Die Sucht der Sammler

Gefährliche Liebschaften
„Sammeln Sie irgendetwas?“ lautete die Frage einer Emnid-Studie, drei von vier

Objekte der Sammler-Begierde
Auswahl Winfried Geisenheyner

Deutschen antworteten mit „Ja“. Ob Kugelschreiber, Stofftiere, Münzen, Schallplatten, Postkarten, Briefmarken oder Bücher, hiermit ist es offiziell bestätigt: Der Mensch ist und bleibt Jäger und Sammler.

Meine Tante sammelte mit großer Leidenschaft „Das lustige Taschenbuch“ – sehr zu meiner Freude, denn als Kind waren Donald & Co. treue Begleiter meines Alltags. So sehr, dass ich mich gedankenverloren auf der Schulbank fragte, warum Donald eigentlich nur ein Hemd trägt und keine Hose, nach dem Duschen aber stets sittsam bekleidet mit einem Handtuch um die Hüften die Türe öffnet. Kurz: Die Comics mit den vielen hübschen Zeichnungen waren mir liebe Begleiter. Heute, mit herangereiftem Wissen und Verstand, kann ich mich für bunte Bilder vergangener Zeiten noch immer begeistern und die Sammelleidenschaft allgemein und besonders die der Kinderbuchfans mehr als nur nachvollziehen.

Die Sammlerleidenschaft erwacht…
… oft aus nostalgischen Gründen. „Zumindest ist das bei Kinderbüchern so“, meint Winfried Geisenheyner, Inhaber des gleichnamigen Antiquariats in Münster, das sich thematisch unter anderem auf „das alte Kinderbuch vor 1945“ spezialisiert hat. „Viele Erstsammler suchen Kinder- oder Bilderbücher ihrer Jugend. Bei der Beschäftigung mit diesen Büchern und beim Lesen der Antiquariatskataloge werden dann oft Bezüge deutlich, die diese Sammler interessant finden und anfangen in einer bestimmten Richtung zu sammeln.“

Und hält man erst einmal das lang ersehnte und gesuchte Buch wieder in den Händen, ist sie dahin, die Contenance, und es wird der nächste Titel gesucht. Bis schließlich Kataloge durchblättert, Regale angeschafft und das ZVAB schon morgens um 5:00 Uhr nach Neuzugängen durchsucht wird. Denn dort findet das Sammlerherz gleiche eine Vielzahl an Katalogen verschiedenster Antiquariate, was die Suche erleichtert allerdings auch das Jagdfieber antreibt – jemand könnte ja einen Mausklick schneller sein und das Buch vor der Nase wegschnappen.

Das Antiquariat …
… bleibt auch weiterhin eine der wichtigsten Quellen für Liebhaber. Ob alte Märchenbücher, politische Kinderbücher, kunstvoll verzierte Exemplare verschiedenster Epochen oder Originalschriften berühmter Dichter und Denker; die Vielfalt und der Ideenreichtum bei Kinderbüchern begeistern nicht nur Kenner.

Wer könnte es den Sammlern also verübeln, dass man bei ihnen zu Hause keinen Platz auf dem Sessel, der Couch und manchmal nicht mal mehr auf dem Boden findet, da sich dort Stapel von gebundenem Papier in den schönsten Formen lagern?

Wer jemals ein altes Kinderbuch aus vergangenen Zeiten in den Händen hielt, kann bestätigen: Diese Bücher haben einen ganz eigenen Reiz. Oftmals mit Liebe illustriert, gebunden und verziert ist jedes Aufschlagen einer Seite die Entdeckung einer ganzen Welt. Die meisten davon sind schon vor vielen Jahrzehnten durch die erste Kinderhand gegangen, vielleicht war es auch Großmutters schwielige, faltige Hand, die beim Vorlesen die Seiten blätterte.

Suchtpotentiale
Freud, selbst Sammler diverser Skarabäen, Ringe und Statuetten, hielt das Sammeln für eine Ersatzbefriedigung unerfüllter sexueller Wünsche. Ich glaube: Sammeln macht höchstens ein bisschen süchtig. Und führt im allerschlimmsten Fall dazu, dass man sich hilfesuchend ans ZVAB wendet, und darum bittet, jegliche Neubestellung zu ignorieren. (Man munkelt, die Geschichte basiere tatsächlich auf wahren Begebenheiten. Ob dem tatsächlich so ist, bleibt jedoch im Nebel des Ungewissen). Im wahrscheinlichsten Fall beginnt mit einem Kinderbuch als Geschenk an sich selbst oder zu Festen wie Geburtstag oder Weihnachten einfach nur eine neue Liebe, die den bunten Zauber alter Zeiten wieder lebendig werden lässt.
SAM

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