Wie sieht für Sie die Buchhandlung der Zukunft aus? Fünf Ladenbauer haben für BuchMarkt ihre Visionen skizziert

Stephan Brübach

Stephan Brübach, Geschäftsführer Brübach GmbH & Co. KG: Der Verkaufsraum wird zum dritten Ort

Wie sieht für Sie die Buchhandlung der Zukunft aus?
• Mehr Selbstbedienung, weniger Verkäufer.
• Gefragt sind Dekorationen zu bestimmten Themen und Events (z.B. „Herr der Ringe“, Olympia).
• Mehr Shop in Shop-Lösungen, d. h. Verlagsmöbel werden, wie im Bekleidungsbereich, an Bedeutung zunehmen.
• SNS (Store Navigation System) wird Einzug halten, d.h. der Kunde kann im Eingangsbereich erfahren, ob und wo seine gewünschte Ware zu finden ist.
• Mehr neue Medien (Hörbuch, DVDs).
• Einkauf muss noch mehr Erlebnis werden, die Elemente werden verstärkt, so können Brunnen oder Aquarien atmosphärische Sinnesfänger werden, in Amerika fahren bereits Achterbahnen in Shoppingcentern.
• Buchhandlungen richten sich nach einzelnen Bevölkerungsschichten aus, so werden speziell konservative Kunden angesprochen oder der MA-Laden für den Smart-Shopper gebaut.

Wie kann ein Raum für den Kunden spannend gemacht werden?
• Der Kunde muss stets etwas Neues entdecken. So können komplette Abteilungen zu bestimmten Events dekoriert werden, von der Olympiade bis hin zur Bundestagswahl oder Rentenreform.
• Neben Farben und Materialien werden sich ständig verändernde Elemente Einzug halten, z. B. dynamisches Licht, das Farbe und Intensität ändert, ein Brunnen, in dem Wasser sprudelt, ein Kamin, in dem Feuer brennt.
• Der Relaxing-Faktor kann gesteigert werden, kleine Cafés und Bistroecken können die Kunden zum Verweilen animieren.
• Der Verkaufsraum wird immer mehr zum dritten Ort, neben Arbeit und Zuhause.

Welchen Fehlern begegnen Sie am häufigsten?
• Bei der Regallierung wird zu wenig Spannung erzeugt. Alles nur Rücken-an-Rücken-Präsentation oder – was auch falsch ist – alles frontal. Abwechslung ist hier wichtig, um durch die richtige Präsentation die Sichtweise des Kunden zu lenken.
• Ordnung ist das halbe Leben, keine Weisheit von Spießern, sondern nötiges Kriterium für professionellen Verkauf. In vielen Buchhandlungen ist es einfach zu unordentlich.
• Häufig keine offenen Eingangsbereiche, Barrieren werden nicht abgebaut, Schwellenängste beim Kunden erzeugt.
• Die Beleuchtung ist entweder zu dunkel oder gleißend hell, das Licht flackert oder der Kunde wird geblendet.
• Die Warenbeschriftung ist nicht eindeutig verstehbar oder fehlt komplett.
• Schlecht ausgebildetes Personal.
Welche bestehende Buchhandlung kommt Ihrer Buchhandlung der Zukunft am nächsten?
• Habel, Krefeld
• Thalia, Erlangen
• Jäggi, Thun
• Lehmanns, Berlin, Haus Hardenberg
• Das neue Konzept von Bertelsmann (Der Club), in vielen Städten bereits realisiert.

Dominikus Gehrigk

Dominikus Gehrigk, Vertriebsleitung Trend natur: Es kommt auf die Persönlichkeit des Buchhändlers an

Wie sieht für Sie die Buchhandlung der Zukunft aus?
Individuell – und so, dass die Buchhändlerin und der Buchhändler sich mit ihr identifizieren können. Sie sind erster Ansprechpartner und müssen ihre Individualität als Charakterzug in die Buchhandlung bringen. Dann fühlen sich Buchhändler/in und Kunde wohl, die beste Voraussetzung zur Kundenbindung.
Es gibt unendlich viele Konzepte, und das Ziel ist es, verschiedene Voraussetzungen wie die Persönlichkeit, Architektur, Lage, Verkaufskriterien und das Kundenverhalten bestmöglich aufeinander abzustimmen.

