Amazon etabliert sich als Heimat der Autoren und wird damit endgültig zum Verleger: Amazon Connect gestartet

Kleine Meldung, große Wirkung: Ohne besonderes Aufheben und das übliche Pressegeklingel hat das Web-Warenhaus Amazon http://www.amazon.com in den USA den Dienst Amazon Connect, einen Weblog für Autoren eingerichtet. Noch sind die Autoren Blogs nicht über die eigentliche Startseite von Amazon auffindbar – offensichtlich ist das Unterfangen viel zu früh an die Öffentlichkeit gedrungen und fand sich dann in der New York Times http://www.nytimes.com/2005/12/27/books/27blog.html (Registierung nötig) wieder. Wer trotzdem sehen und lesen möchte, wie das gute Dutzend Autoren, welches sich im Moment an Amazon Connect beteiligt, sich und seine Werke dort präsentiert, klickt hier: http://www.amazon.com/gp/blog/id/A3JZTPVXXIUPTJ/ oder hier: http://www.amazon.com/gp/pdp/profile/A111II4DW75POI/.

Auf den ersten Blick ist das natürlich nichts Besonderes. Weblogs und Blogs, Online-Tagebücher mit unterschiedlichem Informationsgehalt und unterschiedlichst gut geschrieben, haben im Web eine lange Tradition und es gibt zu Hauf. Längst betreiben auch renommierte Häuser, wie Die Zeit http://www.zeit.de oder der Stern http://www.stern.de Blogs, wobei es ursprünglich um das ungefilterte Publizieren ging und es immer wieder Blogs gab, wie während des Irak-Krieges, die subjektive Informationen aus erster Hand lieferten. Einen guten Überblick über die Bloger-Szene liefert das Buch BLOGS! aus dem Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de.

Beim näheren Betrachten von Amazon Connect, das ähnlich angelegt ist wie, eines der Web-Freundschafts-, Dating- oder Social-Netzwerke (z.B. Orkut von Google), wird allerdings offenbar, was das Schlitzohr und Amazon-Gründer Jeff Bezos beabsichtigt: Den Autoren und Autorinnen eine Heimat zu bieten – also die klassische Aufgabe eines jeden Verlages -, die ihnen gleichzeitig als Interaktions- (mit Lesern, Kritikern, anderen Autoren usw.) und Verkaufsplattform (Leser, Kunden) dienen kann. Wer auf einer Amazon Connect Blog-Site unter „Search“ das Klappfensterchen öffnet, wird bemerken, dass er „People“ suchen kann – die bisher fehlende Erweiterung des Amazon-Netzwerkes. Warum dort nicht „Author“ steht, deutet an, in welche Richtung es geht: Es gibt auch Musiker, Spieleentwickler, Programmierer, Schmuck-Designer usw., deren Produkte bei Amazon verkauft werden – warum nicht auch für sie eine Bloger-Site einrichten? In Kombination mit dem Kurzgeschichten-Service Amazon Short, dem Buch-Digitalisierungs-Projekt Search Inside the Book und dem im April 2005 übernommenen amerikanischen BoD-Unternehmen BookSurge LLC http://www.booksurge.com, dürfen wir uns getrost ausmalen, bei wem die Autoren zukünftig nicht nur relevanten Themen finden, sondern auch gleich ihre Bücher verlegen werden. Hinzu kommt die auf der amerikanischen Amazon Website eingebettete hauseigene Suchmaschine A9.com http://a9.com, die, sobald Amazon keine Treffer auf eine Suche ausweisen kann, die Anfrage ins Web übernimmt und so den Nutzer im Amazon-Netzwerk hält.

Das alles kommt nicht von ungefähr. Niemand hat im Web, wenn es um Bücher geht, ein breiteres Angebot und eine größere Audience. Gerade erst hat Amazon das erfolgreichste Weihnachtsgeschäft seit Bestehen des Unternehmens bekannt gegeben, zielstrebig wurde und wird das Angebot Amazons mit einer Produktpalette nach der anderen erweitert. Und niemand hat sich (alleine an Amazon Web Services http://www.amazon.de/exec/obidos/tg/browse/-/3516041/ref=cs_ln_h_3_0/028-3063789-806533 nehmen inzwischen über 90 000 Entwickler teil) tiefer in die Web-Community und ihre nicht leicht zu erringende Wahrnehmung hineingewebt als Amazon. Vielleicht mit Ausnahme von Google http://www.google.com, Yahoo http://www.yahoo.de und E-Bay http://www.ebay.de.

Dem gegenüber steht nicht nur in Deutschland eine Verlagslandschaft, die sich immer tiefer in die Abhängigkeit gegenüber Amazon gleiten ließ – für viele Verlage ist Amazon inzwischen der größte, wenn auch nicht der beste Kunde. Gleichzeitig kümmerten sich die Verlage nicht nur viel zu spät um das Web, dass wäre mit Arbeit und Fleiß wett zu machen gewesen. Sondern sie beschäftigen sich nach wie vor viel zu wenig damit, eigene Inhalte, Themen, Geschichten und Projekte beizusteuern, damit es überhaupt so etwas wie eine relevante Wahrnehmbarkeit der verlegerischen und publizistischen Interessen innerhalb des Webs gäbe.

Belanglose Scheingefechte, wie das Börsenvereins-Projekt Volltextsuche online [mehr…], das im Jahr 2010 gerade mal 100 000 Bücher digital im Web vorrätig halten soll, lauwarmes Herumgekrittel an Googles Print/Book Search http://books.google.com lenken vom eigentlichen Problem ab: Zu wem werden die Erwachsenen von morgen im Web gehen, um sich über Bücher zu informieren oder sie zu kaufen? 96% aller Jugendlichen zwischen 12 – 19 Jahren in Deutschland haben einen Computer zu Hause, 85% mit Internetzugang. Das Web ist für diese Generation Alltag, wichtiger als Fernsehen, „connectivity“ erste Prämisse.
Mancher wird sagen, Amazon ist nicht mehr einzuholen, die Marke zu tief verankert, die jahrelange Erfahrung nicht nachholbar. Das kann stimmen, muss es aber nicht. Tatsache ist: Vor 11 Jahren kannte kein Mensch Amazon, denn es gab Amazon noch gar nicht. Wie leicht es ist, eine Website nachzubauen, die irgendwie an Amazon erinnert, hat Lesen.de http://www.lesen.de erfolgreich vorgemacht. Und wenn die Verlage eines können, dann in langfristigen Zyklen zu denken und damit auch schwierigen Autoren über Jahrzehnte hinweg zu editieren, betreuen und durchzusetzen. Eine außergewöhnliche Fähigkeit, auf die zu besinnen es sich wert wäre. Der Rest ist auch im Jahr 2006 nichts weiter als Arbeit.

STEFAN BECHT stefan@stefanbecht.de

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