Alexander Wolff zu dem Buch über seinen Großvater — den legendären Verleger Kurt Wolff „Das Land meiner Väter ist Zeitgeschichte und gleichzeitig intime Familiengeschichte“

Kurt Wolff war der Verleger von Franz Kafka, Joseph Roth, Heinrich Mann, Franz Werfel, Karl Kraus und Boris Pasternak. Dessen Lebensgeschichte und die seiner Familie erzählt Alexander Wolff in Das Land meiner Väter (ab Mitte September bei DuMont). Das war Anlass für unser heutiges Autorengespräch mit dem Enkel eines der wohl bedeutendsten Verleger der deutschen Verlagsgeschichte: 

Alexander Wolff: „Das Land meiner Väter  beschreibt große historische Ereignisse, es erzählt von der Bekanntschaft Kurt Wolffs mit führenden literarischen und musikalischen Persönlichkeiten der Zeit, von Brahms über Kafka bis Pasternak – es ist eine Art Zeitgeschichte, aber gleichzeitig auch eine intime Familiengeschichte“

Herr Wolff, das ist immer unsere erste Frage: Worum geht es in Ihrem Buch? 

Das Land meiner Väter  handelt von meinem Großvater und meinem Vater, zwei in Deutschland geborenen Männern, die amerikanische Staatsbürger wurden.

Ihr Großvater ist der legendäre Verleger  …

… der vor den Nazis floh und als Flüchtling in die USA kam, wo er seine Karriere als Verleger in New York wieder aufnahm.

Der andere ist Ihr Vater …

… der durch eine Scheidung mit seiner Mutter, einer geborenen Merck, in Deutschland zurückgelassen wurde und Hitler noch an zwei Frontendiente. Er kam erst nach dem Krieg als Emigrant in die USA. Das Buch ist  damit Geschichtserzählung und Lebenserinnerung, es ist aber auch eine journalistische Aufarbeitung, denn ich bin Journalist von ganzem Herzen.

Für die Arbeit an Das Land meiner Väter sind Sie extra für ein Jahr nach Belin gezogen.

Ja, ich habe ein Jahr dort gelebt, um die Lebenswege meiner Vorfahren dort vor Ort zu erkunden. In dieser Zeit passierte auf beiden Seiten des Atlantiks so viel, so dass ich Stift und Notizbuch nicht zur Seite legen konnte.

Wem könnte denn eine Buchhändler:in Das Land meiner Väter mit welchem Argument am besten verkaufen? 

Das Buch beschreibt große historische Ereignisse, es erzählt von der Bekanntschaft Kurt Wolffs mit führenden literarischen und musikalischen Persönlichkeiten der Zeit, von Brahms über Kafka bis Pasternak – es ist eine Art Zeitgeschichte, aber gleichzeitig auch eine intime Familiengeschichte. Ich habe beim Schreiben auf Briefe und Tagebucheinträge zurückgegriffen, die im Auftakt und inmitten der NS-Katastrophe geschrieben wurden. Und ich wollte die deutsch-amerikanischen Beziehungen damals und heute beleuchten, aus meiner persönlichen Perspektive, aus der Perspektive eines Menschen, der ganz und gar amerikanisch ist. Für mich leistet Deutschland heute, da die USA immer noch unter den Nachbeben der Trump-Präsidentschaft leiden, in fast jeder Hinsicht viel bessere Arbeit als die Vereinigten Staaten.

Haben Sie auch ein Bild vom deutschen Buchhandel?

So gut kenne ich mich nicht mit der deutschen Buchbranche aus, aber ich habe durch meinen einjährigen Aufenthalt in Deutschland den Eindruck gewonnen, dass die Buchhändler noch immer sehr persönlich und für viele Stammkunden arbeiten. Ich erinnere mich auch, dass meine Tante Maria mir erzählte, dass die Buchhändlerin in ihrer Hamburger Nachbarschaft sie und ihren Geschmack so gut kannte, dass sie angerufen wurde, wenn das Neueste von einem Lieblingsautor im Laden eingetroffen war. Wenn dieser Geist im deutschen Buchhandel noch lebt, muss die Branche sich nicht fürchten – und Kurt Wolff lächelt sicher von oben herab. Denn mein Großvater liebte es, seine Begeisterung persönlich auf andere zu übertragen, sei es für einen besonderen Jahrgangswein, das Werk eines Malers oder für ein Buch, an das er wirklich glaubte.

Wie war es für Sie, in Deutschland und deutschen Archiven zu recherchieren?

Mich hat es sehr erstaunt, wie umfangreich die Originaldokumente aus dem Dritten Reich in Deutschland erhalten sind. Mein Deutsch ist nicht allzu gut – aber doch gut genug, um zu verstehen, wann ich tiefer bohren musste.

Wann etwa?

