Auf Platz 1 im Juni: Mary MacLane: "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" (Reclam) Die neue SWR-Bestenliste ist da

Renommierte Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich ‑ in freier Auswahl ‑ vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition für den März ergab folgendes Resultat:

  • 1. Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels (Reclam)

Eine Neunzehnjährige, die ein Debüt in Tagebuchform veröffentlicht und damit einen Volltreffer landet. Mary MacLanes 1902 erschienener Text hat Verzweiflung, Poesie, Größenwahn. Ein schreibendes Ich begehrt gegen alle Grenzen auf.

  • 2. Monique Truong: Sweetest Fruits (C.H.Beck)

Die Biografie eines Mannes, erzählt aus der Perspektive dreier Frauen: Lafcadio Hearn wird auf einer griechischen Insel geboren, geht nach Amerika und stirbt schließlich als Professor für Literatur in Japan. Aus den Erzählungen über ihn entfalten sich hochspannende Lebenswege auf drei Kontinenten.

  • 3. Georges-Arthur Goldschmidt: Vom Nachexil (Wallstein)

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die der Gegenwart von den Schrecken und den Traumata der nationalsozialistischen Verfolgung erzählen können. Und schon gar nicht auf eine so brillante Weise wie Georges-Arthur Goldschmidt. Dies ist das noch nicht einmal 100 Seiten umfassende Konzentrat seiner Erfahrungen

  • 4. Sigrid Nunez: Der Freund (Aufbau Verlag)

Ein Mann hat sich das Leben genommen. Eine Frau trauert um ihn. Und dann kommt Apollo ins Spiel, eine Dogge, 80 Kilogramm schwer, 85 Zentimeter Höhe von der Pfote bis zur Schulter. Ausgezeichnet mit dem National Book Award, ist Nunez‘ Roman komisch und anrührend zugleich. Ein Trostbuch und eine Reflexion über Literatur.

  • 5.  Alexandru Buluczwas Petersilie über die Seele weiß (Schöffling&Co)

In neun Zyklen schlägt Alexandru Bulucz einen Ton an, der in seinem Variantenreichtum ebenso verblüffend ist wie in der souveränen Beherrschung der Form. Die Petersilie, so erfahren wir im Nachwort, gilt gerade im Aberglauben romanischer Völker als Unglückspflanze. Hier wird sie zum Glücksfall.

  • 6. Xaver Bayer: Geschichten mit Marianne (Jung und Jung)

Eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Ein Liebespaar, das weiß, dass eigentlich alles vorbei ist und sich in der Abstellkammer eines Wiener Museums einen kleinen Freiraum erhält. Eine Ich-Auflösung angesichts des Wahns der Gegenwart. Und, durch die Hintertür, eine subtile Form des poetischen Widerstandes.

  • 7. Hans-Joachim Schädlich: Die Villa (Rowohlt)

Eine Gründerzeitvilla im Vogtland. Eine Familie, die 1940 dort einzieht. Der Alltag im Nationalsozialismus. Die Verbrechen, die beschwiegen werden. Die Angst. Ein Epilog im Jahr 2008. Mehr gibt es nicht zu sagen. Schädlich ist ein Spezialist für kurze Romane, die im Protokollstil historisches Material verdichten.

  • 8.  Scott McClanahan: Sarah (ars vivendi)

Eine klassische Liebesgeschichte, genau genommen: Scott liebt Sarah, Sarah liebt Scott. Doch die beiden können beieinander nicht bleiben. Scotts trampelige Egomanie steht im Weg. Immerhin ist er der beste betrunkene Autofahrer der Welt. Eine Komödie und Tragödie in einem, übersetzt von Clemens J. Setz.

  • 8. Elizabeth Strout: Die langen Abende (Luchterhand)

Olive Kitteridge ist zurück. Mittlerweile ist sie über 70, wagt sich in eine neue Ehe und ist der heimliche Mittelpunkt des Küstenstädtchens Crosby. Elizabeth Strout kreist um die Probleme des Alterns und zeigt zugleich Menschen, die am Glücklichsein arbeiten. Hemmungslos nostalgisch, aber niemals sentimental.

  • 10. Emmy Hennings: Gedichte (Wallstein)

Emmy Hennings, geboren 1885, war weit mehr als die bloße Muse der dadaistischen Bewegung. Nun liegt erstmals ihr Gesamtwerk in einem Band vor. Gedichte, die von Irrwegen durch die Welt erzählen und von der Sehnsucht, Kunst und Leben zu einer untrennbaren Verbindung werden zu lassen.

  • 10.  Ivan Vladislavic: Schlagabtausch (Wagenbach)

Pretoria, 1971: Der zwölfjährige Joe wächst in einem südafrikanischen weißen Mittelstandsghetto auf und himmelt den Box-Star Muhammad Ali an. Fernsehen gibt es noch nicht, also sammelt Joe Zeitungsausschnitte. Subtil kreist Vladislavićs Roman um die großen Begriffe Anpassung und Widerstand.

Die Jury: Helmut Böttiger (Berlin) │ Michael Braun (Heidelberg) │ Mara Delius (Berlin) | Gregor Dotzauer (Berlin) │ Martin Ebel (Zürich) │ Eberhard Falcke (München) │ Cornelia Geißler (Berlin) │ Sandra Kegel (Frankfurt) │ Sigrid Löffler (Berlin) │ Ijoma Mangold (Berlin) │ Lothar Müller (Berlin) │ Klaus Nüchtern (Wien) │ Jutta Person (Berlin) │ Wiebke Porombka (Berlin) │ Iris Radisch (Hamburg) │ Ulrich Rüdenauer (Bad Mergentheim) │ Denis Scheck (Köln) │ Marie Schmidt (München) │ Christoph Schröder (Frankfurt) │ Julia Schröder (Stuttgart) │ Gustav Seibt (Berlin) │ Hubert Spiegel (Frankfurt) │ Nicola Steiner (Zürich) │ Hajo Steinert (Köln) │ Daniela Strigl (Wien) │ Beate Tröger (Frankfurt) | Kirsten Voigt (Baden-Baden) │ Jan Wiele (Frankfurt) │ Insa Wilke (Berlin) │ Hubert Winkels (Köln)

Kommentare (1)
  1. Auch in diesem Frühling sind im deutschsprachigen Raum tausende Bücher in vielen Verlagen erschienen. 30 Kritikerinnen und Kritiker präsentieren die „Besten“.
    Die Frage stellt sich, wie wichtig solche Auswahlverfahren für Lesende sind. Eine hilfreiche Selektion für Unschlüssige? Und warum „Bestenliste“? Haben diese Titel im Wettbewerb zu anderen Titel bestanden? Und wenn ja, welche Bücher haben es nicht in diese Liste geschafft und warum nicht?

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