AWS-Arbeitstagung beendet: Harscher Wettbewerb bei kollegialer Stimmung / Bilder von der Tagung

Als Wenke Richter diesen Satz sagte, herrschte einen Moment Schockstarre im Auditorium der Arbeitstagung der Wissenschaftlichen Sortiments und Fachbuchhandlungen (AWS): „Wissenschaftler schätzen es, dass sie bei Amazon ihr Buch innerhalb von 24 Stunden bekommen“, lobte sie in Ihrem Vortrag unter dem Titel Benötigen Wissenschaftler in Zukunft noch Verlage und Buchhändler?.

Dass der Buchhandel sogar unter bestimmten Umständen innerhalb von bis zu 15 Stunden liefern und sogar noch zusätzliche Dienstleistungen oben drauf setzen kann, hatte die junge Wissenschaftsautorin und damit auch potenzielle Kundin nicht auf dem Schirm.
Am Ende der Tagung, die in diesem Jahr in Bremen stattfand, wertete Thomas Wich, von der Sack Mediengruppe die Bedeutung dieser Aussage: „Der Buchhandel hat eindeutig ein Darstellungsproblem.“

Doch eigentlich ging es auf der Tagung nicht um Print-Bücher. Im Zentrum des Streitpunkts: Der Verteilungskampf im Geschäft mit E-Books und Datenbanken stellt die Statik der Grundpfeiler in der bisherigen Aufgabenverteilung zwischen Verlagen und Buchhandlungen auf eine starke Belastungsprobe.

Welche Konsequenz dies hat, wurde auf der Arbeitstagung in den unterschiedlichsten Facetten deutlich. Und so war die Überschrift der Tagung die konstruktive Formulierung dessen, was nicht nur den Fachbuchhandel umtreibt und was er sucht: „Allianzen für den Handel“. Seit Jahren schon treffen sich nicht nur Buchhändler auf dieser renommierten Veranstaltung, auch Verlagsmitarbeiter und Dienstleister sind als Gäste dabei. Und deshalb nutzte Dorothea Redeker, Organisatorin der Tagung, geschickt die Chance zu zahlreichen Themen, die zum Dialog führen sollten.

Während am Rande der Veranstaltungen fröhlich kollegiale Stimmung herrschte und auch das Rahmenprogramm in Worpswede für gute Stimmung sorgte, ging es im Konferenzraum zur Sache. Und bevor es um konkrete Projekte zur Zusammenarbeit ging, kamen erst einmal die Probleme auf den Tisch. Nicht nur dass der E-Buch-Markt unter den Mitbewerbern der Fachbuchhandlungen im Aufteilungskampf steht. Zunehmend streiten nun auch die Direktvertriebe der Verlage, Aggregatoren und neuerdings auch Konsortien der Bibliotheken um die Umsätze. Und dass es etwas zu verteilen gibt, bestätigte zum Beispiel Vertriebsleiter Michael Lechler: 60 Prozent des Umsatzes mache Springer mit E-Books, sagte er. Dafür ist vor allem der Bibliotheksmarkt relevant.

„Wir werden unseren Direktvertrieb nicht aufgeben, denn dort wo wir direkt vertreiben, verkauft dann auch der Buchhandel besser“, sagte Dr. Sven Fund, Geschäftsführer bei De Gruyter auf der Podiumsdiskussion unter dem Titel „Digitale Welt – Ende oder Beginn einer neuen Partnerschaft von Unternehmen und wie sich ihre Rolle entwickeln wird“ den Buchhändlern.

Doch der Direktvertrieb ist nicht das einzige Sorgenkind der Fachbuchhändler. Derzeit versuchen Bibliothekskonsortien Anteile am Geschäft zu übernehmen. Als Einkaufsgemeinschaften wollen sie zunehmend mit den großen Verlagen unter Umgehung des Buchhandels direkt verhandeln. Sollte sich diese Praxis durchsetzen, bliebe für den Buchhandel nur das kostenintensive Bestellgeschäft mit den kleinen Anbietern von Fachinformationen.

„Wenn betriebswirtschaftlich interessante Pakete weggehen, müssen wir unseren Kunden sagen, dass der Rest zu anderen Konditionen zu beziehen ist“, sagte Anne Bein, Geschäftsführerin bei Swets an die Adresse der Bibliotheken. Eine Vertreterin saß in Person von Dr. Hildegard Schäffler, zuständig für die elektronischen Angebote in der Bayerischen Staatsbibliothek, auf dem Podium. In ihrem Vortrag hatte sie zuvor die „Bibliotheksansichten zur Rolle des Zwischenhandels im digitalen Zeitalter“ geschildert.

„Wir sind dann bereit, Dienstleistungen zu bezahlen, wenn wir sie benötigen“, sagt Schäffler und verteidigte auch das Open Access. „Es geht um ein verbessertes Zweitveröffentlichungsrecht für Zeitschriften. Das sind Forderungen, die in eine Welt vorausblicken, wie man in Zukunft wissenschaftlich arbeiten will“, so die Bibliothekarin.

