Anne Gröger, Sarah Jäger, Lena Lackmann Die Nominierten für den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg stehen fest

Für den diesjährigen Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg hat die Jury drei Autorinnen nominiert. In die nähere Auswahl kommen in diesem Jahr ein Bilderbuchmanuskript, ein Kinderbuchmanuskript und ein Jugendbuch. 342 Erstlingswerke (230 Manuskripte, 112 Bücher – 2019: 212) wurden insgesamt eingereicht und von der Jury gesichtet und beurteilt. Die diesjährige Jury hat sich schließlich für folgende Werke entschieden:
 • Anne Gröger mit ihrem Kinderbuchmanuskript Hallo, ich bin der kleine Tod! (Arbeitstitel, erscheint voraussichtlich 2021 bei dtv)
 • Sarah Jäger mit ihrem Jugendbuch Nach vorn, nach Süden (Rowohlt Rotfuchs)
 • Lena Lackmann mit ihren Illustrationen zum Bilderbuchmanuskript Ich bin so müde!
Die Bekanntgabe der Preisträgerin erfolgt am am Freitag, 13. November.
Die Mitglieder der Jury sind Prof. Dr. Tobias Kurwinkel (Professor für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliteratur an der Universität Duisburg-Essen), Christine Paxmann (Herausgeberin des Magazins „Eselsohr“ und Autorin), Birgit Müller-Bardorff (Redakteurin der Augsburger Allgemeinen), Mehrdad Zaeri (Illustrator) und Katharina Zedler (Schülerin der IGS Flötenteich).
Die Jurybegründungen im Einzelnen:
  • Zu Lena Lackmann: Ich bin so müde
Mehrdad Zaeri: „Auf jeder Doppelseite von Ich bin so müde! wird man Zeuge eines wilden, großen, bunten Geschehens mit vielen Details, in denen kleine Geschichten verborgen sind. Durch die Wiederholung der Frage ,Und du? Bist du schon müde?‘ am Ende jeder Doppelseite erwartet man mit Spannung, welches Wesen als Nächstes von großer Müdigkeit übermannt wird. Auf spielerischer Art und Weise wird dem Kind vermittelt, dass die Müdigkeit und das Zu-Bett-Gehen für jeden dazu gehört.
Lena Lackmann gelingt es, mit großer Leichtigkeit den Sprung zwischen extremen Kontrasten wie Groß und Klein, Hell und Dunkel oder Kalt- und Warmfarbig in ihren Illustrationen zu vollziehen. Sie schafft es, ihre Farben so einzusetzen, dass sie trotz der absoluten Buntheit die Betrachterin oder den Betrachter nicht überreizen.
Die Autorin besitzt eine ganz eigene Auffassung von Räumlichkeit. Sie hat die Gabe, Perspektiven trotz extremer Verzerrung sehr stimmig und nachvollziehbar darzustellen. Durch die kraftvolle, klare Bildersprache und die gekonnte Einbettung der Typographie hat sie uns überzeugt und wird mit ihrem Buch Ich bin so müde! für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 nominiert.“
  • Zu Anne Gröger: Hallo, ich bin der kleine Tod!
Christine Paxmann: „Kinder, die lange im Krankenhaus sind, entwickeln eine besondere Intelligenz. Spielen mit Gleichaltrigen – kommt nicht vor. Normaler Schulbetrieb – ausgeschlossen. Die Umgebung besteht aus Erwachsenen. Ist das so abgeriegelte Kind auch noch intelligent, kann daraus ein Tyrann werden. Und genau das ist Sami, der an einer Immunkrankheit leidet und sein Leben zwischen Sauerstoffzelten und staubfreien Zimmern verbringt. Einzige Ansprechpartner sind seine Eltern und das Klinikpersonal. Nun könnte man schon ein bisschen ungeduldig mit dem Jungen werden, der alle spüren lässt, dass man auf ihn Rücksicht zu nehmen hat, wäre er nicht auch urkomisch. Und dann soll er auch noch entlassen werden! Angeblich sei er gesund! Just in diesem Augenblick betritt seine Gegenspielerin das Spielfeld. Auch der Tod kann nicht alle Arbeit alleine erledigen und so müssen seine Lehrlinge sich immer mit einem Meisterstück bewähren. Frida ist so ein kleiner Todesgehilfe. Doch Frida, die als Meisterstück den kleinen Sami um die Ecke bringen soll, ist bestechlich. Und neugierig wie jedes Kind. Sie muss allerdings erst lernen, wie es unter den Menschen zugeht. Und so befinden sich beide bald in einem gewaltigen Lernprozess. Der lebensscheue Sami soll endlich wie ein normales Kind leben. Frida, die den tödlichen Auftrag hat, wird zur Steigbügelhalterin in Sachen Lebenstüchtigkeit. Getarnt als neue Freundin aus der Schule lassen die Eltern die beiden ihr Ding machen, froh, dass der Junge endlich Lust auf Abenteuer hat. Und tatsächlich möchte Sami noch den letzten Wunsch seines einzigen Freundes erfüllen. Einmal auf einen Berg steigen. Scheint angesichts der fragilen Konstitution des Jungen unmöglich. Doch Frida wird sein Coach, seine Lebensretterin.
