Gebrauchtbuchhandel – zwischen Risiko und Reingewinn

„Gebrauchtbücher sind doch widerlich“, spuckt User ‚Schlachtbeil’ auf www.heise.de in die Kommentartorenrunde zur Meldung „Gebrauchte Bücher sind im Internet gefragt“ http://www.heise.de/newsticker/meldung/79078. Die Virengefahr, die von einem Gebrauchtbuch ausginge, sei einfach zu groß. Aus nicht ganz den gleichen Gründen fürchtet auch Vito von Eichborn gebrauchte Bücher und schreibt im Spiegel Special 07/2006 von einer „Bedrohung für die gesamte Buchbranche“: Autoren, Verlage und Buchhändler gingen beim Handel mit gebrauchten Büchern leer aus, meint von Eichborn.

Ohne Zweifel: Der Gebrauchtbuchhandel boomt. Besonders der Privathandel floriert.

Einmal gelesen, verschachern viele Leser quasi verkaufsneue Exemplare aktueller Titel auf ebay, amazon oder anderen Plattformen, auf denen der Privathandel erlaubt ist – und gefährden so wahrhaftig die Branche. Denn an einem noch lieferbaren Gebrauchtbuch verdient tatsächlich niemand mehr.

Gift und Gegengift

Was tun? Den Weiterverkauf verbieten? Wie sollte das gehen? Neue Bücher billiger machen? Und wo bleibt dann die Wirtschaftlichkeit? Neben den neuen auch alte Bücher verkaufen? Zumindest dieser Vorschlag wurde schon einmal versuchsweise umgesetzt. In Berlin startete Hugendubel ein Pilotprojekt und stampfte dies bald wieder ein: Aufgetürmt neben neuen Ausgaben eignen sich gebrauchte Bücher nicht zum Verkauf. „Der Gebrauchtbuchmarkt funktioniert nur, wenn man was gezielt sucht. Dafür gibt es das Internet“, bestätigt Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer der Tübinger Buchhandlung Osiander.

Tatsächlich machte der Online-Handel laut Börsenverein im vergangenen Jahr ein Plus von rund 25 Prozent. Anzunehmen, dass sich diese Zahl noch steigern wird, wenn man bedenkt, dass nicht nur neue, sondern vor allem die viel gefragten Gebrauchtbücher online gehandelt werden. Es bedarf also Innovationen, um nicht nur mitzuhalten, sondern zu gewinnen.

Ein Licht im Dunkeln

Unter den Tisch fielen bei der heftigen Debatte ums gebrauchte Buch bislang die möglichen Chancen, die sich dem Handel damit bieten. Titel, die über die üblichen Vertriebswege nicht mehr erhältlich sind, gefährden die Branche nicht – sie verhelfen ihr sogar zu einem zusätzlichen Verdienst. Die Rede ist von vergriffenen, antiquarischen Büchern. Als Teil des Gebrauchtbuchmarktes nehmen sie in der hitzigen Diskussion eine klare Sonderposition ein. Der Handel mit vergriffenen oder besonders alten oder wertvollen antiquarischen Büchern kann durchaus auch eine Chance für die Branche darstellen, die leider bislang nur wenige nutzen. Bislang wird der Kunden in den Buchhandlungen vor allem mit Titeln umworben, die gerade aktuell im Gespräch sind. Eine wichtige Einnahmequelle, sicher. Doch bleiben die wahren Buchliebhaber oftmals auf der Strecke. Sammler, die an einer besonderen Ausgabe oder einem signierten Exemplar interessiert sind, müssen gar nicht erst die Schwelle einer Buchhandlung betreten oder sich an den Verlag wenden. Wissenschaftler, die auf der Suche nach einer längst vergriffenen Ausgabe sind, Geschenke-Jäger, die eine besondere Jubiläumsausgabe suchen – Ihnen allen bleibt normalerweise nur die selbstständige Suche über das Internet. Dabei ließe sich leicht eine Win-Win-Situation herstellen: Der Kunde profitiert vom Fachwissen des Buchhändlers, der Buchhändler von der Vermittlung lang gesuchter alter Bücher. Solche Modelle existieren bereits, wenngleich sie erst mit der zunehmenden Nachfrage nach alten Büchern immer mehr ins öffentliche Bewusstsein dringen.

Das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher www.zvab.com stellte zur letzten Messe das neu gestaltete Buchhändlerprogramm „Antiquaria“ vor, das als ebensolche Schnittstelle zwischen Buchsuchenden mit außergewöhnlichen Ansprüchen und der Buchhandlung funktioniert. „Wir bestellen über Antiquaria 30 bis 50 Bücher am Tag beim ZVAB“, berichtet Riethmüller. Ein willkommenes Zusatzgeschäft für den Buchhändler, da er auf antiquaria.com eine feste prozentuale Gewinnspanne und Portokosten auf den eigentlichen Verkaufspreis schlagen kann, ohne dass die Kunden dies einsehen können.

Gebrauchtbuch ist also nicht Gebrauchtbuch. Und nicht alle gebrauchten Bücher sind eine Gefahr für die Branche. Vielmehr bieten alte, vergriffene Bücher eine Chance, Kunden durch Zusatzservice und Qualität zu binden – und dabei noch zu verdienen.
SAM

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