Wir wollen einen Beleg sehen! – Eine Umfrage zum Umgang mit OnlineRedaktionen

Am 19. und 20. Januar treffen sich die Pressesprecher der der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) in Berlin. Im Mittelpunkt steht die Arbeit mit Online-Redaktionen [mehr…]. BuchMarkt-Mitarbeiter Harald Kiesel hat sich bei Verlagen umgehört, welche Erfahren sie gesammelt haben.

Im Internet sind in den letzten Jahren zigtausende neue Portale, auch Buch-Magazine oder Literaturseiten entstanden. Viele von ihnen veröffentlichen Literaturbesprechungen oder Buch-Tipps und ordern fleißig Rezensionsexemplare. BuchMarkt hat sich in den Pressestellen umgehört, was es damit auf sich hat.

Ein „wichtiges Thema”, meint Klaus Holoch (Pressesprecher B.I. & F.A.Brockhaus), schließlich sei der Bereich „enorm gewachsen”, „Da stechen Sie ja in ein Wespennest!”, findet Andrea Deyerling-Baier (Pressechefin Gerstenberg), ihr Haus versuche gerade mühsam herauszufinden, wie „Aufwand und Nutzen” in ein vernünftiges Verhältnis gebracht werden können.

Die Leiterin Presse der Aufbau Verlagsgruppe Barbara Stang gesteht, dass die Bedeutung der Online-Portale für die eigene Arbeit wachse, schon jetzt erreichten den Verlag im Schnitt bis zu zehn Online-Rezensionen pro Tag, es existiere bereits ein eigener „Auswertungsdienst”. Und Dr. Renate Grubert (Pressechefin cbj/omnibus der Random House KJL-Verlage), stellt eine „teilweise Umverlagerung des Rezensionswesens fest – weg von den Printmedien hin zum Internet”.

Spannendes Thema? Wespennest? BuchMarkt hat also nachgefragt: Welche Bedeutung haben Online-Portale für die Pressearbeit der Verlage? Nach welchen Kriterien werden Internet-Redaktionen bedient? Wie viele Rezensionsexemplare fließen in diese „Kanäle”? Arbeiten die Portale zielgruppengerecht und inhaltlich ambitioniert?

Eine grundsätzliche Frage ist: Wie lässt sich bewerten, ob sich jemand „bloß als Hobby” mit Büchern und einem Internetportal beschäftigt und dies dennoch sachkundig und quasi-professionell tut oder ob es eben dilettantisch und inhaltlich „flach” passiert. „Wenn jemand ordentlich rezensiert und uns seine Belege schickt, dann bleibt er auch im Verteiler”, sagt Holoch. Einzige Bedingung: „Wir wollen einen Beleg sehen!” Ansonsten würden alle Journalisten gleich behandelt, auch die im Internet, ein „Internet-Schnorrer” aber, der nichts mit den Büchern mache, der fliege „ganz schnell wieder raus”.

Generell findet es Holoch „toll, dass es Onlineportale gibt, die sich mit verschiedenen Schwerpunktthemen beschäftigen”. Das eröffne zum Teil „ganz neue Chancen für die Pressearbeit”. Wenn jemand ein Weinportal betreibe, kriege er „natürlich auch den Wein-Brockhaus”, und für ein Gesundheitsportal gibt es den „Gesundheits-Brockhaus”. Der Verlag nutze diese Portale als Publikations- und PR-Tool und initiiere auch gezielt Gewinnspiele.

Die Anzahl der Leser oder visits dieser Portale seien „nicht primär wichtig”, selbst wenn man nur kleine Zielgruppen erreiche, habe man „dafür aber eine fast 100-prozentige Trefferquote”. Denn auf diesen Seiten würden ja Menschen surfen, die sich genau für diese angebotenen Themen interessierten. „Der Streuverlust bei special interest-Angeboten geht also gegen Null.” Auch insofern sei diese Online-Welt „eine zusätzliche Herausforderung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter”.