Nicht wenige vermuteten neue politische Rahmenbedingungen hinter dem Aufstreben der Bibliotheksverbünde als neuer Wettbewerber im Markt. „Die politischen Rahmenbedingen werden uns alle treffen, wenn wir da keine Lobbyarbeit machen“, sagte Philipp Neie, Geschäftsführer bei Schweitzer Fachinformationen in einer Wortmeldung. Ein Mitglied aus dem HBZ-Konsortium versicherte, dass es keine Politik gebe, den Handel draußen zu halten, allerdings versuchte er in seiner Argumentation die entgehenden Umsätze zu marginalisieren. Deutlich kritisiert wurde in diesem Zusammenhang das mangelnde Engagement des Börsenvereins, in dieser Situation zu vermitteln und zu wenig Lobbyarbeit für die Leistungen des (Fach-)Buchhandels zu machen.

Aus der Sicht von Fund seien allerdings politische Diskussionen zu langwierig, davon könne man sich keine Vorteile erhoffen, sagte er und beschrieb die neue Konkurrenzsituation ungeschminkt: „Im Zweifel muss ich in Zukunft mit meinen Inhalten gegen den Service von Swets konkurrieren.“ Allerdings stellte auch er fest: „Wir arbeiten nicht mit dem Buchhandel zusammen, weil wir die Kollegen nett finden, sondern weil wir ihn brauchen.“ Und Neie brachte das am Ende so auf den Punkt: „Die Funktion des Handels ist notwendig, egal wer sie ausübt. Wer sie am ökonomischten gestalten kann, wird sie behalten“, forderte aber auch: „Der Mehrwert muss anerkannt und bezahlt werden.“

Wie stark es an Kommunikation innerhalb der Branche mangelt und warum Lobbbyarbeit so wichtig ist, zeigten die beiden Vorträge von Alexander Graff, zuständig für Bibliotheken in Wirtschaftsunternehmen bei Schweitzer Fachinformationen und Branka Felba, Geschäftsführerin von Missing Link, die Forschungseinrichtungen und Universitätsbibliotheken beliefert. Beide berichteten für Sortimenter bekanntes aus der täglichen buchhändlerischen Besorgungsarbeit für die Ausleihen. Beide lösten dabei auf Seiten so manchen Verlages durchaus Aha-Effekte aus. „Wie machen wir den Wert des Handlings von E-Books deutlich?“, fragte Graff und überlegte laut: „Vielleicht setzt sich der Preis pro E-Book-Titel für Bibliotheken in Zukunft aus Content plus Handling zusammen.“

Dass zu den Leistungen des Handels auch die Einrichtung attraktiver Buchhandlungen gehört, zeigten Kristina Schäfer und Reinhard Mann von New Store Europe, die das neue Ladenkonzept der von Thomas Wich geleiteten Düsseldorfer Filiale der Sack-Mediengruppe realisiert haben. Sie beschrieben das neue Lebensgefühl in einer Fachbuchhandlung. „Die Hauptfunktion für einen Laden mit überwiegendem Bestellgeschäft ist Repräsentation, deshalb gilt es, den Verkaufsraum zum Servicezentrum zu machen“, beschrieb Innenarchitektin Schäfer das Konzept für die Fachbuchhandlung der Zukunft.

Am Schluss wurden weitere Kooperationsmodelle vorgestellt, wie die neue Elektronische Vorschau SARA, die Springer in Zusammenarbeit mit Lehmanns Media und auf der Basis der Technologie von Newbooks entwickelt hat (wie berichtet [mehr…] ). „Wir wollten nicht den Vertreterbesuch abschaffen“, versichert Lehmanns-Leiter Detlef Büttner, „man spart Zeit beim Bestellen, die man beim Vertretergespräch in den Ausbau der Zusammenarbeit stecken kann.“ Auch der Wareneingang gehe schneller, mit Hilfe eines Bestellzeichen könne jede Anlieferung gleich an die richtige Stelle geschleust werden, verspricht er sich von der neuen Funktion. (Siehe auch unser Interview [mehr…].)Bereits nach der Tagung kam es zu weiteren Gesprächen.

Internationaler Gast war dieses Mal Matt Supko, Technology Director der American Booksellers Assiciation (ABA). Er stellte ein Webseiten-Konzept vor, mit dem unabhängige Buchhandlungen gegen die großen Anbieter wettbewerbesfähig werden. Es basiert auf der Datenbank von Google ebooks. Mit den Inhalten dieser Plattform hat die ABA nun eine Shopkonzept geschaffen, mit der unabhängige Buchhandlungen E-Book-Stores im eigenen Look and Feel gestalten können und dies bereits ausgiebig nutzen. „Der Markt ist noch so klein, dass ich noch gute Chancen für den unabhängigen Buchhandel im E-Book-Geschäft sehe“, so Supko.

Der Wettbewerb stellt die jahrzehntelange Kollegialität auf den Prüftand. „Wir brauchen eine offene Kommunikation in der Wertschöpfungskette“, sagte Anne Bein und forderte mehr Selbstbewusstsein beim Handel. Mit einem ungewöhnlichem Vorschlag zeigte sie, dass es jetzt gilt querzudenken: „Warum sollten nicht auch Mitbewerber im Handel in bestimmten Bereichen kooperieren?“, fragte sie.

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