 Dass diese Schicksalsgemeinschaft trotz des todernsten Backgrounds so ungeheuer leicht und unterhaltsam rüberkommt, ist der bestechende Sound in diesem Buch. Wie Anne Gröger den beiden Außenseitern Leben einhaucht, ist bezaubernd und ernsthaft zugleich. Dass die kleine Todesbotin Tagebuch führt, ein gutes Stilmittel, um der Figur Tiefe zu geben. Bei aller Komik und Slapstick bleibt die ernste Message, das Leben zu leben, egal wie kurz es ist. Die kleine Frida als antiautoritärer, anarchischer Tod ist so köstlich wie gnadenlos. Sami, der nichts dem Zufall überlassen möchte, macht eine erstaunliche Wandlung durch. Wie der furiose alpine Showdown dann noch einmal einen Twist bringt, ist hohe Kinderbuchkunst. Und macht Anne Gröger zu einer vielversprechenden neuen Stimme der Kinderliteratur.“
  • Zu Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden
Birgit Müller-Bardorff: „Der erste Satz des Romans setzt den Rahmen: ,Der Hinterhof vom Penny-Markt ist mehr als ein Hinterhof‘. In Sarah Jägers bemerkenswertem Debüt Nach vorn nach Süden ist er zunächst ein ungewöhnliches Setting für einen Jugendroman, vor allem aber ist er Schutzraum und Zufluchtsstätte für eine Gruppe Jugendlicher, denen die Perspektive abhandengekommen ist. Sie jobben im Laden, danach hängen sie gemeinsam ab, grillen, chillen und quatschen über alles, was ihnen durch den Sinn streift. Marie, die gerade ihren Realschulabschluss gemacht hat; Otto und Vika, die eine kleine Tochter haben, aber kein Paar mehr sind; die Brüder Levoy und Martin; der smarte Can mit seinen lockeren Sprüchen; Pavel, der Kümmerer, der deshalb auch mit dem Attribut ,unser‘ belegt wird. Und dann wäre da noch das Mädchen, das alle nur ,Entenarsch‘ nennen, wenn sie sie denn überhaupt bemerken. Sie ist die Außenseiterin in dieser eingeschworenen Clique. Wie es ist, immer nur am Rand zu stehen, nicht gesehen zu werden, das weiß sie und Sarah Jäger schildert dies eindrücklich und nahe gehend.
 Sie macht die 19-Jährige zur Erzählerin ihrer Geschichte, mehr noch: Sie rückt sie in die Mitte des Geschehens. Die Penny-Clique will Jo suchen, der einmal zu ihnen gehörte, aber seit sechs Monaten verschwunden ist, und nur sie hat Führerschein und Auto. Eine Reise beginnt, die die Hinterhof-Clique vom Ruhrgebiet in den Süden der Republik führt, über Landstraßen und auf Parkplätze, auf ein Rockfestival und in andere Penny-Hinterhöfe. Atmosphärisch dicht und sehr witzig beschreibt Sarah Jäger diese Tour durch das sommerheiße Deutschland im blauen Opel Corsa ohne Klimaanlage und mit einer Fahrerin ohne Fahrpraxis am Steuer.