Auch für Martin Spieles (Pressechef der S. Fischer Verlage), gibt es keinen Grund, Publizität im Internet von vornherein gering zu achten: „Wir versuchen, in jedem Fall – egal ob es sich nun um ein Printmagazin, einen freien Radiosender oder eine Internet-Website handelt – uns ein Bild davon zu machen, ob das Medium für uns als Partner interessant ist.” Meist lasse sich nicht allgemein sagen, ob nun diese oder jene Redaktion Rezensionsexemplare erhalten soll, das werde „immer im Einzelfall” geprüft. Jedenfalls gebe es in seinem Haus „zunächst eine prinzipielle Offenheit” und dann eine „pragmatische und plausible Entscheidung”, denn selbstverständlich kann auch S. Fischer nicht alle Wünsche erfüllen. Zum Beispiel gebe es im Web auch „kleine, aber hoch engagierte Literaturwebseiten, die uns regelmäßig über ihre Berichterstattung informieren, so dass wir uns ein Bild machen können und ein gutes Gefühl haben”, sagt Spieles.

Für Barbara Stang erfolgen Bewertung und Belieferung der Internet-Redaktionen nach der Qualität der Rezensionen. Für die Registrierung im Adressverzeichnis gibt es einen speziellen Pool Internet- bzw. Onlineredaktionen. Der Anteil an Rezensionsexemplaren für diesen Bereich wachse, findet Stang, die Kollegen seien „nicht bescheiden”. Mitgeliefert werden elektronische Cover sowie Autorenbilder. Als Kriterien für die Bestückung gelten auch hier: Qualität der Rezensionen, Bedeutung des Redakteurs (Juror?, V.I.P.? etc.), persönliche Kontakte. Schnorrer würden aber rasch herausgefiltert, sicherlich versuchten es einige („wie übrigens bei normalen Anfragen auch…”), weitere Anfragen würden dann einfach ignoriert.

Der Campus Verlag arbeitet nach Auskunft von Miriam Schulte, die sich speziell auch um Online-PR kümmert, bereits seit Jahren erfolgreich mit Online-Redaktionen zusammen, vorzugsweise mit jenen, die hohe Zugriffsstatistiken ausweisen wie Portale großer Printmedien. Grundsätzlich gelte, „wir prüfen jedes Online-Portal, bevor wir Rezensionsexemplare verschicken.” Dabei werde „auf Seriosität und Nähe zu unseren Themen” geachtet. Die Erfolgsquote sei mit der im konventionellen Print-Bereich vergleichbar. Im Fall von Tim Renners Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm” habe der Verlag gute Erfahrungen mit einer Agentur gemacht, die speziell Online-Szenemagazine bedient hat, „so dass der Titel dort flächendeckend platziert werden konnte”.

Für Renate Grubert von cbj gibt es besonders im Fantasy-Bereich „hervorragend arbeitende und betreute Portale”, für die Schnelligkeit und flächendeckende Information „selbstverständlich” seien. Der große Vorteil des Internets ist doch, dass hier „keine Anschläge und Zeilen gezählt” würden, Rezensenten könnten also „tatsächlich sagen, was es zu einem Titel zu sagen gibt und dürfen dies eloquent begründen”. So beobachte man in ihrem Hause neue Portale generell eine Weile und frage auch die Zugriffe ab.

„Der ganze Online-Kinderbuch-Rezensionsbereich erscheint mir noch sehr unübersichtlich”, findet Andrea Deyerling-Baier von Gerstenberg. Viele Online-Redaktionen bzw. freie Online-Journalisten würden zwar eifrig bestellen, rezensierten auch, aber die Wirkung sei bisher nicht messbar.

Bei Journalisten, die ansonsten Rezensionen in größeren Medien veröffentlichen, sei man großzügiger als bei jenen, die hin und wieder kleine Buchtipps in Amtsblättern schreiben. Vielleicht könne der „fröhliche Weiterverkauf” über Amazon ja so ein wenig eingeschränkt werden.

Und dann weiß sie noch folgende Anekdote: „Hugendubel hatte ein Bilderbuch kulanterweise ohne Bon zurückgenommen und beim Einsortieren ins Regal festgestellt, dass noch ein Rezensionsexemplars-Lieferschein für einen freien Journalisten drin lag. Das war Pech…”

Laut Britta Korte, Presse, arsEdition, sind die ihr bekannten Kinder und Jugendbuchportale durchweg alle äußerst ambitioniert, aber „eklatante Unterschiede” gebe es in „der zielgruppengerechten Ansprache”. Nicht jeder Lehrer sei eben auch ein guter Rezensent und vor allem Webdesigner. „Natürlich informieren wir uns über visits, clicks & co. Aber auch ausführliche Besprechungen sind uns ein Rezensionsexemplar wert. Kurzum: wir erwarten mehr als das Abschreiben des Klappentextes und des Impressums”.