Wie kann ein Raum für den Kunden spannend gemacht werden?
Hier gibt es ebenso viele Register, die man ziehen kann. Maßgeblich hierfür ist aber die Architektur, z.B. eine alte Mauer, die hinter/ zwischen den Bücherregalen sichtbar bleibt, oder die Grundstruktur der Räume, z.B. eine markante Schrägstellung einer Wand, die wieder in die Buchpräsentation aufgenommen werden kann.
Bei geometrisch „einfachen“ Räumen kann auch eine eigene Struktur/Form in die Regalabwicklung gebracht werden. So können lange gerade Wände aufgebrochen und interessant gestaltet werden. Um fließende Wege zu schaffen, arbeiten wir teilweise mit Feng Shui-Beratern zusammen.
Mit Hilfe des Lichts ist auch viel möglich, z.B. hebt sich eine indirekte Beleuchtung als Grundlicht gut von den gewöhnlich eingesetzten abgehängten Pendelleuchten oder Downlights ab. Die Buchhandlung bekommt einen ganz anderen (ruhigen, atmosphärischen) Charakter.

Welchen Fehlern begegnen Sie am häufigsten?
• Oft sind zu viele Bücher auf zu engem Raum (lieber nach dem Motto: „weniger ist mehr“ und dann gut präsentiert).
• Schlechte Außenwerbung: Beschilderung, Licht, Schaufenster. Beschilderung sollte nach Möglichkeit quer zur Kundenfrequenz verlaufen, damit sie schon von weitem sichtbar ist. Die Beleuchtungsstärke wird oft zu gering gewählt, das Geschäft sieht dann tagsüber wie geschlossen aus. Hingegen kann abends und bei Lesungen eine schwächere Beleuchtung gemütliche Atmosphäre ausstrahlen.
• Es sollte ein barrierefreier Eingang (ohne Stufen) vorhanden sein. Für Behinderte, ältere Menschen und Mütter mit Kinderwagen sind Stufen ein großes Hindernis, aber auch für jeden anderen Kunden ist eine Treppe ein unterbewusstes Hindernis, die Buchhandlung zu betreten.

Welche bestehende Buchhandlung kommt Ihrer Buchhandlung der Zukunft am nächsten?
Die Buchhandlung Glas in Marktoberdorf, Ile de Ré in Trier oder der Bücherwurm Uhde in Grimma sind solche Individualisten. Alle drei sind durch intensive Zusammenarbeit mit der Buchhändlerin entstanden. Und ich denke, so zukunftsfähig, dass sie auch noch in 10+x Jahren aktuell und interessant sind. Das von uns verwendete Material Massivholz gewinnt an Charakter mit zunehmendem Alter und wird nicht unansehnlich durch abgeplatzte Kanten.
Bei der Buchhandlung Glas wurde bei der Vergrößerung auf 240 qm zu 90 Prozent die alte Trend-Einrichtung verwendet. Die Buchhandlung Ile de Ré in Trier hat alte Einrichtungselemente aus dem vorherigen Bekleidungsgeschäft in den neuen Laden integriert. Das vorhandene Sichtmauerwerk wurde erhalten und in die Gestaltung einbezogen.

Lutz Rippin

Lutz Rippin, Geschäftsführer United Shop Design: Die Einrichtung muss auf neue Trends reagieren

Wie sieht für Sie die Buchhandlung der Zukunft aus?
• Stärker strukturiert: Die Sortimente werden durch unterschiedliche Optiken von Möblierung und evtl. Bodenbelag für den Kunden leichter erfassbar. Zur Zeit werden sämtliche Bereiche in einem durchgehenden Regalsystem mit gleicher Optik gezeigt. Außerdem ist oft jede Nische passgenau ausgefüllt. Es wir in Zukunft wichtig sein, die Möbel auf die Ware abzustimmen. Durch Dekopoints und Freiräume werden Kunden eher angesprochen und finden leichter Orientierung.
• Flexibler: Den ständigen Veränderungen im Kaufverhalten der Kunden muss man positiv und schnell begegnen. Auch die Einrichtung muss sich immer wieder neuen Trends anpassen lassen und in Platzierung und Bestückung veränderbar sein.
• Heller ausgeleuchtet: Die Beleuchtungsstärke wird unabhängig vom Standort weiter zunehmen. Spots sorgen für eine Akzentuierung und ein Hervorheben der Ware von der Grundbeleuchtung.
• Verkauf von Zusatzprodukten: Schon jetzt werden in manchen Buchhandlungen Weine, Bilder, Schreibwaren u.a. verkauft. Denkbar sind aber auch Musik-CDs, Kinderspielzeug, Textilien u.v.m. Die Kompetenz kann durch Shop in Shop-Partner hergestellt werden.
• Weniger Bücher auf mehr Fläche – wichtiger ist es, Atmosphäre zu schaffen und Kompetenz zu zeigen.
• Hochwertiger: Die Einrichtung einer Buchhandlung sollte sich der Wertigkeit der Artikel anpassen.

