gewachsen, und ganze Sortimente wurden ausgeklammert.
    Fazit, 55-60% bei vernünftiger Zentralbestellung und Logistikentlastung sind ok. Aber die Ketten müssen deutlich ihr Sortiment erweitern. Und Finger weg von zuviel Nonbook und bloß keine Eigenproduktionen.

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