Thomas Bez auf dem 1. Branchenparlament zur Preisbindung

Umbreit-Chef Thomas Bez hat auf dem erste Branchenparlament des Börsenvereins zum Thema Preisbindung gesprochen [mehr…] – buchmarkt.de hat jetzt die Rede zu für die ganze Branche so wichtigen Thema erhalten:

Hier der Wortlaut:

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

nachdem eine Verlegerin und ein Buchhändler über die Preisbindung gesprochen haben, darf ich es nun noch aus der Sicht des Zwischenbuchhandels tun. Ich möchte aber gleich hinzufügen, dass es sich um eine sehr persönliche Sichtweise handelt.

Was hat der Zwischenbuchhandel mit der Preisbindung zu tun? Vielleicht mehr als Sie denken: Wie keine andere Sparte lebt der Zwischenbuchhandel von der und für die Preisbindung. Ohne die Rationalisierungsinstrumente der Kommissionäre, ohne das Hintergrundlager der Barsortimente, hätte die Preisbindung in Deutschland ihre Ziele nicht so effektiv erreicht, jedes lieferbare deutschsprachige Buch, an jedem Ort in Deutschland, in der Regel über Nacht liefern bzw. zu vertretbaren Kosten gebündelt besorgen zu können. Der Zwischenbuchhandel steht aber nicht nur für die Vielfalt der buchhändlerischen Landschaft, sondern er lebt auch davon. Ohne die Vielfalt der Titel, ohne eine Vielzahl von Verlagen und Buchhandlungen werden seine Funktionen überflüssig: Wenige große Verlage können mit wenigen großen Buchhandlungen sehr wohl direkt verkehren, das zeigen uns andere Branchen und das zeigt uns das Ausland, in dem es keine Preisbindung (mehr) gibt. In der Regel gibt es dort keinen mit Deutschland vergleichbaren Zwischenbuchhandel in allen seinen Ausprägungen.

Mit dem Fall der Preisbindung würde sich die Konzentration weiter beschleunigen. Welche Auswirkungen die Konzentration auf den Zwischenbuchhandel hat, haben wir erlebt, als große Verlage ihre Auslieferungen für Fremdverlage geöffnet haben und mit der vertikalen Konzentration begannen, als einzelne Ketten und Internetbuchhändler ihre Zentralläger beim Zwischenbuchhandel abzogen haben, und wir erleben, dass der Konditionenwettbewerb nicht nur bei den Verlagsauslieferungen, sondern auch bei den Barsortimenten immer mehr an Schärfe zunimmt. „Deutlich weniger Kunden will jedoch niemand. Fakt ist, dass jeder Umsatz, der vom kleinen Sortimenter zum Filialisten abwandert, höher konditioniert werden muss und somit unsere Handelsspanne reduziert.“ (Oliver Voerster im Börsenblatt-Streitgespräch auf der Buchmesse, abgedruckt unter der Überschrift „Sorglos abhängig“ im Börsenblatt 42/2007, S. 16).

Lassen Sie mich einen kleinen Ausflug in die Geschichte machen, denn aus der Geschichte kann man lernen – wenn man will:

Die Preisbindung für Markenartikel ist 1973 gefallen, weil sie von innen heraus ausgehöhlt worden ist. Nachfragemächtige Einzelhandelsketten und -konzerne mussten wegen der „Preisbindung der letzten Hand“ ihre Einkaufsvorteile nicht an die Verbraucher weitergeben und erlangten auf diese Weise ein Instrument zur inneren Finanzierung ihrer Expansion, das mit den ursprünglichen Zwecken der Preisbindung nicht vereinbar war. Die Überproduktion und der Kampf um Marktanteile eröffneten graue Märkte und damit begannen die Auflösungserscheinungen der Preisbindung für Markenartikel, bis der Gesetzgeber die Konsequenz daraus gezogen hat (GWB-Novelle 1973).

Nun haben wir auf den Buchhändlertagen 2006 in Berlin und beim Ganske-Jubiläum dieses Jahr in Hamburg gehört, wie Herr Lammert zitierte, dass der Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht. Wer die sich überschlagenden Meldungen über Fusionen, Übernahmen und Schließungen von Buchhandlungen verfolgt, erinnert sich nicht nur an die Berichterstattung vor 35 Jahren über die letzte Periode der Markenartikelpreisbindung, sondern versteht auch, warum Politiker immer mehr glauben müssen, dass die Branche nicht wirklich mehr hinter ihrer Preisbindung steht. Da kursieren Briefe, in denen Großabnehmer ihre Nachfragemacht Punkt für Punkt spezifizieren, da gibt es Vorgaben für Einkäufer, die denen der Discounter gleichen („Im Einkauf liegt der Gewinn“), da werden Dachmarken konstruiert und Standorte verteilt, als ob es keinen mittelständischen, unabhängigen Buchhandel mehr gäbe bzw. geben dürfe. Aber gerade diese Form des Buchhandels vor Ort soll die Buchpreisbindung schützen und damit auch die Vielfalt der Verlage und der Titel erhalten. Herstellung und Vertrieb von Verlagserzeugnissen darf nicht nur den Gesetzen des Marktes unterworfen werden, wenn wir Buchhandel als „Kulturwirtschaft“ betreiben wollen.