Wie kann ein Raum für den Kunden spannend gemacht werden?
• Dekopoints mit häufig wechselnden Themen, z.B. kann die Reiseliteratur mit der Aktion „Land des Monats“ aufgewertet und interessant gemacht werden.
• Wer Hörbücher oder Audio-CDs anbietet, sollte seinen Kunden mit Hörstationen die Prüfung dieses Angebots ermöglichen.

Welchen Fehlern begegnen Sie am häufigsten?
• Ständerwald: Mit „gutgemeinten“ Präsentern der Verlage ist fast jede Buchhandlung ausgestattet. Diese sind immer zu hoch, nehmen dem Kunden die Übersicht und den Blick auf andere interessante Artikel. Die Fläche der meisten Geschäfte bietet keinen Platz für Ständer.
• Die vorhandene Beleuchtung ist zu dunkel und wird nicht den Veränderungen des modernen Kundenverhaltens und des Sortiments angepasst.

Welche bestehende Buchhandlung kommt Ihrer Buchhandlung der Zukunft am nächsten?
• Mayersche, Essen: Sehr übersichtlich, breite Wege und Freiflächen, Bücher werden sehr hochwertig präsentiert, leider auf jeder Etage die gleichen Möbel.
• Habel in Krefeld: Sehr schöne und auffällige Fassade, aber konventionelle Einrichtung.
• Baedeker in Neuss: Interessante Möblierung und Dekoration passend zur Ware, aber ungünstiger Grundriss
• Bücher Düpre in Moers: Flexible und übersichtliche Bestseller- und Taschenbuchpräsentation, Schaufenster hell beleuchtet, transparente Fassade – der Kunde spürt schon die angenehme Atmosphäre, bevor er das Geschäft betritt, aber leider (noch) kein durchgängiges Konzept.

Thomas Christenhusz

Thomas Christenhusz, Geschäftsführer Christenhusz Einrichtungen GmbH: Wohlfühlatmosphäre

Wie sieht für Sie die Buchhandlung der Zukunft aus?
Sie hat folgende Merkmale:
• Raumgestaltung mit Identifikationswert
• Reduktion des Warenangebotes
• Mehr Frontalpräsentation
• Großzügige, variable Mittelraumplatzierungen
• Zeitgemäßer Materialeinsatz

Wie kann ein Raum für den Kunden spannender gemacht werden?
• Durch Performance-offer, d.h. inszenierte Warenpräsentationen
• Warenbilder sind Themenwelten
• Mit trendgemäßer Formensprache
• Durch einen ausgewogenen Materialmix
• Indem eine Wohlfühlatmosphäre kreiert wird
• Und indem der Kompetenzcharakter betont wird

Welchen Fehlern begegnen Sie am häufigsten?
• Es ist zuviel Ware da.
• Leider auch eine mangelnde Pflege des Sortiments.
• Unzureichende Orientierung
• Schlechte Beleuchtung

Welche bestehende Buchhandlung kommt Ihrer Buchhandlung der Zukunft am nächsten?
• Buchhandlung Hintzen, Kleve
• Buchhandlung von Bestenbostel, Nordenham
Beide zeichnen sich durch ein klares Konzept, Übersichtlichkeit und einen harmonischen Materialmix aus.

