Auf Platz 1: Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein" (Suhrkamp Verlag) Die SWR-Bestenliste für den Oktober ist da!

Renommierte Literaturkritiker*innen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leser*innen wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3).

1. Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein (Suhrkamp Verlag)

Eine Kindheit in der Sowjetunion in den 1970er-Jahren. Später ein zerfallendes Riesenreich, dessen neuer Kitt der aufkeimende Rassismus ist. Und eine Migrantenbiografie, deren Verlauf Auswirkungen auf die folgenden Generationen hat. Salzmanns Buch ist Familienroman und zugleich das scharfe Porträt der späten Sowjetzeit.

2. Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September (Piper Verlag)

Ein ostdeutsches Dorf, in dem eine Frau ihren Mann aus rätselhaften Gründen erschlägt. Von dieser vermeintlich unerklärlichen Tat ausgehend, entfaltet Klüssendorf ein Panorama, das stets auf der Grenze zwischen realistischer Beschreibung und Traumsequenzen balanciert. Selbst die Toten wandern umher.

3. Louise Erdrich: Der Nachtwächter Übersetzt aus dem Englischen von Gesine Schröder (Aufbau Verlag)

Die Hauptfigur Thomas Wazhashk ist in ihrer Anlage stark an den Großvater der Autorin angelehnt. Er war Häuptling der Chippewa in North Dakota. Es sind die frühen 1950er-Jahre, und Wazhashk kämpft gegen die gesetzlich angestrebte Auflösung der indianischen Nationen. Erdrich beschreibt eine offene Wunde ihres Landes.

3. Hervé Le Tellier: Die Anomalie Übersetzt aus dem Französischen von Romy und Jürgen Ritte (Rowohlt Verlag)

Eine Air-France-Maschine, die nach schweren Turbulenzen drei Monate nach dem Abflug in New York landet. Dort ist sie allerdings schon einmal gelandet, mit identischem Personal an Bord. Le Telliers Roman wurde in Frankreich zum Millionenerfolg. So produktiv kommt die kalkulierte Verwirrung selten daher.

3. Helen Macdonald: Abendflüge Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer (Hanser Verlag)

Mit ihrem 2014 erschienenen Buch »H wie Habicht« avancierte die Britin Helen Macdonald zu einer Vorreiterin des mittlerweile wieder populären Nature Writing. Ihr neues Buch umkreist erneut das Verhältnis von Mensch und Tier, sucht nach Analogien und hat die Gegenwart im Blick.

6. Jenny Erpenbeck: Kairos (Penguin Verlag)

Hans und Katharina lernen sich 1986 kennen. Er ist 53, sie 19 Jahre alt. Eine heimliche Liebesgeschichte voller Verstellungen und Täuschungen. Im Hintergrund zerbröselt die DDR. Es gibt mehr Fragen als Antworten. Die deutsche Geschichte und deren psychosoziale Implikationen sind in den Roman eingewoben.

7. Eva Menasse: Dunkelblum (Kiepenheuer & Witsch Verlag)

Beim sogenannten Massaker von Rechnitz wurden im März 1945 etwa 200 jüdische Zwangsarbeiter von der SS ermordet. Menasse fiktionalisiert den Schauplatz und zeigt die Jahrzehnte danach als eine lange Epoche des Verschweigens – bis mit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Erstarrung zwangsweise bröckelt.

8. Henning Ahrens: Mitgift (Klett-Cotta Verlag)

Nüchtern, stellenweise distanziert, aber präzise in den Beobachtungen von sprechenden Details erzählt Henning Ahrens die Geschichte einer Familie auf dem niedersächsischen Land von der Mitte des 18. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Man erkennt Strukturen, Kontinuitäten, die toxisch sind, aber »Tradition« genannt werden.

9. Gert Loschütz: Besichtigung eines Unglücks (Schöffling & Co. Verlag)

Am 22. Dezember 1939 ereignete sich in der Kleinstadt Genthin, 100 Kilometer westlich von Berlin, das bis heute schwerste Zugunglück in Deutschland. Loschütz‘ Erzähler macht sich an die Rekonstruktion der Katastrophe. Das vermeintlich Unzusammenhängende wird elegant in Beziehung zueinander gesetzt. Regie führt der Zufall.

9. Lutz Seiler: schrift für blinde riesen Gedichte (Suhrkamp Verlag)

Seiler ist einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller, bei dem sich lyrische Arbeit und Prosa schlüssig verbinden. In seinen Gedichten ist Seiler ein Autor, der sich auf Reduktion versteht. Er beweist, wie man Sprache ernstnehmen kann, ohne sich deren Regeln zu unterwerfen, und zeigt biografische Verschiebungen in unruhigen Zeiten.

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