Als die Buchpreisbindung noch zusammen mit den anderen Verlagserzeugnissen im GWB geregelt war, hatten wir einen Paragrafen, der für alle Preisbinder galt und ihnen die Diskriminierung und Behinderung von Abnehmern verbot. Jetzt bezieht sich § 20 GWB nur noch auf Unternehmen, die ihre Preise nach § 30 GWB binden, also auf Verlage, die Zeitungen und Zeitschriften herausgeben. Im Buchpreisbindungsgesetz hat man sehr spät als Ersatz für diese Regelung den § 6 eingeführt:
§ 6 Abs. 1 regelt die Rabatt- bzw. Konditionenspreizung, indem er verbietet, dass Konditionen allein nach der Umsatzhöhe festgelegt werden, denn dann haben wir eben gerade den Effekt, der vor dem Fall der Markenartikelpreisbindung erzielt worden ist: Die Preisbindung wird von innen heraus ausgehöhlt.

§ 6 Abs. 2 will verhindern, dass die buchhändlerischen Nebenmärkte besser behandelt werden als der Fachhandel für Bücher, der für Beratung, Besorgung und kulturelle Veranstaltungen steht.

§ 6 Abs. 3 soll zum einen verhindern, dass der dreistufige Absatz gegenüber dem zweistufigen Absatz diskriminiert wird, d. h. dass der Gesetzgeber auf die Hintergrundlagerfunktion der Barsortimente im Rahmen der Preisbindung setzt. Gleichzeitig soll aber dieser Paragraf dafür sorgen, dass es eine Obergrenze bei der Konditionenfestlegung gibt, die nach der Spruchpraxis des Bundeskartellamt bei 50 % für den Bucheinzelhandel lag. Diese Grenze war so nicht in ein Gesetz zu übernehmen, deshalb hat man eine relative Grenze gefunden: Die Konditionen für den Bucheinzelhandel dürfen nicht höher sein als für den Buchgroßhandel. Daraus wurde schnell die abfällige Bemerkung, § 6 Abs. 3 des Buchpreisbindungsgesetzes enthalte eine „Meistbegünstigungsklausel“ für Barsortimente.

Über alle drei Absätze dieses Paragrafen kann man streiten und das tun wir ja nach wie vor. Alle Versuche beim Bundeskartellamt innere Regeln für die Preisbindung anzumelden, um zu verhindern, dass sie ausgehöhlt wird, sind leider gescheitert, alle Rufe von Propheten in der Wüste verhallt:

Gerhard Beckmann hat im Sommer eine BuchMarkt-Serie über die Entwicklung des (Groß-)Buchhandels in Australien geschrieben [mehr…]. Seine Artikel lesen sich wie die „lettres persanes“ von Montesquieu, aber ich glaube, dass nicht mehr alle Leser des „BuchMarkt“ wissen, welche Bedeutung die „lettres persanes“ für die französische Revolution hatten, deshalb haben manche diese Serie wohl eher feuilletonistisch zur Kenntnis genommen und nicht als eine deutliche und vielleicht letzte Mahnung.

Darauf bezugnehmend fordert Jochen Jung („Attacke! Und nun?“ Börsenblatt online, 20.09.2007) „mehr Solidarität der Verlage untereinander“, weil er glaubt, dass die „Solidarität der Ketten, des Barsortiments und der Verlage nicht zu haben“ sei. Diese Solidarität hätte bei mancher Auseinandersetzung um Konditionen verbunden mit einer (angedrohten) Auslistung geprobt werden können, aber ich erinnere mich nicht, dass sich irgendein Verlag öffentlich mit betroffenen Verlagen solidarisch erklärt hat.

Last but not least darf ich an meine BuchMarkt-Serie vom Frühjahr 2006 erinnern, in der ich Verlage darauf hingewiesen habe, dass es im Vertrieb wie beim Autofahren drei Pedale gibt: Gas, Bremse und Kupplung und dass deren Bedienung nicht beliebig und schon gar nicht gleichzeitig möglich ist.

Um es ganz deutlich zu sagen – und das sind Sie von mir vielleicht nicht gewohnt – ich befürchte, dass immer noch viele unter uns glauben, es sei fünf vor zwölf, aber möglicherweise haben Sie nur einfach das Klingen des Weckers überhört, denn schon morgen könnte es fünf nach zwölf sein.

Dieses erste Branchenparlament ist die richtige Runde, mutig und offen darüber zu reden, ob wir einfach so weitermachen können und dürfen oder uns ehrlich eingestehen müssen, dass manche bereits mehr als nur Pläne in der Schublade haben, wie es am Tag danach (nach dem Fall der Preisbindung) weitergehen soll. Dass Buchhandel auch ohne Preisbindung funktioniert, sehen wir in vielen angelsächsischen Ländern, aber wir sehen auch, wie er dort funktioniert. Zu meiner Studienzeit war die „Amerikanisierung des Buchhandels“ ein Schimpfwort. Möglicherweise ist sie heute in Deutschland „salonfähig“ geworden. Wir haben uns ja auch in anderen Wirtschaftszweigen an Monokulturen gewöhnt und finden die Vielfalt nur noch in Naturschutzgebieten. Wenn wir die Preisbindung durch eigene Schuld verlieren, sind wir „jenseits von Eden“. Monokulturen lassen sich eben nur sehr schwer „rekultivieren“.

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