Nichts Großes passiert, dafür reihen sich Episode an Episode, Begegnung an Begegnung, Gespräch an Gespräch und fügen sich zu einem außergewöhnlichen Road-Trip mit einer leisen Liebesgeschichte zusammen. Großartig gelingt es der Autorin, die Balance zu halten zwischen Situationskomik und berührenden Momenten, zwischen flapsiger Schnoddrigkeit und poetischem Ton. Jedem ihrer Akteure gibt Sarah Jäger dabei eine eigene Stimme. Vor allem aber fasst sie das in Worte, was Jugend ausmacht: die Unbeschwertheit und Freiheit, alles zu denken und zu tun, die Last und die Zweifel, ob es auch das Richtige ist.“
  • Die Jury über den Auswahlprozess:
Prof. Dr. Tobias Kurwinkel: „In diesem Jahr hatten wir es mit mehr Einsendungen als in den vergangenen Jahren zu tun; entsprechend waren viele schöne Texte dabei, aus denen wir eine Auswahl treffen mussten. Das war nicht einfach, bescherte uns einige Diskussionen – und auch ein wenig Kopfzerbrechen. Am Ende konnten wir uns nichtsdestotrotz auf drei großartige Titel einigen und diese für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis nominieren. Unter diesen Titeln ist auch ein Bilderbuch, worüber ich mich unheimlich freue.“
Birgit Müller-Bardorff: „Jurysitzungen via Skype sind möglich und mitunter auch äußerst erheiternd. Trotzdem sind sie kein vollwertiger Ersatz für die Diskussion von Angesicht zu Angesicht. Zumal die Zahl der Einsendungen in diesem Jahr größer war und deshalb auch die Auswahl, über die wir eingehender beraten wollten. Zunächst machten viele Einsendungen mit abwechslungsreichen Geschichten sowie interessanten Akteurinnen und Akteuren neugierig. Beim genaueren Hineinlesen in die Manuskripte und Bücher blieben dann eine Handvoll Titel übrig, die nicht nur eine spritzige Schreibe oder einen flotten Strich aufweisen, sondern einen eigenen Zugang zu einem Thema finden und literarisch so herausragend sind, dass sie es auf die Nominierungsliste schaffen.“
Christine Paxmann: „Auch altgediente Juryhasen machen in diesen Zeiten neue Erfahrungen. Die Videoschalte als Tool für lebhafte Diskussion zeigt ihre Grenzen. Tatsächlich war die Auswahlfindung deutlich anstrengender. Vielleicht lag es auch an der Auswahl? Mehr Einsendungen denn je, aber das konnte man in vielen Wettbewerben dieses Jahr beobachten. Es wurde viel geschrieben in diesem Land. Leider wurde viel weniger illustriert. Wir würden uns so sehr wünschen, mehr illustrative Einsendungen in der Auswahl zu haben. Trotz aller äußeren Einschränkungen haben wir aber heftig gerungen um die Auswahl. Ein kreativer Prozess, den ich nicht missen möchte, weil er das eigene Urteil so schön gegen den Strich bürsten kann. So ist Juryarbeit auch immer ein Lehrstück an Demokratie, Argumentieren und Geschmackssache!“
 Mehrdad Zaeri: „Was mir am Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis besonders gut gefällt, ist die große Zahl der Manuskripte, die sich noch im skizzenhaften, nicht vollendeten, durchlektorierten Stadium befinden. Unter den Hunderten von eingereichten Manuskripten gibt es eine besonders bemerkenswerte Kategorie, auf die ich gerne hinweisen möchte: die Bücher mit dem Schwerpunkt Illustration. Die Jury wünscht sich in Zukunft noch mehr Einreichungen im Bereich Illustration. Dass sich das lohnen kann, zeigt die Nominierung von Lena Lackmann. Nun liegt es an den Illustratorinnen und Illustratoren, in den kommenden Jahren an dieser bemerkenswerten Buchpreisverleihung teilzunehmen.
Katharina Zedler: „Dieses Jahr lief auf seine eigene Art ganz besonders. Aufgrund von Corona konnten wir uns als Jury nicht persönlich zusammenfinden und mussten eine Alternativlösung finden, worauf wir uns auf Skype-Meetings einigen konnten. Die Besprechungen verliefen nun von zu Hause aus, was anfangs auch sehr gut lief. Jedoch merkte man auch, wie anstrengend sonst lebendige Diskussionen sein können, wenn man sich nicht gegenüber sitzt. Aber alles in allem kann ich sagen, dass dieses Jahr trotz der Umstände nicht weniger Spaß gemacht hat.“
Seit 1977 vergibt die Stadt Oldenburg einen Preis für herausragende literarische und künstlerische Leistungen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur. Der mit 8.000 Euro dotierte Förderpreis dient dem Ansporn und der Ermutigung von Autorinnen und Autoren beziehungsweise Illustratorinnen und Illustratoren ein Erstlingswerk vorzulegen. Zugleich soll innovativen Ideen eine Chance gegeben und ein Anreiz geschaffen werden, die Werke Unbekannter in die Verlagsprogramme aufzunehmen.

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