Matthias Kreft

Matthias Kreft, Geschäftsführer Wilhelm Kreft GmbH: Zentral ist das Dasein für den Kunden

Wie sieht für Sie die Buchhandlung der Zukunft aus?
Ganz sicher braucht die Buchhandlung der Zukunft eine Kombination verschiedener Aspekte: Dazu gehören beispielsweise die Vielfalt der Medien und ein darauf aufbauendes abwechslungsreiches Sortiment. Interessant auch, wenn es gelingt, ergänzende Angebote zu integrieren und so ein attraktives Umfeld für die Warenpräsentation zu kreieren. Im Mittelpunkt steht jedoch längst nicht mehr das Sortiment, sondern der Kunde. Der muss sich wohl fühlen, im Laden verweilen und Angebot wie Service genießen können. Auch im Buchhandel werden die Kunden künftig verstärkt Individualität, Kontaktfähigkeit und einladende Atmosphäre fordern. Sie erwarten Offenheit, wollen einen raschen Überblick gewinnen und suchen verständliche Orientierungshilfen, die eine optimale ”Vor-Bedienung” ermöglichen, aber auch Raum für Inspiration und Entdeckerfreude lassen.
Sie wollen problemlos auf alles zugreifen können und suchen dabei doch die Gewissheit, dass man für sie da ist, wenn sie den Wunsch nach individueller Beratung haben. Die Buchhandlung der Zukunft muss sich meiner Meinung nach ganz diesem Gedanken verschreiben: das Dasein für den Kunden – und das umfassend.

Wie kann ein Raum für den Kunden spannend gemacht werden?
Spannend ist im Grunde alles, was ungewöhnlich ist und unsere Neugier weckt, ohne uns zu verunsichern. Auf der einen Seite braucht man eine klare Struktur, auf der anderen Seite aber sollte es gelingen, die Abenteuer- und Entdeckerlust des Kunden zu befriedigen. Überraschende Eindrücke durch auffällige Inszenierungen oder ausgefallene Dekorationen fördern die Freude am Stöbern und regen zum Kauf an.
Dieses spannungsvolle Wechselspiel zwischen einem schnell begreifbaren Sortiment und dem ungewöhnlichen Eindruck muss aber immer wieder von Neuem aufgebaut werden: Das Zauberwort heißt Veränderung, ein Verkaufsraum sollte eine gewisse Beweglichkeit zulassen, z.B. durch variierendes Licht oder Projektionen.

Welchem Fehler begegnen Sie am häufigsten?
Oft ist zu viel Ware im Raum. Der Kunde sieht sich einer unglaublichen Masse gegenüber, findet keinen Überblick und verliert so meist auch jegliche Lust am Erkunden. Eine einladende und damit verkaufsfördernde Präsentation findet dort nicht mehr statt. Hierzu kann man ganz offen sagen: Weniger ist in der Regel mehr. Ausgewählte Sortimente, die dafür aber ansprechend präsentiert werden, garantieren den größeren Verkaufserfolg.

Welche bestehende Buchhandlung kommt Ihrer Buchhandlung der Zukunft am nächsten?
Viele Buchhandlungen haben inzwischen den Weg in die Zukunft beschritten. Beispielsweise hat die Buchhandlung Buch Kober in Mannheim sehr viel dafür getan, eine „Atmosphäre des Willkommens“ aufzubauen und den Kunden zum Verweilen einzuladen. Großzügige Lesezonen und das Café spielen hierbei eine ebenso wichtige Rolle, wie das insgesamt offene, dem Gast zugeneigte Ambiente des Raumes.
Weitere Aspekte der Zukunftsbuchhandlung werden unter anderem im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann deutlich: Hier findet man sowohl ein hohes Maß an Service, als auch eine vorbildliche Verknüpfung der verschiedenen Medien, die ihren spezifischen Besonderheiten entsprechend präsentiert werden.

Fazit
Die Buchhandlung der Zukunft muss für ihre Kunden Themen inszenieren, darin sind sich alle fünf befragten Ladenbauer einig. Sie muss überraschend sein und daher in ihrer Gestaltung flexibel. Vor allem die Beleuchtung scheint hier ein Thema zu sein, das häufig vernachlässigt wird. Sie steht auf fast jeder Mängelliste („entweder zu dunkel oder gleißend hell“). Gleichzeitig weisen alle Ladenbauer darauf hin, dass gerade das Licht ein gutes Stilmittel ist, um einen Raum zu verwandeln. Für welches Beleuchtungs-Konzept haben Sie sich entschieden, und sind Sie damit zufrieden?
Wen

BuchMarkt 1/2004

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