So konnte ich im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde oder dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach interessante Dokumente entdecken und mir eine Fotokopie bestellen. Ich übersetzte sie, manchmal auch mit Hilfe einer Freundin aus Kreuzberg, und fühlte mich dabei wie ein Fotograf in einer Dunkelkammer: aus dem Text entwickelte sich plötzlich eine Klarheit für mich heraus. Bei manchen Dokumenten musste ich sehr geduldig sein: So dauerte es zum Beispiel mehr als zwei Jahre, bis eine Antwort von der alten Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin-Reineckendorf kam. Aber es hat sich immer gelohnt zu warten.

Mehr zum Buch auf der Webseite des Autors

Sie waren 36 Jahre Sportreporter. Hilft das bei so einem Projekt? 

Auch die Sportberichterstattung ist Storytelling, man erzählt von Akteuren, von Triumph und Verlust. Und die Artikel, die ich für Sports Illustrated schrieb, befassten sich oft auch damit, welchen Einfluss der Sport und große Sportereignisse auf Politik und Gesellschaft haben. Zum Beispiel schrieb ich über die Auswirkungen des Balkankrieges auf die jugoslawische Basketballnationalmannschaft oder welche Nachbeben das Massaker der Olympischen Spiele 1972 in München auslösten. Meine Arbeit als Sportjournalist hat mich also überraschend gut auf dieses Projekt vorbereitet.

Hat Sie beunruhigt, was Sie in den Dokumenten entdeckt haben?

Ich war lange der Überzeugung, dass der Holocaust zum größten Teil versteckt in Todeslagern tief in den polnischen Wäldern stattfand. Als ich von dem Hungerplan der Nazis las,  bei dem sie Juden, Slawen und sowjetische Gefangene systematisch aushungerten und die Nahrung an deutsche Soldaten und Zivilisten an der Heimatfront umleiteten, war ich erschüttert. Denn gleichzeitig las ich die Briefe meines Vaters an seine Mutter, in denen er ihr berichtete, wie gut es ihm in der besetzten Sowjetunion geht.
Ich wechselte also ständig zwischen diesen zwei historischen Spuren hin und her: die umfassenden Berichte und Aufzeichnung, die man in Geschichtenbüchern, Biografien und Lebenserinnerungen findet und parallel dazu die intimen persönlichen Briefe und Tagebucheinträge meiner Familie. Es hat mich zutiefst betroffen gemacht, dass mein Vater sich ja eigentlich am Völkermord indirekt mit schuldig gemacht hatte – einfach indem er seine zugeteilten Rationen an der Front aß.

Wie wurde das Buch in den USA aufgenommen?

Ich war mir ziemlich sicher, dass sich die amerikanischen Leser vor allem für meinen Großvater Kurt Wolff interessieren würden – einen charismatischen Verleger, der sich mit berühmten Künstlern und Musikern umgab. Aber dann zeigte sich bei Lesungen und Gesprächen, dass sie das Leben meines Vaters Niko sehr berührt hat. Vielleicht auch, weil er ein ruhiger, zurückhaltender Mensch ist, eher ein Durchschnittstyp, mit dem sie sich identifizieren konnten.  Sie waren fasziniert von seiner Geschichte und der Last, die er im Krieg zu tragen hatte, aber natürlich auch davon. Das ist ja immer noch der ganze Stolz der Amerikaner, dass er in Amerika die Chance hatte, sich neu zu erfinden. Ich bin nun sehr gespannt, wie die deutschen Leser das Buch aufnehmen werden.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

 

 

Kommentare (2)
  1. Ein weiteres Mal ein herzlicher Dank für dieses Gespräch!
    Christian von Zittwitz versteht es, einfühlsam, vorsichtig und zurückhaltend zu fragen und somit Alexander Wolff das Anworten leicht zu machen.
    Obwohl ich ’nur‘ Leser‘ und bisweilen Rezensent/Kritiker bin, kann ich bestätigen, dass es um den Buchhandel in Deutschland nach wie vor gut bestellt ist. Ich bin nun 68 Jahre jung und bin seit gut 60 Jahren eifriger und leidenschaftlicher Leser. Als ich 14 war, schickte mir meine Buchhändlerin „Die Blechtrommel“ ins Krankenhaus, wo ich lange bleiben musste. Danach war ich aufgeklärt – und an die Literatur verloren, für immer!
    Und heute bin ich seit 40 Jahren in Wolfratshausen beheimatet, zwei Buchhandlungen begleiteten mein Lehrer- und Leserleben mit fürsorglichen und belesenen BuchhändlerInnen. Heute gibt es nur noch die dritte und einzige Buchhandlung in der Flößerstadt, und die Buchhändlerinnen sind jung, aber immer noch belesen und fürsorglich zu dem Grauesel, der ihren Bücherladen betritt.
    Ich freue mich schon auf das Buch von Alexander Wolff!
    Dieter Klug, Wolfratshausen

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