Vielleicht beschäftigt die Kinderbuchverlage dieses Thema besonders stark, weil viele Pädagogen Zeit haben, ausgiebig zu surfen, wer weiß, jedenfalls hat sich die AG Kommunikation in der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (AvJ) des Themas Internet speziell angenommen. Die Pressesprecher der Verlage tauschen sich auch regelmäßig über „gute” und „schlechte” Seiten aus.

Tomas Rensing, Presse und Marketing bei Coppenrath, ahnt, dass die große Gründerzeit der Online-Portale vorbei sei, generell würden es diese „im Vergleich zu den Printmedien immer schwerer haben, die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten”. Bei vielen Anbietern stelle sich zudem die Frage, wer diese Seiten besuche. Unterscheiden müsse man, ob es sich um eine Homepage handelt, die in enger Kooperation mit einem Printmedium stehe oder privat betrieben werde.

Bei den Online-Portalen der Printmedien sei man „schnell bereit, Rezensionsexemplare zu verschicken oder Gewinnspiele zu unterstützen”. Bei Anfragen von Privatpersonen dagegen reagiere er zunächst mit neugieriger Skepsis. Meine Frage sei immer, so Rensing: „Wie erfährt der User von dieser Seite?” Nicht selten gebe es dann mit den betreffenden Personen Telefongespräche oder Treffen auf der Buchmesse.

Bei der Beurteilung sind Professionalität und Engagement oder die Auffindbarkeit auf den Seiten über Suchmaschinen wichtige Kriterien, ob Cover abgebildet und bibliografische Angaben platziert werden oder dass das Buch nicht in einer Flut von Büchern untergeht. Generell gelte, „dass wir nach einem Erstkontakt immer nur eine Auswahl an Büchern schicken. Schnell lässt sich dann erkennen, wie groß das Engagement ist und ob wir informiert werden, wenn die Bücher online gestellt wurden.”

Und dann weiß er noch diese Anekdote: Einmal habe er auf der Buchmesse eine Dame getroffen, die völlig begeistert vom Coppenrath-Programm sprach und eine größere Auswahl Bücher bestellte. Nach der Messe habe er sich die Homepage angeschaut und gedacht, das sei ja ziemlich „homemade”, wohl eher ein Privatvergnügen. Trotzdem schickte er drei Bücher, weil ihm die Frau einen engagierten Eindruck machte. Nicht verraten hatte sie, dass sie auch für eine Fachzeitschrift schreibt – wenige Monate später erschienen Besprechungen der Bücher auch dort. Gern erzähle er diese Geschichte weiter, um zu zeigen, dass man jeder Anfrage eine gewisse Bedeutung beimessen sollte…

Die Übergänge können also in jeder Hinsicht ziemlich fließend sein. Das beweist auch der wohl populärste Ort für subjektive Urteile über Literatur und Rezensionen im Internet: amazon.de. Da finden sich handgestrickte spontane Leseeindrücke ebenso wie die Texte der Top 50-Rezensenten. Und die nehmen nicht nur Verlage, sondern auch die Kunden ernst. Immerhin sind es überwiegend engagierte und kompetente Schreiber. Auch wenn nicht jeder zum Kolumnisten werden kann, wie der Möbelverkäufer Alexander Dengler, der 2002 von „BILD am Sonntag” als „Deutschlands beliebtester Kritiker” ausgerufen wurde und seither eine wöchentliche Buchkolumne im Millionenblatt füllt.
Harald Kiesel

Internetportale (Auswahl)

www.perlentaucher.de
www.amazon.de
www.berliner-literaturkritik.de
www.berlinerzimmer.de
www.krimi-couch.de
www.hoerspiele.de
www.literaturcafe.de
www.literaturnetz.com
www.literaturtipp.com
www.wein.de
www.kjl-online
www.kinderbuch-couch.de
www.hoppsala.de
www.literaturtipp.de
www.buecherkinder.de
www.garten-literatur.de
www.familien-welt.de

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